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Br Die * hiſtoriſche Kunſt der Griechen in |

ihrer Entſtehung und Fortbildung.

Von Georg Friedrich Creuzer,

D. und Profeſſor zu Marburg.

Leipzig bey Georg Joachim Goͤſchen 1803.

3 Nee . eee eee eee g Ne N

1 TH

Dem Herrn Scheimen Juſtizrath Wi

zu Goͤttingen

| Dem Herrn O berkonſiſtorialrath e

zu Weimar

Dem Herrn Hofrath Schutz

zu Jena

Dem Herrn Profeſſor

zu Gottingen

aus Verehrung und Dankbarkeit

gewidmet

vom Verfaſſer.

Bit ide

———— —ů—

Der Verfaſſer vorliegender Schrift hatte bey ſeiner Arbeit eine zwiefache Abſicht. Einmal wollte er die Griechiſche Geſchicht—

ſchreibung auf ihrer hoͤchſten Stufe ihrem Urſprunge und Charakter nach erklaͤren. Er ſuchte daher die beyden Fragen zu be- antworten: Wie die Hiſtorie unter den Griechen entſtand, und was ſie in ihrer be— ſten Zeit war. Um dieſer Aufgabe Gnuͤge zu leiſten, glaubte er jeden einzelnen hiſto— riſchen Beſtandtheil von ſeinem Entſtehen

bis zur völligen Ausbildung entwickeln zu muͤſſen. Wenn er in dieſer Abſicht die Unterſuchung mehrmals auf dieſelben Punkte

VI

hinleiten mußte, ſo befuͤrchtet er deswegen, da dieß jedesmal in einem andern Geſichts⸗ punkte geſchah, von Sachverſtaͤndigen den Vorwurf unnoͤthiger Wiederholung nicht.

Eine ausfuͤhrlichere Geſchichte der Grie— chiſchen Hiſtoriographie lag nicht in ſeinem Plane. Dieſe iſt nicht eher moͤglich, als bis durch eine moͤglichſt vollſtaͤndige Samm⸗ lung und kritiſche Bearbeitung der Frag⸗ mente der wichtigſten Geſchichts— werke die Data dazu vorbereitet ſeyn wer; den. Der Verfaſſer hat in einer oͤffentli⸗ chen Ankuͤndigung dieſe Arbeit uͤbernommen, und er wird ihr, wie er bisher gethan, auch ferner einen großen Theil ſeiner Zeit und Kräfte widmen. Er wiederholt bey dieſer Gelegenheit die Bitte, ihn bey dieſem Un— ternehmen zu unterſtuͤtzen.

Die zweyte Abſicht bey gegenwaͤrtiger Abhandlung war: die Hiſtorie des Herodo⸗ tos nach ihren inneren und aͤußeren Bedin⸗ gungen im Ganzen zu erklaͤren, und dadurch eine Erklaͤrung derſelben im Einzelnen vor⸗ zubereiten.

VII

Der Verfaſſer beſchaͤftigt ſich naͤmlich mit einem Commentar uͤber den Herodotos, in welchem er allen den Forderungen, die man an eine grammatiſche Interpretation machen kann, zu entſprechen ſuchen, und in ſo fern dieſe durch eine kritiſche Behand⸗ lung des Textes bedingt iſt, auch letztere in ſeinen Plan aufnehmen wird.

Fuͤr die Sacherklaͤrung oͤffnet ſich bey dieſem Geſchichtſchreiber ein weites Feld. Um hier die moͤglichſte Vollſtaͤndigkeit mit der durch die Natur dieſes Commentars ge⸗ botenen Kürze zu vereinigen, wird der we— ſentliche Inhalt der Larcher'ſchen Noten und Abhandlungen und des Rennell'⸗ ſchen Geographical System of Herodo- tus, ſo wie anderer Schriften auswaͤrtiger Gelehrten in einem gedraͤngten Auszuge mit⸗ getheilt werden. Ein Hauptaugenmerk wird dabey dieſes ſeyn: die Bemerkungen der Aus⸗ laͤnder durch die Unterſuchungen Teutſcher Gelehrten zu vervollſtaͤndigen und zu berich⸗ tigen. Wie unbekannt jene Commentatoren oft mit den wichtigſten Forſchungen der Teut⸗

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ſchen ſind, davon enthaͤlt das uͤbrigens ſo treff liche Werk von Larcher, auch in der vor kur— zem erſchienenen neuen Ausgabe, die auffal⸗ lendſten Beweiſe.

Den Griechiſchen Text läßt der Verfaſ⸗ ſer nicht aufs neue abdrucken, weil wir an der, durch die verdienſtvollen Bemuͤhungen von Schaͤfer neuerlich vollendeten Reiziſchen Ausgabe einen correcten und wohlfeilen Text beſitzen. Der Commentar wird in demſelben Verlage wie dieſe Schrift erſcheinen, und 3 Baͤnde in groß Octav, jeden zu etwa 36 Bogen ausmachen.

Marburg im April 1803.

Der Verfaſſer.

In halt.

Leitende Ideen bey dieſer ganzen Unterſuchung. Seite x

Erſter Abſchnitt. Seite 2

Ueberſicht der Entſtehung der Griechiſchen Hi— fiorie überhaupt.

Aelteſter Aus druck des Faktums. Entſtehung der Hel⸗ denſage und des erzählenden Vortrags. Vielſeitigkeit des Griechiſchen Mythos. Der epiſche Dichter als Aufbe— wahrer des Faktums betrachtet. Hiſtoriſche Richtung der alten Griechiſchen Poeſie uberhaupt. Ungetrenntheit des mannigfaltigen Sagenſtoffs bey Homeros. Allmaͤhlige Scheidung deſſelben. Beſtimmter hiſtoriſcher Geiſt des Kyklos. Verhaͤltniß deſſelben zum reinen Epos und zur lyriſchen Poeſie. Jaoniſche Kultur, Staͤdtebluͤt he. Vermehrung des hiſtoriſchen Willens. Ende der heroi⸗ ſchen Zeit. Mannigfaltige Abhangigkeit von dem poſtti⸗ ven Inhalte des Mythos. Sagenſchreibung. Ver⸗ haͤltniß dieſer letzteren zur gebildetern Hiſtorie.

Zweyter A bſchnitt. Seite 43. Entſtehung der Hiftorie ihren Beſtandtheilen nach.

Betrachtung des Mythos, der alten Poeſie und der erſten hiſtoriſchen Werke ı) ih⸗ rem materialen Inhalte nach, 2) in ih⸗ rem Verhaͤltniſſe zur faktiſchen (hiſto⸗ riſchen) Wahrheit.

Verſchiedene Zweige des Mythos. Arten der hiſtoriſchen Sage. Verhaͤltniß der Griechiſchen Sagen zur hiſtori⸗ ſchen Wahrheit. Umfang und Inhalt der Mythen des Homeros. Die Poeſie deſſelben in ihrem hiſtoriſchen Werthe. Inhalt der kykliſchen Poeſieen ihr hiſtori⸗ ſcher Werth. Unterſuchung über das Zeitalter des erſten Logographen. Schwierigkeiten, mit denen die Griechiſche Hiſtorie in ihrem Entſtehen zu kaͤmpfen hatte. Beguͤnſti⸗ gungen, die fie fand. Geiſt und hiſtoriſche Verfahrungs— art der Logographen. Inhalt ihrer Werke. Wuͤrdi⸗ gung ihrer hiſtoriſchen Forſchung und Kritik. Annaͤhe⸗ rung der Logographie an die begruͤndetere Hiſtorie. Ver⸗ haltniß der Lyriker, der Tragiker, des Griechiſchen Volks

im Ganzen zu den Hiſtorikern. Herodotos als Forſcher und Kritiker betrachtet. N

Dritter Abſchnitt. Seite 113.

Geſchichte der hiſtoriſchen Anordnung und in ihrer Entſtehung.

Hiſtoriſch⸗genealogiſche Richtung des aͤlteſten Heldengeſangs. Poetiſche Freyheit des Homeriſchen Epos. Geiſt ſei⸗ ner Darſtellung. Homeriſche Weltanſicht. Die He⸗ ſiodeiſche Poeſie in ihrer genealogiſchen Form. Kykliſche Anordnung. Eintheilung und Anordnung des hiſtoriſchen Stoffs in den Werken der Logographen. Dionyſtos von Miletos. Die erſten Verſuche, den Zufall aus der Hi⸗

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ftorie auszuſchlieſen. Pragmatismus des Dionnflos. Verkennung der Natur des Griechiſchen Mythos. Heros dotos: Plan und Einheit feiner Hiſtorie. Betrachtung über die Grundideen deſſelben. Empiriſche Einheit: die Epiſode. Homeros und Herodotos. Ueberſinnliche Ein⸗ heit: religiöfe Weltanſicht des Hiſtorikers.

Vierter Abſchnitt. Seite 168. Der hiſtoriſche Vo rtrag in ſeiner Entſtehung.

Charakter der älteften Sprache überhaupt. Die Homeri— ſche Sprache. Vorbereitung zur Proſa. Innere Bedingungen zur Entſtehung des proſaiſchen Vortrags. Gleichartigkeit derſelben mit den Anlaffen zur Logographie. Schwierigkeiten, mit denen der hiſtoriſche Vortrag zu kaͤmpfen hatte. Sprache der Logographen. Herodotos: ſein hiſtoriſcher Styl.

Fuͤnfter Abſchnitt. Seite 175

Hiſtoriſche Darſtellung der Begriffe der Alten, beſonders der Griechen von der Hiſtorie.

Ideen zur Erklaͤrung der Hiſtorie.

Uebergang zur Beurtheilung der hiſtoriſchen Begriffe der Neuern durch Darlegung der Forderungen der Alten in Abs‘ ſicht des hiſtoriſchen Styls. Bemerkungen uͤber das Ver⸗ haͤltniß der verſchiedenen Arten der neuern Proſa zum hiſto— riſchen Vortrage. Die Geſchichtſchreibung der Neuern, beſonders der Teutſchen. Mißverhaͤltniß der übrigen Vorzuͤge der Teutſchen Hiſtorjographie zu ihrer Kunſtform.

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a Sechſter Abſchnitt. Seite 262.

Fortbildung der Griechiſchen Hiſtoriographie auf ihrer erſten Stufe. |

Thukydides. Kenophon.

Schluß.

Form dieſer älteren Geſchichtſchreibung im Gegenſatz gegen die Form der Griechiſchen Hiſtorie in den nachfolgenden Perioden. Andeutung der Hauptrichtungen der Hiſtorio— graphie unter den Griechen bis in das Nömifche Zeitalter.

Di. Menſch lernte in der Poeſie zuerſt feine Gedan⸗ ken und Empfindungen ordnen, ihr übergab jedes fruͤhere Zeitalter den ganzen Schatz ſeiner Erfahrungen und das Faktum fand in ihr ſeinen erſten Ausdruck. Sie bedurfte zu ihrem Gegenſtande der fortſchreitenden Handlung, um ſich erzaͤhlend zur Kunſt zu geſtalten. Gleichwie nun das Uebergewicht dieſes Stoffs in der erzaͤhlenden Poeſte der Grund ihres Verfalls ward, ſo war es die Bedingung, unter der die Hiſtorie entſtehen konnte.

Von dem ihr eigenthuͤmlichen Mittelpunkte zwi; ſchen Geiſt, oder freyer Dichtung, und Natur, oder treuer Meldung, ſtrebte letztere bald mehr zu jenem, bald mehr zu dieſer hin.

Dieſes iſt in wenigen Worten die Geſchichte der Hiſtorie der Griechen. |

Demnach zerfällt dieſe Schrift in

die Betrachtung ihrer Entſtehung

überhaupt ſowohl als: ihren einzelnen Beſtandtheilen nach und in . . die ueberſicht ihrer Fortbildung, und ihres Verfalls. |

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Erſter Abſchnitt.

Allgemeine Geſchichte der Entftehung der Hiſtorie unter den Griechen.

Die Natur der Sache fuͤhrt uns hier auf denjenigen Punkt der Griechiſchen Welt zuruͤck, wo alles Gedachte und Gegebene, noch wenig oder gar nicht geſchieden, als ein einziger geiſtiger Beſitz erſcheinet. Es iſt dieſes der Zuſtand, in welchem ſich der Grieche ſo eben der aͤußerſten Wildheit entwindet und durch Ackerbau zur erſten Kultur uͤbergehet.

Wir, die wir Alles durch Begriffe ſcheiden und ſcheiden muͤſſen, koͤnnen uns auch von dieſer rohen Natureinheit nur auf dem Wege kuͤnſtlicher Abſonde⸗ rung ihrer Beſtandtheile einige Vorſtellung machen. Daher alſo die Frage: Was enthielt jener Eine und ungeſonderte geiſtige Beſitz, und welcher Art war ſein Beſitzer?

„Was der rohe Naturſohn fuͤhlte und dachte, was er erfahren hatte, was er als Vorſtellung oder Erfahrung der Väter wußte, und was er von der Zukunft zu wiſſen glaubte.“

In den Anſpruͤchen auf dieſen Beſitz und in dem aͤußeren Werth, den er verleiht, bemerken wir ſchon auf dieſer Stufe eine auffallende Ungleichheit, welche mit dem rohen ungebaͤndigten Freyheitsgefuͤhl des Naturmenſchen in Widerſpruch zu ſtehen ſcheinet. Die Aufloͤſung muß in einem noch huͤlfloſeren Kind⸗

Erſter Abſchnitt. 35

heitszuſtande aufgeſucht werden, und Herodotos ſetzt uns in den Stand, auch dorthin einen Blick su werfen ).

Wenn dem Menſchen noch nicht einmal der ein⸗ fachſte Ausdruck fuͤr das Gefühl des Goͤttlichen gegeben iſt, verhält er ſi en die Natur als furchtſamer Sklave, unde A Seepfeitsfinn den er gegen ſeines Gleiche Fo wandelt ſich in tiefe Unter; wuͤrfigkeit, ſobald ere Durch eine größere Faͤ⸗ higkeit des Geiſtes früher jenen Ausdruck findet. Wer alſo zuerſt ordentlich zu beten, wer durch Zauberfors meln die druͤckende Uebermacht der Natur zu binden vermochte, der erſchien jetzt, als Vertrauter jener unbekannten Macht, ein Weſen hoͤherer Art, und er mochte nun Fremdling ſeyn oder von demſelben Stam⸗ me, ihm war prieſterliche Gewalt verliehen.

Dieſer Prieſter nun, oder, wie man ihn nennen will, Schamane, Seher, ward Mittler zwiſchen der unbegraͤnzten Macht, die man Gottheit nannte und der beſchraͤnkten Menſchheit, und zugleich Erhalter des Wenigen, was man aus der Vorzeit wußte 2), Erbauer und Bewahrer der ſtummen Denkmaͤhler, welche den Namen eines Stammfuͤhrers erhalten

1) II. 32. ’E$Svov de mare mooTsgoV o IIe aq.

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2) Iliad. I. V. 90 70 f Kal cas Ocsogöys a jn Ta d kboyra, ma m go ena, 190 S0 vr .

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8 Erſter Abſchnitt.

ſollten. Von ihm endlich ward in allen Faͤllen Huͤlfe 1 erwartet, wo phyſiſche Kraft nicht von einem Uebel befreyen konnte. |

Jienem uͤberwaͤltigenden Naturgefühle hingegeben mußte er ſelbſt menen i ürmendem Rhythmus ſeine Empfindungen ausſtröhmer 1 2 Prieſter beſchwor, ermahnte, oder als Seher verkuͤndigte, dazu eines feſteren bleibe nderen Ausd

Es iſt fuͤr gegenwärtige f ochun wichtig, bey der Natur dieſes älteſten Vortrags der Lehre und Meldung zu verweilen.

Dieſer konnte doch wohl kein anderer ſeyn, als ihn das aͤußerſt unbeugſame Organ einer Sprache dar— bot, die auf dieſer PM faſt ganz Bild und Empfins dung war.

Alſo was der fehrende Verſtandesmenſch durch eine geordnete Folge von Begriffen zu erläutern pflegt, ward hier in Einem grellen Bilde gezeigt ), was der Redner einer gebildeten Zeit durch Beweiſe annehmlich macht, ward hier durch erſchuͤtternde Gebote feſtgeſetzt, und dieſe Gebote wurden an ſinnliche Zeichen geknuͤpft. Wer nicht zu beweiſen vermag, gebietet. Dieſe Be— merkung, die wir jetzt nur noch an dem voruͤbergehen—

3) Die gebildete Dichterſprache zeigt davon in dem Ge: brauche von: dsızvuvaı, avaDarvem mit der Bedeutung des Lehrens noch eine Spur. Vergl. Ruhnken. ad Homer. Hymn. in Cer. V. 479. und beſonders Mitſcherlich zu dieſer Stelle Pag. 224. Auch Herodotos II. 49. braucht Daww, E Oaα⁰αεο und szyyapaı synonym. |

Erſter Abſchnitt. 5

den Zuſtand der uͤberwaͤltigenden Leidenſchaft wahr⸗ nehmen, war in jener Zeit die allgemeine Folge des geiffigen Unvermoͤgens.

Die Beſtaͤtigung dieſer Anſichten finden wir in ausdruͤcklichen Zeugniſſen des Alterthums 4). Viel ſeitigere Bemerkungen n bieten ſich dar, wenn man ſich das Weſen der alte en Denk; und Sprachart aus den

1 Spuren entwickelt. Hier zeigt ſich eine Welt von 11 dliſchen Erſcheinungen. Die rohe⸗ ſten Verſuche in der Ueberredungskunſt °) gehen von ſymboliſcher Handlung aus, und dieſe letztere wird zu einer jedesmal erneuerten Sitte, ſo oft dieſelbe Lage oder Stimmung wieder zuruͤckkehrt 5); und will der Menſch auf dieſer Stufe das Wandelbarſte unter Allem, feine Entſchluͤſſe, als fortdaurend darſtellen, fo knuͤpft er fie an die Unwandelbarkeit der Naturgeſetze ſymbo⸗

4) Pausanias Lib. VIII. Cap. g. 6. 2. EA Tas vomkonsves 00085 d awıymarwy malaı xat Bust in mu SUSE Asysıy Tag Adyas Jamblich. de vita Pythagor. Cap. XXIII. Pag. 86. ed. Kulter. Die Deutung abſicht⸗ licher Berhüllung, welche dieſe fpäteren Griechen jener Lehrart gaben, wird billig hier nicht bee tiget.

3) Herodot. I. 126

6) Beyſpiele der Art bietet Herodotos in großer Menge dar. Dergleichen alte ſymboliſche Sitten finden ſich auch bey Voͤlkern der neuern Zeit, die dem Naturſtande noch näher ſiehn. Solche Züge hat Muller in der Geſchichte Schweitzeriſcher Sidgenoſſenſchaft geſammelt, ſ. z. B. Zter Th. rte Abtheil. S. 123.

6 Erſter Abſchnitt.

liſch an 7). Demnach kann auch die Gottheit ſelbſt ihren Rathſchluß nicht anders als ſymboliſch kund thun 5).

Einen von dem bemerkten nicht ſehr verſchiede⸗ nen Charakter wird auch der Stufenfolge des einfachen Naturganges nach jene uralte Lehrdichtung der Grie⸗ chen gehabt haben, wovon ſich manche, freylich von den Griechen ſelbſt ſehr unhlſto gewendete Andeu⸗ tungen 9) ſinden. Bild und Symbol vertrat ohne Zweifel auch hier die Stelle von Begriff und Beweis. Der eigentliche Sitz der ſymboliſchen Bezeichnung find die Orakel; und wer dieſe Inſtitute als natuͤrliche und nothwendige Erſcheinungen anſchen gelernt hat, dem eroͤffnet ſich in der Sprache derſelben eine Quelle der mannigfaltigſten und wichtigſten Wahrnehmungen, weil ſie nun gleichfalls urſpruͤnglich als ein Werk der Noth und des Unvermoͤgens, und erſt ſpaͤterhin, nach der bemerkten Wirkung, als Werk ſchlauer Abſicht erſcheinen muß. Es iſt um ſo noͤthiger hierbey zu verweilen, da hier eigentlich die Beantwortung der hierher gehoͤrigen Hauptfrage: „welcher Art war der erſte Ausdruck und Vortrag des Faktiſchen?“ gegeben wird. *

7) II. I. V. 233. Herodot. I. 165. 8) Herodot. I. 78. 141.

E S. Plutarch. Vit. Thes. Vol. I. Pag. 3. ed. Hutten. vergl. Fabric. Bibl. Gr. I. Pag. 215. Harl. von den Poeſien des Pittheus. Ueber die Sagen von den alten Orphiſchen Lehrgedichten vergl. Fa B. Gr. I. Pag. 165. und 574.

Erſter Abſchnitt. 7

Auf den erſten Blick dürfte zwar Manchem diefe Frage überflüffig und eine verſuchte Eroͤrterung ein Kampf mit ſelbſtgeſchaffenen Schwierigkeiten zu ſeyn duͤnken, da ja das Faktum, der Natur der Sache nach, ſeinen Ausdruck ſelbſt mit ſich bringe. Mir ſcheint dagegen die Aufgabe, wovon hier die Rede iſt: Darſtellung eines Faktums, in ſo ferne man darunter gewoͤhnlich Darſtellu 9 einer in der Zeit gegebenen ordentlichen Folge he, mit dem Darſtellungs⸗ vermoͤgen dieſer Bildungsſtufe in einem großen Miß⸗ verhaͤltniß zu ſtehen, und folglich die Auflöfung jener Aufgabe keinesweges durch ſich ſelbſt gegeben zu ſeyn.

In einem Zeitalter, wo das dringende Beduͤrfniß noch einen großen, wo nicht den groͤßten Theil der Lebenskraft in Anſpruch nimmt, wo ſich der Menſch der gegen ihn feindſeligen Natur noch haͤufig mit Muͤhe erwehren muß, oder das ſo erkaufte Leben in dem beſchraͤnkten Gefuͤhle der Gegenwart genießet, in dieſem geſchieht zwar manches, aber gethan, d. h. mit dem Bewußtſeyn eines vorgeſetzten Zieles unternommen, und mit Beſonnenheit zu deniſelben hingefuͤhrt, wird nur weniges. Die Natur ſteht zu dem Menſchen in dem Verhaͤltniß einer zu uͤberwiegen⸗ den furchtbaren Macht, daher liegt hier in der Noth⸗ wendigkeit Alles, in der Freyheit nichts, der Zufall herrſcht: die Handlung iſt dagegen ausgeſchloſſen.

Unter dieſen Umſtaͤnden waͤre es mehr als wun⸗

derbar, wenn Ausdruck und Sprache das mit Freyheit vorgeſetzte und mit Beſonnenheit hinausgefuͤhrte Des ſtreben d. i. die Handlung in ihrer ordentlichen Folge zu bezeichnen vermoͤchten. Und kamen dem Grie⸗

1 8 Er ſter Aae

chen dieſer Zeit auch einzelne Nachrichten von Ereig⸗ niſſen, die Handlungen heißen konnten, aus der Fremde zu Ohren, ſo konnten fie ſich wohl ſchwerlich, ihrer eigenthuͤmlichen Natur nach, an ſeiner Sprache feſthalten, eben weil ſie einzelne Erſcheinungen aus einem fremden Kreiſe waren.

Im Ganzen genommen mußte, nach ſeiner ſo eben bemerkten Lage und Umgebung, in Slick urſpruͤnglich auf das ohne ſein Zuthun von außen Gegebene, und unter dieſem hauptſaͤchlich auf das ganz ſinnliche Nebeneinander gerichtet ſeyn, hoͤchſtens vers mochte er wohl den regelmäßig wiederkehrenden Wech⸗ ſel der Natur feſtzuhalten.

Das Darſtellungsvermoͤgen der Griechen im vor— herigen Zeitalter zeigt mit den eben bemerkten Eigen⸗ ſchaften der rohſten Urſprache noch eine große Aehnlich⸗ keit. Durchaus findet man hier im Ausdrucke des Faktums das ſinnlich Auffallende im Beharr⸗ lichen hervorgehoben, und auch diefes: 2t1ens groͤßtentheils aus Mangel an eigentlichen Bezeichnungsmitteln in ein analoges Bild um⸗ geſetzt, metaſchematiſirt.

Beweiſe fuͤr den erſten Satz bietet die ganze Orakelſprache in groͤßeſter Mannigfaltigkeit dar, und Heſiodos, zwar juͤnger als Homeros, hat gleichwohl, vielleicht als Nachahmer uralter Dichtung, in ſeinen Werken und Tagen Ausdruͤcke, welche an das Bedeu⸗ tende im Beharrlichen, wovon hier die Rede iſt, leb⸗ haft erinnern ).

100 Die auffallendſte Eigenſchaft eines koͤrperlichen Gegen⸗ ſtandes oder Thieres wird von Heſiodos zur ſymboli⸗

Erſter Abſchnitt. 9

In Abſicht des zweyten darf man nur die Vor⸗

ausſetzung von abſichtlich geſuchter Dunkelheit, oder aus Weisheit gewählter Huͤlle aufgeben, um in den Orakeln das Symbol als urſpruͤnglich natuͤrlichen Ausdruck des Faktums zu finden. Dieſer ſymboliſche Ausdruck iſt durchgängig aus einfachen Wahrnehmung gen der umgebenden Natur gefloſſen ).

Auch ſcheint die Sprache durch die anſchauliche Beharrlichkeit des Symbols zuerſt von dem Erzeugniß der Bildnerey zu ihrem eigenthuͤmlichen Weſen, der

ſchen Bezeichnung deſſelben befeſtigt. Beyſpiele ſind 'Eoya V. 742 mevrolog die Hand 778 lönıs die Ameiſe, ſ. Leclere zu dieſer Stelle; Depsoımog die Schnecke, og Sg die Schwalbe. Dieſe Bezeich⸗ nungen erſcheinen zum Theil ſchon als bleibende Sub⸗ ſtantive, welche ihre ordentlichen Beiwoͤrter haben. 3. B. Theogon. 440. Yοννιι ÖusmenlDeiog. Homer. II. XXIV. 341. und in andern Stellen

ſteht d yen eben fo ſubſtantiviſch.

11)

So weiſſagt der Akarnanier Amphilytos dem Piſiſtra⸗ tos die ſichere Eroberung Athens durch ein Symbol vom Fiſchfange hergenommen. Herodot. I. 632. agp ,ꝗ, 0 BoAos #.7.A. Dieſe ſymboliſche Bezeich⸗ nungsart zeigt ſich, wiewohl ſchon mehr als Bild und Vergleichung, in den ganz aͤhnlichen Worten Luͤtolds von Regensburg in Müllers Schweitzer⸗ geſchichte I. S. 492. „Der Freyherr ſprach: Zuͤrich iſt von meinen Herrſchaften, wie ein Fiſch vom Garn umgeben, ergebet euch“ u. ſ. w. Aeſchylos iſt reich

an Symbolen dieſer Art. Namentlich hat Jacobs

Animadvers. in Euripidis Tragoedias pag. 66 I.

mehrere aus dem eben berührten Bilderkreiſe geſam⸗ melt.

10 Erſter Abſchnitt.

Darſtellung in der Folge, uͤberzugehen. Hiervon koͤnnte man ſich am ſicherſten überzeugen, wenn man es verſuchen wollte, die ſymboliſche Sprache mancher Orakel und Weiſſagungen, web che Fakten bezeichnen, auf die Bilderſchrift zuruͤck— zuführen 12). a

Hier graͤnzt demnach die vorheroiſche Griechen⸗ welt zu allernaͤchſt an jene Welt der feſten beharrlichen Formen, an das alte Aſien, und beſonders Aegypten. Nicht bloß das ſinnlich Auffallende im Beharrlichen wurde hier in aͤußern Geſtalten nachgemahlt, ſondern bey dem Verſuche, das Faktum in der Bilderſprache darzuſtellen, konnte, der Natur dieſes Organs nach, nur das Bleibende, nicht aber die wechſelnde Folge ), beruͤckſichtigt werden. Auch war dieß das Vaterland des Metaſchematismus, oder jener ſymbo⸗ liſchen Umſetzung; denn wenn hier die Begebenheit oder That im Zuſammenhang mit ihrem Grunde, dem Charakter des Handelnden erſcheinen ſollte, ſo mußte nothwendig ein analoges Bild aus der Thierwelt genommen werden. Wie nun neben jener Bilder ſchrift ein Prieſterdialekt herging, der ſelbſt viele be⸗ harrliche Bildlichkeit hatte ), fo hatte auch der

12) Wie denn z. B. von dem Symbol Herodot. I. 78. nur ein kleiner Schritt zur Hieroglyphe iſt: „das Roß die Schlange freſſend;“ und ſo in un⸗ zaͤhligen Fallen. 13) Vergl. Heeren Handbuch der Geſchichte der Staaten des Alterthums S. 60. | 24) Belege liefert Jablonski Pantheon Aegypt. beſon⸗ ders f. in Abſicht hiſtoriſcher Gegenſtaͤnde Prolegom.

Erſter Abſchnitt. 11

Griechiſche Vortrag des Faktums auf der oben benterf; ten Stufe wohl noch nichts oder wenig von der ſpaͤter ihn auszeichnenden fließenden Folge. Trocken, abge⸗ brochen, und hart vermochte er nur das Bleibende eines Zuftandes, oder die Erſcheinung im Raum paſ— ſend auszuſprechen, und ungeſtaltet, wie das rohe Werk der fruͤheſten Bildnerey, erwartete er erſt noch ſeinen Daͤdalos, der ihn fortſchreiten lehrte. Zugleich machte der Mangel an eigentlichen Bezeichnungen, und die Beſchraͤnktheit der umgebenden Welt, die Duͤrftigkeit der Erfahrungen bey jedem Verſuche, eine bekannt gewordene That auszudruͤcken, die fymbolis ſche Uebertragung noͤthig 5). So muß alſo einerſeits alles Gedachte, um dem Naturmenſchen verſtaͤndlich zu ſeyn, ein von außen Gegebenes werden und ſich nach den Geſetzen der Koͤrperwelt organifiren, anders ſeits wird das von außen Gegebene frey behandelt, und durch Umgeſtaltung geiſtig ausgepraͤgt.

Es iſt bequemer, in dem ſchmeichelnden Selbſt, gefühl eigner Muͤndigkeit auf jene Bilderwelt verach⸗ tend herabzublicken, als in ihr bleibende Naturgeſetze des Geiſtes aufzuſuchen. Deswegen hat die bisherige Erziehungslehre ſich entweder, wiewohl nie ungeſtraft, von jenen Geſetzen gaͤnzlich losſprechen zu koͤnnen ges

pag. CXXXII CXXXIV. Vergl. über die Aegyptiſche Symbolik uͤberhaupt Dornedden neue Theorie zur Erklärung rn Mythologie S. 217 und an a. St. 15) Vergl. Herder Ideen zur Philoſ. der Geſchichte der Menſchheit II. S. 170., und daſelbſt ahnliche Bey⸗ ſpiele aus Kranz Geſchichte von Grönland.

12 | Eeſter Abſchnitt.

glaubt, oder doch im Ganzen wenig gründlichen Gebrauch davon gemacht.

Die 2te dieſer Thatſachen zeigt uns hier in der Vermiſchung des Gegebenen mit dem Gedachten, und in der Umſetzung des erſteren die Bildung der Hiſtorie, deren Weſen in einem geſetzmaͤßigen Verhaͤltniß zwi⸗ ſchen Geiſt und Natur beſtehet, noch in weiter Ent fernung.

Bisher unterſuchten wir, wie der Ausdruck des Faktums beſchaffen ſeyn moͤchte, ehe die Griechiſche Poeſie ſich zur Kunſt auszubilden anfing. Vom ru— henden abgebrochenen Symbol durchlief er in jener langen Zeit gewiß mehrere Entwickelungsſtufen, ohne jedoch mehr zu werden, als hoͤchſtens der rohe rhyth— miſche Vortrag eines hoͤchſt einfachen Stammvorfalls. Einſylbig und eintoͤnig, zeigte er ſicher noch viel von der Traͤgheit des Symbols, von welchem er ausgegan—⸗ gen war. Die altaͤgyptiſche Prieſterſage gelangte wohl nie viel weiter; abhängig von den Denkmaͤhlern, deren Auslegerin ſie war, verweilte ſie fortdauernd um jene feſte Maſſen, und konnte auch nicht wohl anders, da alles Denkwuͤrdige in der nationalen Bor zeit in dieſen Monumenten beſchloſſen war. In Gries chenland dagegen traten nun Umſtaͤnde ein, welche die Sage in ein kraͤftiges und vielſeitiges Leben hinaus⸗ fuͤhrten, und ihr Geſtalt und Ordnung verliehen. Wir ſehen jetzt die Griechiſche Menſchheit von der drins genden Noth, womit ſie bisher zu kaͤmpfen gehabt hatte, befreyt, und in, größerer geſellſchaftlicher Vers bindung. Diejenigen, welche durch ausgezeichneten Muth im Kampf gegen wilde Thiere, durch heilſame

Erſter Abſchnitt. | 13

Anſtalten die Uebel der Natur, und die Schreckniſſe der Wildheit beſiegt hatten, waren nun Vorſteher des bisher freyen Volkes, waren Koͤnige geworden. Sie | wurden aus denfelben Gründen auch bey Austheilung des Bodens vorzüglich bedacht, und wenn ſich das ganze Volk in der neuen buͤrgerlichen Verbindung eines milderen Lebens zu erfreuen hatte, ſo bot ihnen die verliehene Gewalt, und der größere Güterbefig ſchon eine größere Fuͤlle, und Wahl in den Mitteln des Genuſſes dar. Auch mußte bey der ſorgfaͤltigen Erziehung, die fie erhalten konnten, die Empfaͤnglich⸗ keit fuͤr Genuß bey ihnen mehr ausgebildet werden. Was jetzt geſchieht, iſt nicht mehr dringendes Erweh— ren gegen eine feindſelige blinde Uebermacht zur durf⸗ tigen Lebensfriſtung, ſondern mehr That im Gefühl der Freyheit unternommen, in uͤberlegter Folge mit Geſchicklichkeit ausgefuͤhrt. Krieg iſt das Hauptge⸗ ſchaͤfte des Helden, durch Krieg beſchuͤtzt er fein Volk, und behauptet ſeine ererbte Gewalt, und im Kriege wird er ſich der Fuͤlle ſeiner freyen Kraft bewußt.

Wenn alſo jetzt bey der groͤßern Bequemlichkeit des Lebens der beobachtende Menſch mit groͤßerer Frey⸗ heit und Behaglichkeit um ſich ſchaut, ſo ſtellt ſich ſeinem Blicke eine ſinnliche Folge von Handlungen dar, welche ſich im Hinſtreben zu einem Ziele vereinigen. Je leichter ſich nun eine ſolche That in allen ihren anſchaulichen Momenten dem Gedaͤchtniſſe einpraͤgt, deſto leichter wird ſie vom Vater dem Sohne mitge— theilt. Durch dieſe Beobachtung und Mittheilung des Succeſſiben wird die Sprache immer beweglicher, fortſchreitender, und auf dieſe Weiſe kann ſich allmaͤh⸗

A Erſter Abſchnitt.

lig aus dem rohen, abgebrochenen Ausdruck eines einzelnen Stammvorfalls ein klarer geordneter Vortrag der Heldenthat, eine ordentliche Heldenſage 5) geſtalten, welche in eigentlichem fließendem Ausdruck von der wunderbaren Bezeichnung des harten unbes weglichen Symbols unendlich verſchieden iſt. | Diefe Sage des Griechen mußte mit der zuneh⸗ menden Beweglichkelt des Ausdrucks immer geſpraͤchi⸗ ger werden, wenn dagegen die Aegyptiſche bey dem Mangel an der bewegenden Triebfeder, der Heldenthat, einſylbig blieb. Eine große Fuͤlle und Mannigfaltig⸗ keit von Mythen waren nun die Frucht jener Griechi⸗ ſchen Geſchwaͤtzigkeit. In allen dieſen Mythen lag aber die natuͤrliche Veranlaſſung zum Geſange, da ihr Inhalt die Heldenthat d. h. das Produkt der freyen Kraft war, da die Heldenthat in ihnen mit dem Ge— fuͤhl der ſchrankenloſen Freyheit empfangen und aus⸗ geſprochen ward, und da der Ausdruck in ſeiner bild⸗ lichen Lebendigkeit das freye Spiel des Geiſtes zeigte. So wie nun für den Helden die That das Pros dukt des koncentrirten Gefuͤhls ſeiner Lebenskraft war, ſo war es die Erinnerung daran nicht minder. Der Geſang, der dieſe Erinnerung weckte, ward nun die vorzuͤglichſte Ergoͤtzung, und die ſchoͤne Darſtellung der hellen Vergangenheit ward das Kunſtbemuͤhen einer beſondern Art erzaͤhlender Saͤnger, der Aoͤden, während die dunkele Zukunft dem Seher uͤberlaſſen

16) Vergl. Herder Kalligone II. S. 60 fgg., und Frd. Schlegel Geſchichte der Poeſie der Griechen u. Roͤmer S. 40. 5 N N

*

Erſter Ab ſchnitt. 13

blieb 7). Dieſer Heldengeſang ging uͤbrigens den nehmlichen Weg, den die Sage gegangen war, von der Darſtellung der einfachſten einzelen That zur Dar— ſtellung einer groͤßern zuſammengeſetzteren Handlung. Er war eine gemeſſene Darſtellung des Fortſchreiten⸗ den, und da er im Gange ſeiner Entwickelung mit jedem neuen Verſuche mehr Ebenmaß und richtigeres Verhaͤltniß gewann, fo konnte ſich in ihm die erzaͤh⸗ lende Rede immer entſchiedener geſtalten. In dem wilderen Naturzuſtande der vorheroiſchen Welt zeigte ſich zwiſchen dem Darzuſtellenden und den Darſtellungs- Mitteln gewöhnlich das ſchneidendſte Mißverhaͤltniß. Auf der einen Seite der uͤberwaͤlti⸗ gende Eindruck der unendlichen Natur oder Erſchei— nungen aus einer fremden Welt, auf der andern ein an den engſten Bilderkreis der naͤchſten Umgebung befeſtigter Ausdruck. Daher denn auch dort heftiger verworrener Laut der wunderbaren Empfindung, oder ſeltſame Einhuͤllung des Unbekannten in das bekannte Bild. In der Heldenwelt hatte jeder Theil der That, und jedes Glied der zuſammengeſetzten Reihe von Thas ten feine helle Anſchaulichkeit, und feſte ſinnliche Bes graͤnzung. Das Ganze der That war uns aus dem Gefuͤhl der freyen Kraft hervorgegangen, und eben ſo frey fuͤhlte ſich die Phantaſie des Saͤngers, durch ſie i angeregt, der folglich das Vernommene mit dem freyen Gepraͤge ſeiner Phantaſie d. h. dichtend wiedergab. Hier war alſo die ſchoͤnſte Eintracht zwiſchen dem Ges

17) Schlegels Geſchichte der Poeſie der Griechen u. Römer S. 42.

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16 Erſter Abſchuitt.

gebenen und Geiſtigen. Das Gemuͤth wurde nicht von Erſcheinungen uͤberwaͤltigt, die es nicht faſſen konnte, ſondern der in dieſer Welt dargebotene Stoff hatte gerade diejenige Miſchung und ein ſolches Maß, welches dem Geiſt moͤglich machte, das Empfangene zu begraͤnzen und ſich zuzueignen. Es ſtand alles in ſchoͤner menſchlicher Naͤhe.

In jener Welt der ſymboliſchen Bilderſprache war Gedachtes und Gemeldetes, der freye Traum der Kindesphantaſie, fo wie der von außen gegebene finns liche Eindruck, alles ein einziges ungetrenntes geiſti⸗ ges Gut, und der Seher der faſt ausſchließende Ver walter deſſelben. Wie ſich das aͤußere Leben uͤber den Stand der Noth allmaͤhlig erhob, ſo erhob ſich auch der Blick des Geiſtes, und das Schickſal hatte dafuͤr geſorgt, daß nun bey dem Fortſchritte zu gebildeterer Verfaſſung der Grieche ſich nicht, gleich ſeinen Lehrern, den Nationen Aſiens, und den Aegyptern, in traͤgem Wohlſeyn oder in einfoͤrmiger umgebung beſchraͤnken konnte. Die Natur des im Ganzen kargen Griechiſchen Bodens forderte ſeine Bewohner zu großer Thaͤtigkeit, und die Lage und Beſchaffenheit des Landes zu mans nigfaltigen Gewerben auf. Außer dem Ackerbau er— welterte beſonders die fruͤherhin fo allgemeine Seeraͤu⸗ berey feine Kenutniſſe, und übte auf das mannigfal⸗ tigſte ſeine Kraft.

Dieſe Mannigfaltigkeit der Beſchaͤfftigungen theilte natuͤrlich dem Geiſte größere Gewandheit und vielſeitigere Richtung mit, und dieſe letztere war in der Sage ſichtbar. Das Epos empfing nun dieſen ganzen Reichthum des Mythos, und gab den verſchie⸗

denſten

Erſter. Abſchnitt. 17

denflen Elementen feines Inhaltes ſchoͤne menſchliche Geſtaͤlt. Neben dem, was die Sage von den Menſchen der Vorwelt meldete, erſchien hier das urſpruͤnglich

rohe Geſchoͤpf einer die Naturkraͤfte perſonificirenden

*

Symbolik, als Gott in einer Form, die von dem

Beſten was die Menſchheit darbot, entlehnt war,

und in Handlungen, welche die Bluͤthe des ‚Heldens lebens waren. So war alſo die Poeſie erſt dadurch,

daß ſie ſich menſchlich beſchraͤnkt hatte, zur Darſtellung des Goͤttlichen faͤhig geworden. Die Heldenthat und Heldenſage war die Bedingung geweſen, unter der die Kunſt der Erzählung und Darſtellung uberhaupt werden konnte. Dieſer Satz läßt ſich hiſtoriſch in den noch vorhandenen Erzeugniſſen des Epos nachweiſen, und ward auch von den beſten Kunſtrichtern der Griechen erkannt. In Abſicht des erſtern iſt es auffallend, wie die epiſche Darſtellung in dem Maße ungeſtalteter wird, in welchem ſie ſich

von dem Gebiete der ſinnlichen Handlung in den dis

rekten Vortrag des Gedachten waget. Selbſt in dem Ausdruck der einfachſten Lehre zeigt daher Heſiodos ſtatt der klar organiſirten Rede des aͤlteren Homers

rohe Anhaͤufung und Verworrenheit 18).

Dagegen wo ſie ſich in den Graͤnzen der beſtimm⸗

g ten wahrnehmbaren Handlung hält, vermag ſie ſelbſt

18) Das ganze Poem der Eg ya bietet Belege dar. Nur einer unter vielen v. 448 457. Pyoı. d' avyo Ordnung dagegen bemerkt Strabon als eigenthuͤm⸗ lichen Vorzug des ae Lib. I. Pag. 47. ed. Almelov.

B

18 Erſter Abſchnitt.

hoͤhere Anſichten der geiſtigen Bildung, wie in dem Homeriſchen Hymnos auf den Hermes die ſiegende Macht der Kunſt, oder myſtiſche Gegenſtaͤnde, wie im Hymnos auf die Demeter 9) ſchoͤn darzuſtellen. Wie ſehr aber die Griechiſchen Kunſtrichter die innere Abhangigkeit aller poetiſchen Kunſt von dem begrängs ten Faktum einſahen, zeigt die Poetik des Ariſtoteles zur Gnuͤge. Handlung iſt ihm ebe Bapintzung aller Poeſie 2). ER Wie das Hiſtoriſche nun die früheste poetiſche 5 Kunſt, die epiſche, erzeugt hatte, ſo fand es auch an dieſer zuerſt ſeine einzige Pflegerin, und bey dem Mangel an Kunſtreflexion ward ſich der epiſche Naturſaͤnger ſeiner kuͤnſtleriſchen Freyheit nicht im mindeſten bewußt. Wirklich kann man ihm auch noch nicht ſowohl die freye Kunſtexiſtenz ſelbſt als vielmehr den Beruf, die Annäherung dazu beylegen. Denn war gleich ſeine Darſtellung groͤßtentheils ſchon ein freyes Spiel des Gemuͤths mit dem Realen (Faktiſchen), fo konnte doch jetzt noch nicht, was die fpätere Kritik der Griechen als das Weſen der Poeſie erkannte 2), zu feinem Bewußtſeyn kommen.

19) Schlegels Geſchichte der Poeſie der Griechen und Rö⸗ mer 15 192.

20) S. z. B. Poetic. I. 6. 10. vergleiche Diomedes Bus in Dionys. Thrac. rexv. Ypapparır. in Villoison Anecdot. Gr. II. pag. 172. Not. 1. wo die isopia unter den weſentlichen Stuͤcken jeder Poeſie angefuͤhrt wird. 5

31) Eratoſthenes beym Strabon lib. I. pag. 26 q. ed. Almelov.— ιιτ . mayra goyadsoFtaı Wuxa-

Erſter Ab ſchnitt. | 19

Was dem vorhin unordentlich dahinfluthenden Geſange zuerſt Ordnung und Umriß gegeben hatte, naͤmlich die im Mythos ausgeſprochene Handlung ihrem Inhalte nach, ward vom epiſchen Saͤnger als der Mittelpunkt ſeines Strebens verfolgt.

Wie ſeine Dichtung eine Tochter der Heldenſage, und folglich der Heldenthat war, ſo ſah er ſich ſelbſt fuͤr einen Diener und Verkuͤndiger derſelben an. Was eigentlich die Frucht feiner geſammten harmo— niſch angeregten Geiſteskraͤfte war, hielt er fuͤr getreue Ueberlieferung des Gedaͤchtniſſes. Gegen dieſe See— lenkraft zeigte er daher eine auffallende Vorliebe.

Die deutlichſte Kenntniß von den Thaten der Vorzeit iſt ihm der beneidenswerthe Vorzug der Muſe, wenn dem menſchlichen Saͤnger nur ein Geruͤcht davon zu Ohren kommt 22). Dieſe Vorſtellungen gehen durch die ganze Sagenzeit hindurch, und find nas mentlich der Grund des Mythos von der Mneme, nach welchem dieſe den beiden Altern Muſen, der Mes lete und Aoͤde, als die dritte zugeſellet wird 23), der

ywyios, & dıöaoradiag 2.7. X. Vergl. Ast de Pla- tonis Phaedro Pag. 54 fg.

22) Iliad. II. 484 [g. und Heyne ad Homer. II. Tom. I. pag. 5 [d. Vergl. Ast de Platonis Phae- dro Pag. 42. Not.

23) Pausanias IX. 29. Vergl. Heyne Opusc. academ. Tom. II. Pag. 307 fg«e Daher denn auch die Ooga heilig, und die Mnemoſyne Gegenftand vieler Gefänge

war. ſ. II. II. 93, und den A Hymnos

auf Hermes v. a B 2

rn

20 | Erſter Abſchnitt.

Grund der Dichtung, daß Mnemoſyne der Muſen Mutter ſey. Daraus iſt es dann auch zu erklaͤren, warum das alte Epos der Griechen ſelbſt in ſeiner reinſten Geſtalt eine fo häufige und fo entſchiedene Richtung zum unbeſtimmten hiſtoriſchen Melden zeigt, daß wir unſere Begriffe von freyer Kunſtexiſtenz der Poeſie gaͤnzlich vergeſſen muͤſſen, um ſolche Stellen in ihrem Geiſte aufzufaſſen. | |

Was oft wiederkehrende Richtung iſt, bedarf keiner beſondern Beweiſe 4). Auch werde ich bey der Hiſtorie der Griechiſchen Geſchichtsforſchung auf dieſen Punkt noch einmal zurückfommen,

Nicht bloß das Epos, ſondern die ganze Natur poeſie der Griechen iſt mit der hiſtoriſchen Ader gleich⸗ ſam durchwachſen. Es iſt zur Erörterung des Ders haͤltniſſes der Hiſtorle zur Poeſie wichtig, dieſen Spu⸗ ren nachzugehen, zumal da dieſe Bemerkung nicht ohne Einfluß auf die Kritik zu ſeyn ſcheint “).

240) Einer von vielen iſt TI. IV. v. 370 410, die Stelle vom Thebaniſchen Kriege.

235) Die Verkennung dieſes im ganzen Homeridiſchen Epos herrſchenden Hanges zum Hiſtoriſchen hat manche kuͤh— ne Kritik erzeugt. Z. B. im Hymnos auf Aphrodite

erklart Ilgen S. 483. feiner Ausgabe 7 13. für unaͤcht aus dem Grunde, weil dieſe Stelle dem Fünfte leriſchen Zweck des Ganzen widerſtreite. Mate thiae Animadverss. in Hymnos Homeri Pag. 71. widerſpricht zwar dieſem Grunde nicht, erklärt ſich aber mit Recht gegen die Folgerung. Mit gleich gutem Grunde vertheidigt er die Verſe 256 leg. Pag. 345

Erſter Abſchnitt. | 21

So lange man noch keine abgeſonderte Sagen⸗ meldung hatte, und in der Poeſie folglich noch alle Kenntniß von der Vorzeit hing, war dieſe Rück; ſicht der Dichter auf das Aufbewahren des Geſchehenen dringendes Beduͤrfniß. Aber ſelbſt da noch, als die Sagenſchreibung ſchon neben der Poeſie herſchritt, konnte dieſe letztere jenen Hang nicht verlernen, und ſelbſt der lyriſche Poet fuhr fort, ſich als den Be— wahrer des Geſchehenen zu betrachten 6). So trug Steſichoros in einem lyriſchen Gedicht 7) die Zerftös rung Slions, alſo eine lange Reihe von mannigfal⸗ tigen Handlungen vor. Viele ausfuͤhrliche Epiſoden im Pindaros find ohne jene Bemerkung nicht verſtaͤnd⸗ lich. Selbſt die Grlechiſche Tragoͤdie zeigt jenen Hang

26) f. Pindar. Pyth. I. 179 195, wo Aoyıoı (Ges ſchichtſchreiber) und Goidor als Aufbewahrer des Ans denkens an die Thaten neben einander genannt wers den; ferner Nem. VII. 20. und daſelbſt Heyne, und Nem. IV. 10.

ey 6 Eoymarwy Xoovinrepov Hiοννet 6 ri qu Kapırwy TUXa ‚Awooa Dosvos E£ehaı H ,ẽi

27) Quintil. Inst. or. X, 1 62. vergleiche Jacobs ad Tzetz. Antehomer. Homer. etc. Pag. XXIII. Not. Selbſt die Perſerkriege wurden noch der Gegenſtand von Gedichten; fo beſang der Samier Choͤriles den Salaminiſchen Sieg in einem epiſchen Gedicht. Schellenberg ad Antimach. Pag. 36, 39. und vom berühmten Simonides von Keos gab es eine Navypayxız Zeggs, ſ. Bibl. der alten Lit, und K. ztes Stuͤck S. 100,

22 Erſter Abſchnitt.

zum direkten Anzeigen und Verkuͤndigen in manchen Erſcheinungen, beſonders im Aeſchylos, und erinnert an den Geiſt des Meldens im Epos; daher ſolche Stellen ganz den epiſchen Charakter haben. ?

Dahin gehört die lange Erzählung im Prome⸗ theus dieſes Dichters 28), noch mehr feine Perſer, der ganzen Anlage dieſes Stuͤcks nach, welche ſchon der direkt meldende Anfang zu erkennen gibt 9), und wiewohl man ſchon allenthalben das Beſtreben ſieht, die hiſtoriſchen Elemente durch das Ganze der tragi⸗ ſchen Handlung zu motibiren, ſo kann daſſelbe doch erſt in der Poeſie des Sophokles als * 7 angeſe⸗ hen werden ).

28) v. 640 144.

29) Vergl. Attiſches Muſ. IV. B. ıtes Heft S. XXII. Mit dieſem Anfang der Perſer vergleiche man Sup- plic. 549.

30) Ein Beyſpiel liefert: Sieben gegen Theben v. 360 660. die Erzählung des Boten von den Helden vor der Stadt, ihrer Ruͤſtung ꝛc., welche an den Homeriſchen Katalog erinnert; weit weniger epiſch iſt daſſelbe dargeſtellt in Sophocles Oedip. Colon. Pag. 302. ed. Canter. Vergleiche den Anfang von

Sophocl. Trachin. Die ſcheinbar epiſche Expoſition geht hier aus der betrachtenden Stimmung, in welche Dejanira durch ihre Lage verſetzt ſeyn mußte, alſo aus der Handlung ſelbſt hervor. Dieſe Tragödie bietet mehrere Benfpiele der Art dar; desgleichen der

Philoktetes in den Erzaͤhlungen des Neoptolemos von den Ereigniſſen vor Troja.

Erſter Abſchnitt. 223

Eben deswegen iſt es ein Zeichen des beginnenden Verfalls der tragiſchen Kunſt, daß im Euripides die hiſtoriſchen Beſtandtheile wieder uͤberwiegend zu wer⸗ den ſtreben 1).

Reichthum und Mannigfaltigkeit erkennet Ariftos teles als hervorſtechende Züge der epiſchen Poeſie 5). Homeros begnuͤgt ſich nicht die Thaten ſeiner Helden darzuſtellen, ſondern der ganze Umfang der umgeben— den Welt, alle Theile des Lebens ſind in ſeinem Gemaͤlde vereinigt. Es iſt dieß die Wirkung eines nothwendigen Natur- und Bildungstriebes. Durch die Vervollkommnung der Heldenſage hatte zuerſt die ganze in ſeinem Gemuͤthe reflektirte Welt Geſtal— tung, hatten feine Gedanken feſten Umriß, hatte ſeine Rede harmoniſche Form bekommen. Der ganze ſehr verſchiedenartige Inhalt des Mythos: eigentliche Heldenſage, Stammgeſchichte, Sagen von der Abkunft und den Thaten der Götter, Schiffermaͤhrchen aus der wunderbaren Ferne; dieß alles ſtand zwar hell vor ſeiner Seele, aber noch als ein großes ungeſondertes Ganzes, wie es zuerſt in feſten Symbolen ruhete, bis es in der rohen Stammtra—

31) S. Barnes ad Euripidis Phoeniss. v. 641, und

daſelbſt die Stelle des Scholiaſten des Ariftöophanes über die oft zur Unzeit angebrachten Erzählungen in den Choͤren des Euripides. Im Alexandriniſchen Zeit alter war die Vorſtellung, daß der Inhalt der hiftos riſchen Sagen der Poeſie einen i gebe, noch herrſchender. | ;

32) Poetic. XXIV. g. 6, 7.

m Erſter Abſchnitt.

dition allmaͤhlig fortgeſchlichen, und endlich, immer | wachſend, durch das Epos beflügelt war.

Die folgende Sänger; Periode, die peſtodiſche ſuchte zwar auch den ganzen Kreis des damaligen Wiſſens zu umfaſſen, aber nicht als ein Ungetrenntes, und von dem Mittelpunkte des Heldengeſanges aus, ſondern mit ſichtbarer Scheidung des verſchiedenarti⸗ gen Sagenſtoffs, und mit abgeſonderter Behandlung des Geſchiedenen. Außer dem ethiſch⸗ oͤkonomiſchen Lehrgedicht gehoͤrt dieſem Epos die Theogonie an, welche nebſt der jetzt hinzugefuͤgten Titanomachie die Goͤtterzeugung, und den Goͤtterkampf darſtellte, fers ner mehrere Gedichte von der Abkunft und den Thaten der Halbgoͤtter, und ſelbſt der Aegimios, vermuthlich ein Stammgedicht der mit den Herakliden verbundenen Dorier, welches die Ruͤckkehr der letztern nach dem Peloponnes enthielt, ward dem Heſi jodos von einigen

zugeſchrieben 55).

| Dem epifchen Sänger dieſer Periode hatte fich demnach die Welt bereits in verſchiedene große Ge⸗ biete geſondert, und es war Streben der Dichtkunſt, dieſe einzelnen Theile in abgeſonderten Geſaͤngen darzuſtellen. Der erſte große Schritt zu einer fers nern entſchiedenern Abſonderung war gethan, nach⸗ dem man einmal den Blick auf den Inhalt des poetiſchen Stoffes gerichtet hatte.

33) Ueber den Aegimios ſ. Heyne ad Apollodor. Pag. 476. Groddeck über die Argonautika des Apollo⸗ nios, Bibl. der alten Lit. u. K. 2tes Stuck S. 84 ff. Harles ad Fabric. Bibl. Gr. I. Pag. 592.

Erſter Ab ſchnitt. 2 5

Beſonders ward die hiſtoriſche Wichtigkeit des Epos fuͤr feine naͤchſte Richtung ſehr beſtimmend. Wir wiſſen aus dem bisher Bemerkten, daß dieſer Dichtart der ganze Inhalt der alles umfaſſenden Sage anvertraut, daß in ihr insbeſondere das Wichtigſte von den Begebenheiten der Vorfahren enthalten war. Bey der taglich wachſenden Menge der Sagen mußte man die Homeriſchen Geſaͤnge immer mehr als eine hiſtoriſche Urkunde anſehen lernen, und da die freye Kunſtexiſtenz ſich dort ſelbſt noch ſo wenig verſtand, ſo war es kein Wunder, daß ſie jetzt mißverſtanden, daß von den nachfolgenden Epikern das Ziel der Poeſie in eine vollſtaͤndige, und nach der Zeitfolge ges ordnete Meldung geſetzt wurde. | Bey aller Verſchiedenheit der Vorſtellungs⸗ Arten hieruͤber, welche eine natürliche Folge von dem Verluſte dieſer nachhomeriſchen Poeſien iſt, kann es doch nunmehr, nach Mittheilung der ins haltsreichen und wichtigen Nachricht des Proklos, keinem Zweifel mehr unterworfen ſeyn, daß die angegebenen Merkmahle den unterſcheidenden Cha⸗ rakter jener epiſchen Dichtart ausmachten, welche wir jetzt unter dem vieldeutigen Nahmen des Ky⸗ klos 54) zuſammenfaſſen.

34) Die Hauptquelle der Nachrichten über die kykliſchen Dichter iſt der Auszug aus Procli Chrestomathia Grammatica in der Bibl. der alten Lit. u. K. 1. S. 32. Inedit. und vorher. Vergl. dafelbſt Heyne. Die uͤbrigen ältern und neuern Schriftſteller ſind in

26

Erſter Abſchnitt.

Ohne wiederholen zu wollen, was theils uͤber den vielfachen Sinn des Ausdrucks Kyklos, theils uͤber die nothwendige Unterſcheidung des Einzelnen in dieſer ganzen 5) Maſſe der epiſchen Poeſie von

330

*

Fabricii Bibl. Gr. I. pag. 378 ſeq. ed. Harles vollſtaͤndig angeführte. Man füge noch hinzu Wolf Prolegom. ad Homer. Pag. CXXVI ſeq. Jacobs Prolegom. ad Tzetz. Pag. XXI leg. Heinrich Prolegom. ad Hesiodi Scutum. er

Heyne Excurs. I. ad Virgil. Aeneid. TI. Pag. 269 feg. Ueber die Benennung KuxAos vergleiche Schwarz Disputatio de poetis Cyclicis in deſſen

Dissertationes selectae ed. Harles. Erlang. 1778

Pag. 49. Ich kann bey dieſer Gelegenheit eine

merkwuͤrdige Uebereinſtimmung von Bou ch aud Antiquités poetiques ou disserta- tions sur les Poätes Cyoliques, et sur la poësie Rhythmique. Paris, Charles Pou- gens An VII. mit der eben angeführten Abhand⸗ lung nicht unbemerkt laſſen. Ich nahm dieſe letztere Schrift mit der Hoffnung in die Hände, uͤber dieſe dunkele Partie des literairiſchen Alterthums manche Erläuterungen zu finden, und das vorgeſetzte Aver- | tissement verſpricht dieſelbe auch beſtimmt: „J'ai cru, que cette matiere, discutée plus à fond, se- roit interessante pour les amateurs de la littera- ture grecque. Pai donc tache, par mes recher- ches, de donner sur les Poëtes cycliques tous les eclaircissemens, que j'ai été a portée de puiser dans les anciens auteurs.“ Deſto größer war meine Verwunderung, dieſe Abhandlung mit der Schwarzi- ſchen auf eine Weiſe einſtimmig zu ſehen, die ich nicht

anders als mit dem Nahmen Plagiat bezeichnen kann.

Erſter Abſchnitt. 27

andern bemerkt worden iſt, bleibe ich hier bey denjenigen Zeugniſſen und hiſtoriſchen Spuren fies

hen,

welche das Verhaͤltniß dieſer Dichtart zum

reinen Epos ſowohl, als zu der daraus hergeflofs ſenen Logographie erlaͤutern.

*

Es iſt hier nicht der Ort, die Beweiſe fuͤr dieſe Be⸗ ſchuldigung vollſtaͤndig darzulegen; allein ſchon das wenige hier nachfolgende kann gnuͤgen. Vorerſt macht Schwarz auf die bekannte Stelle des Horatius de arte poet. aufmerkſam. Auch Bouchaud geht, wenn

gleich mit einer etwas verſchiedenen Wendung, von die⸗

ſer Stelle aus. Nun aber F. 2. fährt Schwarz fort: „Tam variarum vero diversarumque Horatiani loci interpretationum occasionem, credo, potiss imum dedit Helenius Acro, vetus Horatii Scholiastes, sive interpres: a quo quidem multo certior lucu- lentiorque explicatio exspectari potuisset, nisi,

quod praeter alios criticos Th. Reinesius in

Defens. var. lect. pag. 107. animadvertit, ista commentaria, quae Acroni vulgo tribui solent, aut auctorem mentiantur, aut misere truncata atque interpolata, et variis compilationibus con- fusa ad nos pervenissent.“ Bouchaud: „La con- trariete d’opinions qui regne à cet égard parmi les commentateurs, a sans doute été occasionnee par l'ancien Scholiaste d’Horace, par Acron de qui 'on eut pu attendre une explication beau- coup plus claire et plus certaine à moins que comme l’observent Thomas Reinesius (in notis suis ad Horatium) et d' autres critiques, les commentaires qu'on attribue vulgairement au

Scholiaste Acron, ne portent un nom suppose,

ou ne nous soient parvenus que tronqués, et

28 Erſter Abſchnitt.

Hierhin gehoͤrt vorerſt die beſtimmte Ausſage des Proklos bey Photios, daß man die kykliſchen Gedichte nicht ſowohl wegen ihres Kunſtwerthes, als vielmehr wegen der hiſtoriſchen Folge der darin enthaltenen Begebenheiten der Aufbewahrung und

interpol&s, et ne soient qu'un melange confus de diverses compilations. etc.“ Schwarz 6. 3: „Nihilominus hanc Acronis interpretationem de- inceps multi commentatores virique eruditi ex ‚parte secuti sunt etc.“ Bouchaud: „Neanmoins - une foule de commentateurs ont adopte en partie does explications d' Acron eto.“ Schwarz H. 4: „Equidem me longe inferiorem esse agnosco, quam qui tantorum virorum placita satis excu- tere, eorumque controversiis intercedere pos- sim non potuerunt non aliquando inter se dissidere.“ Bouchaud pag. 15. Nous sommes bien eloignés de vouloir lutter contre les savans dont nous venons de rapporter les opinions ils ont necessairement n’etre pas quelque fois d'accord“ u. f. fort von Schritt zu Schritt, und wenn ſich die Schwarziſche Spur einigemahl zu ver⸗ lieren ſcheint, ſo iſt dies nur der Fall, weil Bouchaud es bequem findet, eine citirte Stelle in ihrer Aus führ⸗ lichkeit gleichfalls abzuſchreiben. Beyſpiele ſind S. 30. verglichen mit Vossius de historicis grae- cis pag. 195. (Oper. Vol. IV.) und S. 34. ver⸗ glichen mit Vossius de poetis graecis pag. 210. Oper. III. und Turnebi adversaria pag. 1023. Ein aͤhnliches Verfahren hat ſich derſelbe Gelehrte in einem Werke uͤber das Roͤmiſche Alterthum mit zwey Schriften uͤber denſelben Gegenſtand zu Schulden kommen laſſen.

Erſter Abſchnitt. 29

Leſung werth zu achten pflege 6). Daß dieſe Anſicht jener Gedichte im Alterthume die herrſchende war, zeigt ferner die Art, wie wir die Kykliker angeführt finden 7). Sie werden nehmlich ausdruͤcklich hiſto⸗ riſche Poeten genannt, oder mit Worten bezeichnet, welche an hiſtoriſche Schriftſteller erinnern 53).

Der Ausdruck, hiſtoriſche Dichter, bezeichnet in jedem Falle genau die eigenthuͤmliche Richtung, welche die Poeſie nunmehr genommen hatte, man mag nun in demſelben eine beſtimmte Ruͤckſicht auf das in ihr herrſchende hiſtoriſche Element, oder bloß eine Bezeich— nung eines Theiles ihres Inhalts finden. Denn eben darin offenbart ſich unter andern jene Richtung, daß hier die Mythen vom Anfang der Dinge bis nach Trojas Zerſtoͤrung, und gegen die hiſtoriſche Zeit hinab 39) in einer fortgehenden Folge vorgetragen

36) Bibl. der alten Lit. u. K. I. S. 16. Inedita: Asysı de ws TS S ν⁰⁰⏑᷑,j Ta moiypora dj]; % Na om8öageraı Tois moAkoıs 8%, Stu dia Tyv dperyy, vis di TV KnoAsdıav TV Ev aurw mo@yKarwv.

37) Bey dem Scholiast. Pindar. Olymp. 13. v. 74. und Scholiast. Lycophron. v. 174. wird der ältere Eume⸗ los, ein kykliſcher Dichter, our gogo genannt. ſ. Bibl. d. alt. Lit. u. K. IL S. 96.

38) So werden die Verfaſſer der kykliſchen Gedichte häufig mit den Worten: oi ra Kurgia ouyypayavrss angefuͤhrt. Die Stelle ſ. bey Schwarz am angef. O. S. 51.

39) Bibl. d. alt. Lit. u. K. S. 13. und daſelbſt Photios. Ich ſehe keinen Grund, die Bezeichnung: hiſtoriſche Dichter bloß auf den Inhalt dieſer Poeme zu

5

20 Erſter Abſchnitt.

waren. Eine große Menge von Begebenheiten, wie ſie der Zufall einzeln hervorgebracht hatte, wurden hier ohne alle andere Verbindung, als die der Folge in der Zeit, mit dem ſichtbaren Beſtreben, eine jede an ihrem Orte, und nach allen ihren Umſtaͤnden zu berich⸗ ten, an einander gereihet. Dieß war wohl der Chas rakter dieſer Poeſien im Ganzen, und wenn gleich ein⸗ zelne Gedichte nicht ganz in ſo weiter Entfernung von der Homeriſchen Iliade ſtehen möchten, als zum Bey— ſpiel das dieſen Kyklikern nachgebildete Werk des Kointos “), wenn gleich das Daſeyn von Epiſoden “), und andere Zuͤge, die einige derſelben auszeichneten, eine große Verſchiedenheit der Produkte dieſer Poeſie unter einander zeigen, ſo war doch der Sinn und Geiſt, in welchem alle dieſe Poeme unternommen waren, von den Homeriſchen eben ſo verſchieden, wie treue Mel⸗ dung von freyer Dichtung verſchieden iſt.

Die hiſtoriſchen Beſtandtheile waren in den mei⸗ ſten Produkten des Epos der Kykliker ſo uͤberwiegend geworden, daß die poetiſchen zu keiner unabhaͤngigen Erſcheinung gelangen konnten, und es war alſo ein der Homeriſchen Poeſie ganz entgegengeſetztes Verhälts

beziehen, wie Schwarz S. 51. thut. Die obige Stelle des Proklos und die Natur der Sache fuͤhren darauf, daß man die ganze Eigenthuͤmlichkeit dieſer Dichtart dadurch andeuten wollte.

40) Tychsen de Quinti Smyrn. Paralipom. Homeri Pag. 17. ö

41) Groddeck in der Bibl. d. alt. L. u. K. II. S. 90. Heyne ad Homer. Tom. VIII. Pag. 616.

Erfier Abſchuitt. 31

niß des Dichters zu ſeinem Geſange eingetreten. Der Homeriſche Sänger glaubte nur die aus dem Unters richte der Muſe empfangene Sage der Vorzeit zu vers ewigen, waͤhrend er in der Fülle feiner Phantaſie ſchoͤn ſpielte: der Kykliker ſchmeichelte ſich mit dem Glauben an eine poetiſche Freyheit, die er nicht hatte, wenn er ſeinen Geſang wirklich in den Dienſt des empfangenen Stoffes gab. |

Ich wiederhole, daß diefe Beſchreibung nur auf die Tendenz des Kyklos im Ganzen gehet; manche Erzeugniſſe deſſelben ſcheinen in ſchoͤner Homeriſcher Sprache und freyer Bewegung von dem Uebrigen eine ganz rühmliche Ausnahme gemacht zu haben, ſo zum Beyſpiel die Eden, welche ebenfalls in dieſe Sammlung gehoͤren 42), wenn man anders aus dem noch vorhan— denen Schild des Herakles auf jene einen ſicheren Schluß machen koͤnnte. Dieſer Abweg, auf den die Griechiſche Poeſie in ihrem einfachen Naturgange geras then war, darf auch nicht als eine allgemeine Verir⸗ rung der poetiſchen Kunſt angeſehen werden. Nicht zu erwaͤhnen, daß es jetzt und ſpaͤter manche Epiker gab, die ihre Dichtung von jenem Verderbniſſe ziem⸗ lich rein erhalten mochten, ſo erhob ſich ja bald nach

dem Auftreten der fruͤheren Kykliker die lyriſche Poeſie.

Vielmehr mußte ſich nun bey der fortdauernden Erſcheinung fo mancher Produkte achter Kunſt der

Unterſchied zwiſchen ihr und der kykliſchen Dichtung im Urtheile der Griechen immer mehr entwickeln.

42) Heinrich Prolegom, ad Hesiodi Scutum Hexe. Pag. L. n f |

32 Erſter Abſchnitt.

Allein bey dem freyen Gebrauche, welchen die Lyriker von den Mythen machten, ſchaͤtzte man jene um ſo hoͤher, je mehr man ihrer bedurfte, da man an ihnen doch einen getreuen Vortrag der Sagen hatte. Und wenn auf einem Felde, wo ſo vieles dunkel iſt, die Muthmaßung eine Stelle verdient, ſo koͤnnte vielleicht ſchon bald nachher, da mit der verbreitetern Schreibe⸗ kunſt, und der Entſtehung der Proſa, ſich eine eigne, zum Zweck der bloßen Meldung angelegte Sagenſchrei⸗ bung gebildet hatte, da folglich eine Dichterklaſſe, die jetzt noch hiſtoriſch fortſang, die Abſicht ihres Daſeyns uͤberlebt zu haben ſcheinen mußte, ſo koͤnnte damals ſchon der kykliſche Geſang in jene Verachtung geſunken ſeyn, von der ſich einige ſpaͤtere Spuren finden 5). Dieſe naͤchſte Periode, oder die der beabſich— tigten Sagenmeldung, ſtehet mit unſerm Hauptgegenſtand, der Entwickelung der Hiſtorie, in ſo unmittelbarer Verbindung, daß wir ſie billig genauer betrachten, und, um dieß zu koͤnnen, aus dem ganzen damaligen Zuſtand der Griechiſchen Staͤmme, beſon⸗ ders in Jonien, abzuleiten verſuchen muͤſſen. Eine vollſtaͤndige, durch alle Stufen ihrer Ents faltung an dem Faden ſicherer Zeugniſſe durchgefuͤhrte Darſtellung der joniſchen Kultur waͤre ſchon bloß um der Geſchichte der Griechiſchen Hiſtorie willen eine aͤußerſt wuͤnſchenswerthe Sache, denn ſie wuͤrde uns das erſte Aufkeimen ſowohl als die fernere Ent⸗ wicke⸗ 43) Schwarz Pag. 44. Heyne Excurs. I. ad Virg. Aeneid. IL pag. 269.

Erſter Abſchnitt. 688 \

wickelung derſelben in einem Lichte zeigen, das gegen das jetzige Dunkel ſehr wohlthaͤtig kontraſtiren duͤrfte. So aber muͤſſen wir uns mit den Nachrichten von der Macht und dem Reichthume der Kleinafiatifchen, befons ders Joniſchen Städte, von den Wirkungen dieſes Reichthums auf die dortige Lebensweiſe begnuͤgen, und alsdann von dem wirklich faktiſchen Entſtehen fo mancher Kunſt und Wiſſenſchaft in dieſem ſchoͤnen Lande auf eine mit der aͤußern Kultur gleichen Schrit⸗ tes fortgegangene innere Bildung zuruͤckſchließen. Unter den vielen großen Folgen, welche die Ruͤckkehr der Herakliden auf den Zuſtand der Griechiſchen Stäm— me hatte, war die Anpflanzung Aeoliſcher, dann Jo— niſcher, und endlich Doriſcher Kolonien auf der Kuͤſte von Kleinaſien eine der wichtigſten 44). Dieſe Grie⸗ chiſchen und insbeſondere die Joniſchen Pflanzſtaͤdte fanden hier in Aſien Beguͤnſtigungen, welche ſie bald uͤber ihre Mutterſtaͤdte in der eigentlichen Hellas weit hinausfuͤhrten.

Das Klima von Jonien namentlich preifet Heros dotos, der ſelbſt in einer benachbarten Stadt geboren war, in Anſehung der gleichmaͤßigen Entfernung von

zu großer Kaͤlte und Waͤrme, als das gluͤcklichſte unter

44) Die Haupt -Stelle hieruͤber iſt Herodot I. 142 ff. Vergl. Strabo XIV. 938. ed. Almelov. und Pauſa⸗ nias VII. Cap. 2. etc. Ueber die Abkunft der Jonier ꝛc. vergl. Herodot I. 56 ff. und daſelbſt Weſſeling. Strabo VIII. 513 f. 587 609.

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{ ER si; Erſter Abſchnitt.

allen 4). Nicht minder beguͤnſtigend war die Lage dieſer Städte: gegen Weſten am Mittellaͤndiſchen Mee— re, und groͤßtentheils an der Mündung anſehnlicher Fluͤſſe, gegen Oſten in der Nachbarſchaft von Voͤlkern, unter denen die Lydier insbeſondere durch die Handels verbindung mit dem reichen Mittelaſien, und durch die natürlichen Güter ihres Landes zu einem betraͤcht⸗ lichen Reichthume gelangt, und bereits in dem Beſitze einer gewiſſen Fuͤlle und Mannigfaltigkeit der Mittel zum Lebensgenuſſe waren. Die Herodoteiſche Ges ſchichte dieſer lydiſchen Könige gibt vielfältige Beweiſe von einer fruͤhen Verbindung dieſer Nation mit den Kleinaſiatiſchen Griechen. ul

Die politiſche Verfaſſung dieſer letzteren war anfangs die in der heroiſchen Zeit durch ganz Griechen land herrſchende: eine eingeſchraͤnkte Herrſchaft kleiner Koͤnige, nachher verſuchten fie die verſchiedenſten For; men, und die Geſchichte dieſer Städte bietet eine große Menge politiſcher Umwandelungen dar. Dieß letztere war eine natuͤrliche Folge des verbreiteten Wohlſtandes, und des dadurch herrſchend gewordenen Freyheitsgeiſtes. Eine andere Folge davon war ein eben ſo allgemein herrſchender Luxus, welcher letztere

beſonders in der Bekanntſchaft dieſer Staͤdte mit den f

benachbarten Aſiatiſchen Voͤlkern ſeinen Grund hatte, und bald eine ſolche Höhe erreichte, daß er in Grie⸗ chenland zur ſprichwoͤrtlichen Bezeichnung der groͤßten

45) J. 142. zu Anfang. Paus. VII. Cap. 5. Pag. 250. und 253. ed. Fac. Kurt Sprengel Apologie des Hippokrates ater Theil S. 579 f.

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Erſter Abſchnitt. s

Ueppigkeit wurde 4°). Nicht minder wurde aber die große Macht dieſer Staͤdte zum Sprichworte. Sie war groͤßtentheils jener Verfeinerung des äußern Le⸗ bens vorangegangen, oder begleitete dieſelbe. Die natürliche Güte des Bodens, und noch mehr die Lage a der Staͤdte, und der dadurch erleichterte Handel hatte

ſie gegruͤndet. Dieſer letztere wurde mit der lebhaf⸗ teſten Thaͤtigkeit und dem kuͤhnſten Unternehmungs⸗ geiſte bis in die entfernteſten Gegenden der damaligen Welt gefuͤhrt, und durch Erfindung im Schiffbau und große Uebung in der Schifffahrt unterſtuͤtzt. Eben ſo befoͤrderten ihn die zahlreichen Kolonien, welche von dieſen Joniſchen Griechen an den Kuͤſten des Mittellaͤn; diſchen Meeres, und beſonders am Pontos, angelegt wurden. Dieſe faſt unglaubliche Ausbreitung der Jonier in Pflanzſtaͤdte bietet zugleich das ſinnlichſte Bild von der Groͤße ihrer innern Macht und beſonders ihrer Bevoͤlkerung dar. Wenn die Zahl der Kolonien des einzigen Miletos faſt bis an hundert reichte, ſo liegt der Schluß auf die Summe der ſaͤmmtlichen ſehr nahe, und dieſer Joniſche Staͤdtebund erſcheinet in einer außerordentlichen Groͤße. Von den gewoͤhnli⸗ chen Begleiterinnen eines bluͤhenden Handels, den mannigfaltigen Gewerben, zeigen ſich auch hier einige Spuren. Vollſtaͤndiger find die Nachrichten von den

46) Athenaeus Lib. XII. p. 325 526. 540 541. und a. a. O. Excerpta ex Diodoro Sic. Tom. II. pag. 551. ed. Wess. mit des Letztern Note.

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36 Erſter Abſchnitt. |

Fortſchritten, welche die ſchoͤnen Künfe in 19 Städten machten 7).

Mit dieſem Joniſchen Städteleben AN ſich eine neue Welt, deren mannigfaltige Erſcheinungen in ihrem vielſeitigen Einfluß auf geiſtige Kultur eine wuͤrdige und nicht ſelten ſchwierige Aufgabe fuͤr eine eigne Darſtellung waren.

In allem zeigt ſich hier das Ende der heroi⸗

ſchen Zeit, in welcher der griechiſche Geiſt durch klares Umfaſſen einer hoͤchſt einfachen Umgebung erſtarkt war, ein Hervortreten in einen weitern Kreis vielfas

cher Verhaͤltniſſe und reicher Erfahrungen.

Bey der Armuth und Eingeſchraͤnktheit des Les bens im Griechiſchen Mutterlande hatte nur der eine beguͤnſtigte Stand der Koͤnige und Edlen eine freyere Exiſtenz genoſſen, und nur Eine Beſchaͤftigung. Der Krieg war es, in welchem der Beguͤnſtigte zum Bewußtſeyn ſeiner ungehemmten Kraft gelangte. Die Milde und Fruchtbarkeit des Landes, der Wohls

ſtand, welchen Gewerbe und Handel gab, vertheilte in Jonien das Glück des Lebens gleichmaͤßiger. Auf

der andern Seite war die mitgebrachte vaͤterliche Regie⸗ rungsform, welche dem Anfuͤhrer die Herrſcherwuͤrde verlieh, mit jenem verbreiteten Wohlſtande und Frey—

47) Die Beweiſe fuͤr viele dieſer Saͤtze, die nicht durch die oben angeführten Stellen der Alten ſelbſt belegt worden, finden ſich in Heeren über die Politik, den Verkehr

der Voͤlker der alten Welt II. S. 135 ff. und Mei⸗ ners Geſch. der Wiſſenſch. in Griechenland u. Rom. I. B. S. 26 ff. g

8 Erſter E 37

heitsgefuͤhl im u Widerſpruche, zumal da nun ft reiche und maͤchtige Mitbuͤrger ſich als ſogenannte Tyrannen an die Spitze des Staates ſtellten. Daher eine Reihe von innern Gaͤhrungen und Revolutionen. Jede der⸗ ſelben bereicherte den jugendlichen Griechen ; Geiſt mit neuen Erfahrungen. Einen nicht geringeren Schatz von Kenntniſſen ſammelte er ſich auf den vielen Reiſen, welche der ausgebreitete Handel nothwendig machte. Der vermehrte Reichthum erhoͤhete das Streben dar- nach mit dem beſtaͤndig wachſenden Streben nach Le— bensgenuß. Letzterer war eine Frucht der Bekannt— ſchaft mit den benachbarten eydiern. Dieſe, im Beſitz mannigfaltiger Luxusmittel des weichen Aſtatiſchen Lebens, zeigten zugleich dem Griechen in ihrer despoti— ſchen Verfaſſung eine Scheidung der Staͤnde, die ihm bisher noch nicht ſo in der Naͤhe erſchienen war. Seine friſche Kraft, mannigfaltig gereizt, lernte ſich hier in fließender Ueppigkeit ſinnlich ausbreiten. Die dadurch erzeugten Anſpruͤche in ihrem gegenſeitigen Kampfe wendeten und übten theils die geiſtige Faͤhig⸗ keit auf das vielfaͤltigſte, theils lernte man bey dieſen Aeußerungen der gereizten Begierden das menſchliche Gemuͤth von mehreren Seiten und in feinen verborges nern Zügen kennen. Vielſeitigere Erfahrungs- Weiss heit trat nun an die Stelle jener alten Unſchuld einer einfältigen Weltanſicht, und zeigte den angetretenen Stand der Erkenntniß. Dieſes beweiſet auch die Gries chiſche Poeſie jener Zeit. Hatte ſie bisher in einfacher Darſtellung einer Heldenthat die ganze umgebende Welt zur Erſcheinung gebracht, ſo umfaßte ſie jetzt die Fuͤlle eines bereicherten Gemuͤthes.

38 | Erſter Abſchnitt.

Die wiederholte Beobachtung des menſchlichen Lebens hatte einen Schatz von Erfahrungsſaͤtzen erzeugt, welche die gnomiſche Poeſie rhythmiſch vortrug oder die Aeſopiſche Fabel in Bildern aus der Thierwelt ans ſchaulich machte. Die Einſchaͤrfung der menſchlichen und buͤrgerlichen Pflichten zeigte den Ernſt des Lebens.

Unter dieſen Umftänden konnte auch jenes kind, liche Spiel mit der Sage, wodurch das alte Epos beſchaͤftigt und befriediget worden war, nicht laͤnger fortdauern. Wir haben bereits geſehen, daß ſich dies ſes Spiel, wiewohl unbewußt im Kyklos allmaͤhlig zum Ernſte hingeneigt hatte. Jetzt aber, da man Ernſt und Spiel immer ſicherer unterſcheiden lernte, mußte dieſe Taͤuſchung allmaͤhlig verſchwinden. Das Leben des Buͤrgers eines ausgebildeten ſtaͤdtiſchen Ge⸗ meinweſens konnte nicht mehr die Unabhaͤngigkeit has ben, welche die Könige und Edlen und die ihnen zuge⸗ ſellten Aoͤden in der heroiſchen Zeit genoſſen hatten. Dort erhob ſich die Phantaſie leicht über das leichte Leben. Hier dagegen ward der Verſtand allenthalben an die Wirklichkeit erinnert. Die Sorge fuͤr einen reichern Guͤterbeſitz, die Kolliſtonen bey dem Erwerb deſſelben, die Hinderniſſe bey den Anſpruͤchen auf äußere Ehre, die Laſten des Buͤrgerſtandes, alles die, ſes hielt ihn in mannigfaltigen bindenden Verhaͤltniſ⸗ ſen am Boden feſt. Namentlich war es nun immer noͤthiger, um das Gegenwaͤrtige zu verſtehen, das Vergangene zu wiſſen: die Verfuͤgungen der Vorfah⸗ ren, den Urſprung mancher Rechte, und folglich die Begebenheiten der Vorzeit. Schon die Gruͤndung dieſer freyen Joniſchen Staͤdte ſelbſt hing mit tauſend

Erfier Abfhnitt 39

lokalen Beziehungen im Griechiſchen Mutterlande zus ſammen. Man mußte auf Urſprung, Wanderungen und andere Schickſale der Staͤmme achten. Auch die Regierungsform lehrte auf die Vorzeit merken, da ſie zunaͤchſt an alten heroifchen Geſchlechtern hing. Fer⸗ ner die Verbindung der Joniſchen Eidgenoſſenſchaft, die Beſchluͤſſe an den Bundestagen, die Beſtimmung gegenſeitiger Rechte, alles dieß führte auf den pofitis ven Inhalt der Sage zuruͤck, und letztere wuchs taͤglich zu einer immer groͤßern Maſſe an. War ſie waͤhrend der langen heroiſchen Zeit durch die vielſeitige Stamms tradition angeſchwellt worden, ſo vermehrte jetzt die joniſche Schifffahrt und Ausbreitung dieſelbe mit einer großen Fülle ausländifcher Mythen. Dieß waren die Umſtaͤnde, welche eine eigne, auf den Inhalt des Ueber⸗ lieferten hingewendete Sagenmeldung hervorbrachten. Es ward nun ein eignes Geſchaͤft der jetzt rege gewor⸗ denen Forſchbegierde, welche ſich unter andern auch in dem Streben der Joniſchen Naturphiloſophie zeiget, alles was die muͤndliche Tradition jedes Orts, und insbeſondere was der Geſang der Dichter von mannigs faltigen Nachrichten enthielt, ſeinem Inhalte nach fuͤr das Gedaͤchtniß zu ſammeln. Dieſes letztere hatte unterdeſſen an der Schreibekunſt eine ſtarke Stuͤtze erhalten, welche in Jonien vermuthlich fruͤher, als im eigentlichen Griechenlande, wegen bequemerer Schrei⸗ bewerkzeuge zum allgemeinern und haͤufigern Gebram - che fortgeſchritten war 4°). Zwey andere wichtige Erſcheinungen waren die Folgen hiervon.

48) Wolf Prolegom. ad Homer. Pag. LXX ſeq.

Heyne ad Homer. Tom. VIII. Pag. gi4.

40 Erſter Abſchnitt.

Fürs erſte wurde nun der Antheil, den die Eins bildungskraft bisher an der Sage gehabt hatte, ſehr beſchraͤnkt, wo nicht ganz aufgehoben. Bey der bloß muͤudlichen Ueberlieferung war ihr Spiel niemals gaͤnz⸗ lich ausgeſchloſſen geweſen. An feſte Zeichen gebunden ward dagegen nunmehr der Mythos dem Gedaͤchtniſſe getreuer uͤberliefert 19). Dieſes letztere, im ſichern Vertrauen auf jene Aufbewahrungskunſt, mußte mit der immer mehr abnehmenden Uebung in demſelben Maße von ſeiner Kraft verlieren, und ſo mußte dann die bisher ſo geſchwaͤtzige Griechenſage allmaͤh⸗ lig verſtummen.

Zum andern konnte nunmehr die Rede das feſ⸗ ſelnde Metrum ablegen.

In dem epiſchen Geſange, bey dem freyen Schwe⸗ ben über dem Sagenſtoff, war das Metrum der na- türliche Ausdruck dieſer gehobenen Dichterexiſtenz: mit dem ernſten Zwecke der Sagenſchreibung war es dagegen unvertraͤglich. Die Proſa war das Zei⸗ chen, daß nicht das weite Gebiet der Phantaſie die Heimath des Mythographen ſey, ſondern der feſte Boden der begraͤnzten Wirklichkeit.

Aus dieſen Urſachen ging alſo die Hiſtorie hervor, oder vielmehr die Mutter derſelben, die Logographie der Jonier. Denn wie ſehr

49) Euripides im Palamedes beym Stobaͤos (f. ed. Eu- rip. Lips. Vol. II. Pag. 460.): Ta my Je Ay9ys Dapmar’ 009woas Movos ’E£supov avsgwramı ypankar zidevaı x. T. A. Vergl. Aeschyl. Prometh. Vinct. v. 459 legq.

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Erſter Abſchnitt. 41

dieſes Naturprodukt Joniſch heißen koͤnne, wie es, um zu erwachſen, des Joniſchen Himmels bedurfte, und wie es uur in der Bluͤthe der Joniſchen Staͤdte gedeihen konnte, hat die bisherige Betrachtung ges nugſam gezeigt. Die meiſten Mythographen ſcheinen Jonier geweſen zu ſeyn. So wird Miletos als der | Geburtsort der Mythographen Kadmos, Hekataͤos ut d Dionyſios angegeben. Des Phereky des Vaterland war die Inſel Leros, auch die reifere Hiſtorie blieb in dieſem Kleinaſiatiſchen Griechenlande gewiſſermaßen einheimiſch. Die Geſchichtſchreiber Kteſtas, Theo— pompos und Ephoros waren, der erſte von Chios, der zweyte von Kumaͤ, der dritte von Gnidos gebuͤr⸗ tig, und der Geburtsort des Herodotos war Halikar— naſſos, eine vormals ii Doriſchen Bunde gehörige Stadt.. Es bedurfte manches Schrittes, bis die Stufe erreicht war, auf welcher die Mythographie, die nun allererſt Hiſtorie heißen konnte, in dem Werke des letztern erſcheint. Das erſte einfaͤltige Ausſchreiben der von den Poeten behandelten Mythen zeigt kaum eine entfernte Aehnlichkeit mit derſelben. Man mußte erſt durch die Bemerkung der großen Abweichungen in einer Sage auf ihre Vergleichung, und dadurch auf den Grund jeglicher Tradition und ſo zum Quellen- ſtudium hingefuͤhrt werden. Die Sprache, welche auch da noch, als ſie das Metrum weggewor— fen hatte, in durchgaͤngiger Bildlichkeit ihren Urſprung

30) Vergl. Blackwell über Homer, uͤberſetzt von Voß, S. 11 f. N

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44 q Erſter Abſchnitt.

aus der Poeſie zeigen mußte, bedurfte noch mancher Ausbildung, bis ſie die der Hiſtorie angemeſſene Eigen⸗ thuͤmlichkeit erlangte. Die Anordnung des Sa⸗ genſtoffes mochte wohl etwas näher liegen, da das alte Epos in den Theogonien, Kosmogonien und Herogonien auf die Eintheilung nach Menſchenaltern führen mußte, koſtete aber dennoch den Mythographen f vielleicht manchen Verſuch. Wie weit bleibt gleich“ wohl dieſe Abtheilung gegen die Kunſtanordnung zu ruͤck, welche ſich in der erſten Hiſtorie mit jener vers bunden findet. Endlich die verſtandloſe Zufällig keit, in der die erſte rohe Sagenmeldung alle Bege⸗ benheiten zeigt, ſteht in kaum erreichbarer Ferne von der geſchloſſenen Nothwendigkeit, in welcher ſie dem hellen und geuͤbten Blick des Herodotos erſcheinen. Wir koͤnnen nicht hoffen, dieſes Werk in ſeinem eigenthuͤmlichen Sinne aufzufaſſen, und folglich die Hiſtorie der Griechen verſtehen zu lernen, bevor wir jedes der eben angegebenen Elemente, fo weit als mögs lich ſeyn wird, bis in ſeinen Urſprung verfolgt, und bis zur harmoniſchen Verbindung mit jedem der uͤbri⸗ gen, wie ſie das erſte Geſchichtswerk zeigt, begleitet haben werden. e

g

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Zweyter Abſchnitt. Die Entſtebung der Hiſtorie ihren Beſtandtheilen nach.

Beſtandtheile werden hier die innern Bedingungen der Möglichkeit jeder Hiſtorie genannt, ohne die eine ſolche nicht gedacht werden kann, welche folglich die Hauptgegenſtaͤnde jeder Betrachtung eines Geſchichts— werks ſind.

Es kann hier noch nicht bewieſen, muß aber um des Folgenden willen vorausgeſetzt werden, daß ſie ſich auf dieſe vier zurückführen. laſſen: kritiſche Forſchung, Anordnung, Urtheil, und Sprache. |

Das Weſen aller Hiſtorie iſt Wahrheit. Je wer niger uͤber dieſen Satz irgend einiger Widerſpruch zu befuͤrchten iſt, deſto ſicherer darf die Zuſtimmung des Leſers erwartet werden, wenn in dieſer Unterſuchung den Bemuhungen die hiſtoriſche Wahrheit zu erhaͤrten: der Forſchung und Kritik unter jenen Elemen⸗ tartheilen die erſte Stelle angewieſen wird.

Wenn es nicht ſchon aus der Natur der Sache ſelbſt hervorginge, fo koͤnnte eine unten näher zu bes trachtende Stelle des Dionyſios von Halikarnaſſos uns widerſprechlich zeigen, daß ſich die Frage: Welches waren die Schickſale der hiſtoriſchen Kritik unter den Griechen? von jener andern: Welcher Art war der Inhalt des hiſtoriſchen Mythos, des Epos und endlich

3

44 Zweyter Abſchnitt.

der fruͤheſten Hiſtorie? unmoͤglich trennen laſſe. Dep wegen ſoll auch hier dieſe letztere unterſuchung mit * erſtern durchgaͤngig verbunden werden.

In einer merkwürdigen Stelle des Heſiodos, die, wenn gleich wahrſcheinlich der ſpaͤtere Zuſatz eines ans dern Saͤngers, dennoch uͤber das ganze Heldenalter der Griechen ein helles Licht verbreitet, wird vom epi⸗ ſchen Geſange geſagt )) fein Inhalt ſey:

„Früherer Menſchen Ruhm, und * ſeligen

Goͤtter.“ Ä Hier find die beyden Hauptzweige des ech Mythos, welchen ſich die Poeſie zugeeignet hatte, unterſchieden: die Meinungen der Vaͤter, und ihre Thaten und Schickſale. Der Grlechiſche Götter My thos muß namlich als einer der fruͤheſten Verſuche die⸗ ſes Volkes, ſich die Erſcheinungen der Natur zu erklaͤ⸗ ren, angeſehen werden. Der rohe Grieche, von den Einwirkungen der letztern fortdauernd abhaͤngig, mußte eben ſo lebhaft das Beduͤrfniß fuͤhlen, die Gruͤnde derſelben zu entdecken, als er zur eigentlichen Aufloͤſung jener Raͤthſel unfähig war. Nach einem nothwendigen Geſetze geiſtiger Aſſimilation bildete er ſie nach ſich ſelbſt, und lieh ihnen die weſentlichſten Eigenſchaften ſeiner eignen Natur. So wurden ihm alſo die Naturkräfte beſeelte Weſen unter allen Bedin⸗ gungen des menſchlichen Daſeyns, nur nach einem

1) Theogon. v. 100 [d. - xAsın moorsowV d Sto pnaranas TE Se

Ueber jene Vermuthung in Abſicht der ganzen Stelle vergl. Wolf ad h. l.

Ba

Zweyter Abſchnitt. 45

groͤßern Maßſtabe, und von allen Beſchraͤnkungen

befreyet, welche mit dem Begriffe von furchtbarer Gewalt unvertraͤglich geweſen waͤren. Nach derſelben ſymboliſchen Vorſtellungsart wurde der ſo entſtandenen Goͤtterwelt Geſchlechts Unterſchied und Zeugung bey⸗ gelegt, und ſo hatte man Goͤttergeſchlechter.

Die Lage der Griechiſchen Stämme, beym Ueber—

| gange von der aͤußerſten Wildheit zu einem milderen

Leben, bot Veranlaſſung genug dar, wodurch ſich einzelne Menſchen von vorzuͤglicher Kraft und ausge⸗ zeichnetem Muthe um ihre Stammgenoſſen verdient machen konnten. Die Bekaͤmpfung wilder Thiere und

andere Handlungen, wodurch die feindſelige Webers

macht der Natur aufgehoben, oder die aͤußere Sicher⸗— heit gegruͤndet ward, mußten vorhergehen, wenn

Ackerbau, groͤßere buͤrgerliche Verbindung, und eine

geordnetere Verfaſſung moͤglich ſeyn ſollten. Die Hel⸗ den, welche jene Thaten verrichteten, wurden nun nicht bloß bey der Austheilung des Bodens vorzüglich bedacht, ſondern auch Gegenſtand der Bewunde⸗ rung bey der Mit- und Nachwelt.

Man verſammelte ſich, um von den maͤchtigen Gottheiten die Abwendung befuͤrchteter oder wirklich druͤckender Uebel zu erflehen, oder im Genuſſe des leichteren Lebens den freundlichen Goͤttern, den Gebern dieſes Genuſſes, zu danken. Man verſammelte ſich

aber auch zur Feyer irgend einer denkwuͤrdigen That

oder Begebenheit. Feſtliche Geſaͤnge in bildlicher Sprache und ungebildetem Rhythmus, verbunden mit lebhaftem Tanze, waren ohne Zweifel hier, wie dort, der Ausdruck religioͤſer Empfindungen. Es war

46 Zweyter een,

nichts cer, als daß hierbey das Lob der Heroen mit dem der Goͤtter verbunden ward, zumal da jene an dem Gluͤcke des milderen Lebens, deſſen man ſich jetzt freute, ebenfalls Antheil hatten. Der Attiſche Mythos von der Demeter und dem Triptos lemos mag unter vielen ein Beyſpiel ſeyn, um an dieſe urſpruͤnglich religioͤſe Verbindung der Heroen mit den Goͤttern zu erinnern. Allein man blieb bey diefer äußern Verbindung gemeinſchaftlicher Verehrung nicht ſtehen, ſondern eine Idee ward nun der Grund einer engern Verbindung der Helden mit der Goͤtterwelt. Der Grieche, gewohnt nicht bloß die erſcheinenden Naturkraͤfte als Goͤtter zu ſymboliſiren, dachte ſich auch jede außerordentliche Förperliche oder geiſtige Menſchenkraft als goͤttlich. Bey dem herrſchenden Symbole der Zeugung war ihm alſo der Befiger be⸗ wundernswuͤrdiger Kraͤfte, der Held, ein Goͤtterſohn. Daher alſo die Vorſtellung von der Verbindung der Götter mit ſterblichen Frauen, wodurch die 1 mit der Theogonie verbunden

vard.

Außer dieſen Mythen von den e hlechtern Hund Heldenthaten hatte man ohne Zweifel auch fruͤhe ſchon Stamm-Mythen, in welchen der Urſprung, die Wanderungen, und die merkwuͤrdigſten Schickſale eines Stammes vorgetragen waren, denn die auffals lendſten Veränderungen, die den ganzen Stamm bes troffen hatten, mußten doch in der Erinnerung leben— dig bleiben, wenn man gleich annehmen muß, daß im Einzelnen nur das Andenken der merkwuͤrdigſten Stammglieder, der Heroen, erhalten wurde.

ur: i

Ane men Abſchnitt. 47

Die deutlichſten Spuren weiſen darauf hin, daß | 15 die Maſſe des Griechiſchen Mythos ſchon fruͤhzeitig mancher fremde Stoff uͤbergegangen iſt.

Die Scheidung dieſer fremden Sagen von den

Griechiſchen, und die Zuruͤckfuͤhrung auf ihre Quelle

gehoͤrt eben ſo wenig in dieſe Unterſuchung, als eine ins Einzelne gehende Darſtellung der verſchiedenen Arten des Helleniſchen Mythos. Dieſe fruͤheren auslaͤndiſchen Mythen bezogen ſich groͤßtentheils auf die Religion, ob wohl auch einzelne hiſtoriſche darunter bemerkbar find, z. B. der von dem Raube der Europa 2). | Wir gehen nun zur Erörterung des Vers bältniffes der Griechiſchen Sagen zur hiſtoriſchen Wahrheit uͤber. Dieſer letztere Ausdruck ift mehr deswegen gewählt worden, um den weiten Abſtand mythiſcher Freyheit von hiſtoriſcher Treue zu bezeichnen, als weil man etwa hier eine ſichere Beglaubigung des Faktums erwartete. Jener

Abſtand zeigt ſich in mannigfaltigen Erſcheinungen, und hat mehr als Eine Urſache. Schon die oben bes

ruͤhrte Verknupfung der Heldengeſchlechter mit den Goͤttern, zuſammengenommen mit ihrem Grunde, der

geglaubten Goͤttlichkeit alles deſſen, was über die

gewoͤhnliche Menſchheit erhaben erſcheinet, oͤffnet der dichtenden Phantaſie einen weiten Spielraum. Alles zeigt ſich hier der Erinnerung in einem groͤßern Maß

ſtabe. Selbſt das Wunderbarſte kann nicht mehr bes fremden, da der gepriefene Heros durch feine zum

2) Heyne de fide historica aetatis mythicae Com- ment. Societ. Scient. Gotting. Vol. XIV. pag. 115.

u zweyter Abfgnitt, |

Theil göttliche Abkunft aus 50 Welt berſtammt, in R | welcher die Wunder Wunder zu feyn aufhoͤren. f

Eine andere Quelle j jener mythiſchen Ueberſchrei⸗ tung der Wahrheit iſt in der Rohheit des Urhebers der Sage ſelbſt zu ſuchen. Er hat das richtige Maß in ſeinem Thun und Denken noch nicht gefunden: was auf ihn Eindruck machen ſoll, muß durch die auffal⸗ lendſten Züge fein Gemuͤth ergreifen, und in regem Erſtaunen feſthalten. So wenig die feinern Accorde einer gebildeten Muſik dem an rauſchende Toͤne gewoͤhn— ten Ohre des halbwilden Naturmenſchen gefallen, eben ſo wenig koͤnnen Handlungen, in dem Mittelmaße menſchlicher Kräfte gehalten, feine Aufmerkſamkeit fer ſeln, und in ſeinem Gedaͤchtniſſe ſich feſthalten. In dieſem Vergroͤßern ins Ungeheuere ſucht gleichſam der Ueberfluß ungeſchwaͤchter Kraft einen nothwendigen Ausweg. Daher ſich auch bey mehreren Nationen, bey welchen dieſelben Urſachen ſtatt finden, dieſe Er⸗ ſcheinungen zeigen. So ſchließet ſich nicht bloß im alten Nordiſchen Mythos ) und noch jetzt bey den Obiſchen Oſtjaken 4) die Heldenwelt an die Götter welt an, ſondern auch in den hiſtoriſchen Sagen aller Voͤlker auf gleicher Bildungsſtufe iſt das Wunderbare und Seltſame herrſchender Zug 5).

| Nicht

3) Braga und Hermode 4. B. 2. Abthl. Briefe uͤber den Geiſt der Nordiſchen Dichtkunſt u. Mythologie S. 9.

4) Pallas Reiſen. Leipzig 1777 3. Th. S. 39.

5) Pallas 3ter Theil S. 31. 4 So erzaͤhlen ſie (die Obiſchen Oſtjaken) z. B. von einem maͤchtigen und

Zweyter Abſchnitt. 49

Nicht mindern Antheil an dieſer Wunderbarkeit der Heldenſage hatte die Zeitferne, in der die That gewöhnlich von dem Verkuͤndiger ihres Lobes abs ſtand. Nur auf dem Wege langer Ueberlieferung war ſie ihm bekannt geworden, und das Ohr war das Organ dieſer geiſtigen Fortpflanzung. Das Auge berichtet aus heller gegenwaͤrtiger Umgebung, nach dem getreuern Maßſtabe des wirklich empfangenen Eins drucks: das Ohr iſt der Sinn des Wunderbaren ©), ſeine Empfindungen ſind unbeſtimmter, und erſcheinen nicht in gleich entſchiedener Naͤhe. Verſchwindet nun der vernommene Laut in eine unabſehbare Ferne, ſo wird die idealiſirende Kraft der Seele noch lebhafter angeregt, und die Sage geht ins Gebiet der freyern Dichtung uͤber.

Auch die Sprache, deren der Naturmenſch mächtig iſt, theilt der Sage dieſes ſeltſame Anſehn mit. Anfangs mangelt wohl der eigentliche Ausdruck des Geiſtigen ganzlich. Was in dieſes Gebiet gehört,

kapfern Oſtjaken, der mit unabgewechſelten Renn⸗ thieren in vier und zwanzig Stunden auf fuͤnfthalb— hundert Werſte gefahren, und einige taufend Menſchen ganz allein erſchlagen haben ſoll. Dieſe Erzählung halten die Oſtjaken für eine wahre Ges ſchichte.“ ueber ahnliche Zuͤge in den Mythen der Araber, Neger u. a. hat Iſelin Geſchichte der Menſchheit I. S. 328. Stellen der Reiſebeſchreiber angefuͤhrt. * ER 6) Vergl. Leſſings Schriften XV. Th. S. 388., und Herders Ideen II. Th. S. 178. D

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46 3weyter Abſchnitt.

wird in die Koͤrperwelt uͤbergetragen. Aber auch, was als aͤußere Erſcheinung ſich den Sinnen darſtellt, muß mehrentheils erſt umgepraͤgt werden, ehe es Eigenthum dieſes duͤrftigen Beobachters werden kann. Der Kreis von Wahrnehmungen, woran er ſein Be— zeichnungsvermoͤgen uͤbt, iſt ſo enge, daß auch das minder Seltene aus Mangel an einer Benennung fuͤr die Erinnerung verloren waͤre, wenn er ſich daſſelbe nicht durch ein Symbol in feine Nähe ruͤckte. Dabey hat feine Sprache um ſo mehr den Ausdruck der heftig; ſten individuellſten Empfindung, je weniger ſich noch ſein Geiſt durch reichere Erfahrung und ruhigere Aneignung der einzelnen Eindruͤcke die Welt unterwors fen hat. Der Ton des brauſenden Gefuͤhls, oder das rohe Bild ſind aber keinesweges treue Bewahrer empfangener Sagen. Je oͤfter letztere durch dieſes Medium der geſchloſſenſten Individualitaͤt hindurch gehen, deſto mehr muͤſſen fie von ihrer Eigenthuͤmlich⸗ keit verlieren.

Die nationelle Anſicht iſt nur eine etwas weitere Individualitaͤt. Auch ſie pflegt ſich im Empfangen und Fortpflanzen der Sagen zu offenba⸗ ren, und auch der Griechiſche Mythos, wie wohl von der Einfoͤrmigkeit der Tradition groͤßerer, zu Einem Reiche vereinigter Voͤlker frey, verraͤth dieſen nationellen Charakter in manchen Zügen, Dahin ges hört der hier herrſchende Hang, alles Fremde in Gries chiſcher Geſtalt darzuſtellen, welcher ſelbſt noch in der gebildeten Hiſtorie feinen nachtheiligen Einfluß äußert, In den einheimifhen Sagen that dagegen die Ges theiltheit der Griechen nach Staͤm men der getreuen

Zweyter Abſchnitt. 51

Ueberlieferung Eintrag. Der herrſchende Stammſtolz, und das dadurch erzeugte Beſtreben, alles Ruhmwuͤr⸗ dige dem Stamme zuzueignen, das Beſchimpfende davon zu entfernen, oder es doch zu mildern, uͤbte hier eine entſchiedene Gewalt aus. Dieſer Einfluß mußte ſich auf ihre Tradition vom Stammvater, von dem erſten Wohnſitze, den fruͤheſten Schickſalen und dergleichen vorzuͤglich aͤußern. Andere Urſachen, welche hierbey die Erinnerung irre fuͤhrten, kamen noch hinzu; daher dieſe letztere Gattung der Stamm— Mythen zu den unzuverlaͤſſigſten gehoͤret 7).

Auf der andern Seite kann man freylich anneh⸗ men, daß eine, mit großer Unkultur gewoͤhnlich ver⸗ geſellſchaftete Ehrfurcht für das Alterthum jener Eigen; liebe einigermaßen das Gleichgewicht gehalten, und eine gewiſſe religioͤſe Treue in Bewahrung des Anden— kens der Vaͤter zur Folge gehabt haben werde. Aber bey dem beſten Willen, die Nachrichten aus der Vorzeit unverfaͤlſcht und vollſtaͤndig der Nachwelt zu. übers geben, fehlte es an ſichern Mitteln dazu. Außer der oben bemerkten Gedaͤchtnißfeyer hatte man gewiß Jahrhunderte lang hoͤchſtens ein ſtummes Denkmahl, woran man die Erinnerung befeſtigen konnte, und auch dieſes nur in ſehr roher und der Zeit wenig tro⸗ gender Geſtalt. Neben diefer Zerbrechlichkeit war es ſehr mangelhaft: es konnte von Begebenheiten nur ein ſehr unbeſtimmtes Zeugniß geben, und der unbefrie⸗

7) Vergl. Heyne in Commentat. Societ. Scient. Got- ting. Vol. XIV. Pag. 112.

D 2

2

52 1 zweyter Abſchnitt.

digte Frager mußte eben dadurch zu a Ei; dichtung veranlaßt werden.

Ein anderes Mittel, die Heldenthat zu en en die Erfindung eines bedeutenden Namens, den man dem Thaͤter beylegte, verſprach laͤngere Dauer, denn dieſes einfache Namensgedaͤchtniß lebte doch mit der unſterblichen Sage ſelbſt fort. Wir finden es daher von den Griechen nicht bloß zur Verherrlichung einer That, ſondern bey Allem, was irgend denkwuͤrdig ſchien, aufs mannigfaltigſte gebraucht “); wir finden es als herrſchende Sitte bey den meiſten übrigen Bob

kern des Alterthums, und auch bey neuern Nationen, denen die Schreibekunſt unbekannt iſt 9). Aber es iſt

8) Es ließe ſich aus den Schriften der Griechen, von Ho⸗ meros bis zu Herodotos herab, eine große Menge von Beyſpielen ſammeln, welche beweiſen wuͤrden, daß man bald die kuͤnftige Beſtimmung oder das Schickſal des neugebohrnen Kindes durch den ihm beygelegten Namen andeuten wollte, bald einen zufälligen Ums ſtand bey der Geburt dadurch zu verewigen ſuchte, bald die Eigenſchaft des Individuums damit bezeich⸗ nete, u. dergl. Hier nur einige: Hom. IIiad. VI. 403; Hymn. in Vener. v. 198. und dafelbft Mate thiae Animadvers.,; Pindar. Olymp. VI. 93. und daſelbſt der Schol. Isthm. VI. 75. ibique Heyne Var. Lectt. Beſonders iſt Aeſchylos reich an Stellen dieſer Art. Vergl. Aeschyl. Prometh. v. 723. und daſelbſt Schutz. Herodot. IX. 149. Lib. IX. 3. ibique Wesseling. et Valkenaer.

9) Ein Verzeichniß bedeutender Samojeden-Namen lie⸗ fert Pallas: Reiſen 3. Th. S. 69. Sie koͤnnen zugleich als Beyſpiele ſehr geſchloſſener Nationalität

Zweyter Abſchnitt. Be .

leicht begreiflich, wie auch hier manche Verfaͤlſchung

des Faktums unvermeidlich war, wenn der Name etwa mehrere Deutungen zuließ, und die ihn anfangs lich begleitende Erzählung von feinem Urſprunge vers geſſen worden war. |

Die bisherige Betrachtung verweilte bloß bey den

allgemeinen Naturgeſetzen, welche das Verhaͤltniß des Mythos zur faktiſchen Wahrheit beſtimmen, und das

her mehr oder weniger in der Tradition aller Bl

ker ihren Einfluß aͤußern.

Bey den Griechen ward dieſer letztere noch

durch zwey Urſachen verſtaͤrkt: durch den Geiſt dieſes

Volks, und durch die feſtliche Stimmung, in welcher

ſeine Heldenſage erzeugt ward. Keines von beyden bedarf einer ausführlichen Darſtellmng. Es iſt genug, in Abſicht des erſtern zu bemerken, daß eben dieſer leichte Sinn, dieſer helle Blick in die umgebende Welt, dieſe froͤhliche Kraft, dieſe Faͤhigkeit zu jeder Kunſt, kurz alle die herrlichen Naturgaben dieſes Volks, wel—

gelten. „Eben fo bekommen auch unſere Kinder ihre Namen von einer Begebenheit, einem zufälligen Umſtande, oder einer Vorbedeutung, die man bey

ihrer Geburt wahrnimmt, oder wahrzunehmen glaubt.

Ich wurde Olaudah genannt, welches in unſerer Sprache Abwechſelung bedeutet, dann auch gluͤcklich, ferner begünſtigt, eine laute

Stimme, gute Sprache habend. Olau⸗

dah Equianos des Afrikaners merk⸗ würdige Lebensgeſchichte von ihm ſelbſt geſchrieben. Aus dem Engl. (Goͤtting. 1792)

f S. 29 f. N | 5

54 Z3weyter Abſchnitt.

che kein Begriff zu bezeichnen vermag, der homeridi— ſche Hymnos auf Hermes aber zu klarer Anſchauung bringt, je inniger fie mit der lebhafteſten Regſamkelt der Phantaſie verbunden waren, deſto mehr die freye Dichtungsluſt ) wecken, und die getreue Ueberlie⸗ ferung des empfangenen e befchränfen mußten.

Wir bemerkten oben / daß man f ch bey feſtlichen Zuſammenkuͤnften einer merkwuͤrdigen That oder Bes gebenheit erinnerte, oder ſich auch zu abſichtlicher Erneuerung ihres Andenkens verſammelte. In jedem Falle war dieß ein Zeitpunkt, wo das Gemuͤth mehr geſtimmt war, in der Erinnerung an die Vorzeit aus der Fuͤlle ſeiner Kraft zu ſchwelgen, als, ſich ſelbſt beſchraͤnkend, mit ſorgfaͤltigem Fleiße den einzelnen Momenten der vernommenen Sage nachzugehen. Die gewohnte Freyheit des Naturmenfchen äußert ſich ſtaͤr⸗ ker noch, durch religioͤſe Gefühle angeregt. Die rhythmiſchen Erzaͤhlungen, welche in einer ſolchen Verſammlung vorgetragen wurden, waren aber vers muthlich die Hauptgrundlage der nachfolgenden Hel⸗ denſage, da dem Gedaͤchtniſſe jedes Einzelnen dasje⸗ nige, was bey feſtlicher Veranlaſſung ausgeſprochen worden, am meiſten gegenwaͤrtig blieb, und es war daher begreiflich, wenn ſich in ihr bleibende Spuren jenes religidſen Schwungs der Phantaſie zeigten.

Dieſe mit Goͤtter-Mythen vermiſchte, und ver⸗ muthlich ſchon in manchem Liede beſungene Heldenſage

10) Daher puSoronos Eg nach des Nonnos Aus⸗ druck. Vergl. Vossii Ars historica Pag. 47.

Zwenter Abſchnitt. 55

empfing nun Homeros. Je weniger hier eine Angabe der allgemein bekannten Gegenſtaͤnde ſeiner Gedichte noͤthig iſt, deſto weſentlicher iſt es, das Verhaͤltniß ihres Inhalts ſowohl als ihres 1 zur faktiſchen Wahrheit zu beleuchten.

Die homeriſche Poeſie war in ihren Darſtellungen fo umfaſſend, daß man ſie im Alterthume oft für einen Inbegriff der Welt anſah, daß man in ihr die verſchie⸗ denſten Zweige des Wiſſens und der Kuͤnſte zu finden glaubte, daß endlich ſelbſt ein hiſtoriſcher Forſcher kein Bedenken traͤget, den Homeros einen Polyhiſtor *) zu nennen. Die Kritik dieſer verſchiedenen Vorſtel⸗ lungsarten gehoͤrt nicht hierher. Hier ſoll bloß Eine derſelben, welche fuͤr die Betrachtung der Griechiſchen Hiſtorie wichtig iſt, namlich daß Homersos ein hiſtori⸗ ſcher Dichter, und daß ein vollſtaͤndiger und getreuer Vortrag der ganzen Sagenmaſſe das Ziel feines Stre— bens ſey, entfernet werden. In Hinſicht der Voll- ſtaͤndigkeit der zu meldenden Fakten zeigt ſich die Freyheit des homeriſchen Geſan— ges von hiſtoriſchen Zwecken in vielen Zuͤ⸗ gen. Obgleich ſein Umfang unendlich genannt werden kann, ſo umfaßt er doch nur dasjenige, was einer ſchoͤnen Darſtellung fähig iſt. Vieles wäre ganz um erklaͤrbar, wenn man dem Dichter jene Abſicht bey⸗ legte. Nur auf den einen Aeoliſchen Stamm beziehen ſich ſeine Mythen; vom Joniſchen kommt aͤußerſt we⸗ nig, und vom Doriſchen nichts vor. Auch in Anſe⸗ hung der Zeitperiode iſt fein Mythenkreis ſehr einges

11) Strabo Tom. I. Pag. 397. ed. Siebenkees.

56 Zweyter Abſchnitt.

ſchraͤnkt. Einige Hauptbegebenheiten, z. B. die Rück, kehr der Herakliden und ihre wichtigen Folgen, die Griechiſchen Wanderungen nach Aſien, werden von ihm ganzlich uͤbergangen 12), andere hiſtoriſche Sagen beruͤhrt er nur mit leichter Hand. Etwas häufiger und ausführlicher beugt er in die Genealogien aus 5), aber offenbar nur deswegen, weil die Aufzahlung der Heldengeſchlechter mit ſeinem Hauptgegenſtande, der Darſtellung der Heldenthat, näher zuſammenhaͤngt. Eben ſo verbreitet er ſich in der Odyſſee ſichtbar uͤber fremde Erdkunde, und ſeltſame Schiffer Mythen, weil hier eine wunderbare Irrfahrt beſungen wird.

Getreue Meldung aber iſt nicht die Abſicht eines Dichters, der unter einer unendlichen Menge von Thaten mit freyer Wahl diejenige heraushebt, welche einen poetiſchen Mittelpunkt bildet, ſie dann bis zum Gipfel fchöner Erſcheinung hinauffuͤhrt, und nun, unbekuͤmmert, ob ſie in ihren nachfolgenden Momenten ganz gewußt werde, zu einer andern gleich freyen Darſtellung fortgehet.

In dieſem dichteriſchen Berufe uͤbergeht er daher ſolche Sagen, welche mit dem hiſtoriſchen Ganzen der Begebenheiten von Ilion aufs innigſte zuſammen; haͤngen. So verſchweigt er, wie ſchon Herodotos “) bemerkt, bloß weil es ſeinem Hauptzwecke Eintrag

/

13) Heyne ad Homer. 1 VIII. Pag. 825 832.

13) Zwey Beyſpiele ſolcher genealogiſchen Stellen ſind D. V. 345 ff. II. VI. 130 ff.

14) II. 116.

Z3weyter Abſchnitt. 57

| gethan haben wuͤrde, die Schickſale des Paris und der Helena in Aegypten; andern, gleich weſentlichen Fakten gibt er aus demſelben Grunde eine andere Wendung.

Außer den ſehr beſtimmenden Einflüſſen welche der Mythos, waͤhrend er halb wilden Natur: Menſchen anvertraut war, auf dem langen Wege muͤndlicher Fortpflanzung erfahren mußte, forderte alſo nun die Poeſie, der innern Bedingung ihres Weſens nach, noch ihre eignen Freyheiten. '

Allein dieſe Forderung hatte doch in dem, 7 | die poetiſche Darſtellung unumgänglich nothwendig machte, ihre Graͤnzen, und es war nicht im Geiſte der Homeriſchen Poeſie, die empfangene Sage gleich— ſam abſichtlich zu veraͤndern, oder gar zu zernichten. Auch mußte in unzähligen Faͤllen der Helden; Mythos in ſeiner natuͤrlichen Geſtalt alle Bedingungen zur Poetiſirung von ſelbſt mitbringen, da ſein Inhalt, die Heldenthat, aus ſchoͤner Lebensfuͤlle erwachſen war.

So wenig alſo der hiſtoriſche Grundſtoff

deſſelben unter den Haͤnden der roheren Vorfahren im weſentlichen gelitten hatte, eben ſo wenig vers derbte ihn der epifche Sänger,

So beſtimmt, hat demnach die Anſicht der Griechen, wenn fie von Homeros als einer hiftos riſchen Quelle ) reden, ihre unleugbare Wahrheit. Es iſt freylich nicht zu erwarten, daß das ganze griechiſche Alterthum hierbey mit der gehörigen Vorſicht zu Werke ging, vielmehr iſt es

9 13) Vergl. Heyne ad Homer. Tom, VIII. Pag. 836,

38 Zweyter Abſchnitt.

wahrſcheinlich, daß bey dieſer Vorſtellung oft Ne— benbegriffe unterlaufen mochten, welche mit dem Weſen dieſer Natur Poeſie unvertraͤglich find.

Im Widerſpruche gegen Eratoſthenes, der eine in dieſem Punkte verſchiedene Meinung von der Ho— meriſchen Poeſie hatte, ſucht Strabon 0) zu beweiſen, daß Homeros nicht Alles erdichtete, und in einer ans dern Stelle redet er ausfuͤhrlich von dem Antheile, welchen die Wahrheit an den Homeriſchen Dichtungen habe 7). Wenn Strabon uͤbrigens in dieſer und ahnlichen Stellen von der oben bemerkten falſchen Ans ſicht der Poeſie des Homeros nicht ganz frey erſcheinet, ſo kann dagegen eine bekannte klaſſiſche Stelle des Polybios, welche jener uns aufbehalten hat, als ein ziemlich ſicheres Reſultat uͤber das Verhaͤltniß zwiſchen Wahrheit und Dichtung in der Homeriſchen Poeſie

16) Tom. II. Pag. 135. ed. Siebenk. Vergl. Tom. I. Pag. 64. Ueber dieſe Vorſtellungsart vergl. ferner Wolf Prolegom. ad Homerum Pag. CXIX. Not.

17) Tom. I. Pag. 53. ed. Siebenk. (Pag. 37. Almelov.) 6 mot &Dpovrios moAu 1E0Os rande, E d S rige Ka. GeUdog. maus To auro ro νοτ TB isopırs dai 78 Ta ovra Asyavros H,. Ex myösvos e daAySss avamrsıy anaıyyV rsparoAoyıav 5x Opypızov me N MoAußıos Oyoı Trois ro Ö sgi A mo,

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Amepter Abſchnitt. 59

angefehen werden 3). Die verſchiedenen Beſtand⸗ theile darin werden hier genau unterſchieden, und dem Hiſtoriſchen, wozu er den Katalog rechnet, wird aus druͤcklich Wahrheit beygelegt.

Das Homeridiſche Epos hat ſeiner Natur nach eine beſtimmte Lokalitaͤt. Es beſingt die Thaten der Goͤtter, und die Oerter ihrer Verehrung. In ihm wurde alſo ſicher manche wichtige Nachricht fuͤr die Hiſtorie aufbewahrt, welche letztere, wie wir unten jeigen werden, zum Theil von den Tempeln ausging.

Der Umfang der kykliſchen Poeſie iſt im allges meinen oben angegeben worden. Hier betrachten wir 90 85 Aue etwas naͤher 9). Es ließe ſich ſchon

18) Strabo Tom. I. Pag. 67. 4 Siebenk. Polybii ‚Fragm. ed. Schweighäuser Tom. IV. Pag. 627. "Ei de re un , neraßolas alriao da der j οονοοονj,ẽ , I Na mOmTuRm SSGa, ouV- gin 82 io xaı dıagsoews E MUSS. Tys Ae S lobi aAyIsıav sivar TAO, wg Ev vw) naraloyw Ta Eragoıg romas oupßeßyrora “Asyovros TS mOyTE, s de dtafeosws Evapysıav e, é To TeÄos* ak gray MaxouEvss sidayy" MUIS de, do Nat eu. * |

19) Bibl. der alten Lit. und K. I. S. 32 ff. und IV. S. 32 ff. (Heeren über ein Fragment einer alten

t Marmortafel 82.) Beck über die Quellen der Grie⸗ chiſchen Voͤlkergeſchichte vor Goldſmith Geſch. der Griechen S. XIV ff. Heyne Hist. inter Graec. scrib. primord. Comment. Soc. Scient. Gotting. Vol. XIV. Pag. 132. ad Apollodor. Pag. 916 g. Die fruͤheſten Kykliker traten gegen die erſten Olympiaden auf.

ke zweyter Abfhnitt,

aus dem Weſen diefer Dichtart ſchließen, wenn wir es auch nicht hiſtoriſch wuͤßten, daß ſich dieſelbe um den ganzen Mythenſtamm herumſchlang, ſeine beyden Hauptaͤſte, alte Begebenheit und alte Meinung, um⸗ faßte, und alle einzelne, feld die feinſten Zweige ergriff.

Hierher ſind alle übrigen mythiſchen Poeme zu rechnen, die, wenn auch nicht Theile des Kyklos, doch im ganzen in aͤhnlichem Geiſte gedichtet ſeyn mochten. An die Theogonien, Titanomachien, Gi⸗ gantomachien ſchloſſen ſich Gedichte an, welche die alten Mythen eines Stammes, oder die Thaten eines Helden beſangen. So gehoͤrte zu den Argoliſchen Sagen die Phoronis, die Danais, zu den Attiſchen die Theſeis. Man hatte eine Minyas uͤber die alten Mythen von Orchomenos, eine Alkmaͤonis, eine Europia, eine Oedipodea, welche letztere vermuthlich von der Gruͤn⸗ dung und den aͤlteſten Begebenheiten Thebens handel— ten, und viele andere Stammgedichte. Die ganze Lage des Griechiſchen Volkes in der heroiſchen Zeit, und der ganze Inhalt der Homeriſchen Poeſie fuͤhren zu der Vermuthung, welche auch die Titel die; fer Poeme zu beftätigen ſcheinen, daß bey den Beges benheiten eines Stammes hauptſaͤchlich von den herr ſchenden Geſchlechtern oder Stamm- Heroen die Rede war. Unter den Helden war Herakles am meiſten beſungen, und der Herakleen ſcheint eine betraͤchtliche Anzahl geweſen zu ſeyn. Die Naupaktika und Eben prießen das Lob der Heroinen. Einzelne denk; wuͤrdige Unternehmungen der Helden wurden gleichfalls der en vieler Gedichte; es gab

*

Zweyter Abſchnitk. 61

ö mehrere Argonautika “), mehrere Thebaiden, wor⸗ "unter namentlich eine die kykliſche heißet, Amazonika, welche vielleicht mit der Theſeis zuſammenhingen, wie denn unter den oben bemerkten Stammgedichten wohl mehrentheils nur von einer denkwuͤrdigen Wanderung, Niederlaſſung oder dergleichen gehandelt wurde. Der Reichthum des Mythenkreiſes von Troja gab beſon⸗ ders zu vielen Gedichten Stoff. Hierher gehoͤren: die Kypriſchen Gedichte, wahrſcheinlich von Staſinos, die Aethiopis des Arktinos, des Leſches kleine Ilias, des Arktinos Zerſtoͤrung von Troja, vielleicht auch ein Gedicht dieſes Inhalts von Leſches, die Noſtoi des Augias und anderer Dichter, welche gleichfalls die Ruͤckkehr der Helden beſungen hatten, und zuletzt die Telegonie des Eugammon von Kyrene. ö Da man ſich in Abſicht der kykliſchen und ande⸗ rer mythiſcher Dichter bloß mit ſehr allgemeinen Nach⸗ richten begnuͤgen muß, ſo laͤſſet ſich hier an eine Be⸗ zeichnung der Bildungsſtufen des kykliſchen Geſanges gar nicht denken. Allein ſowohl die Zeit, in welcher dieſe Poeten lebten, als auch das, was wir von dem Inhalte mancher ihrer Werke wiſſen, berechtigen zu dem Schluſſe, daß zwiſchen den letztern und den der Logographen die groͤßte Aehnlichkeit ſtatt fand. Es war dieß die Zeit, wo man einerſeits bey der ausge— breiteten Schifffahrt den Blick mehr auf das Aus- land richtete, andernſeits auf den faktiſchen Inhalt der einheimiſchen Sagen aufmerkſamer zu werden anfing. Davon finden ſich auch in dieſen

| 20) Bibl. d. alt. Lit, u. K. II. 61 ff.

| 62 Zweyter Ab ſchnitt.

Gedichten Spuren. So hatte man Arimaspiſche Gedichte von einem Ariſteas von Prokonneſos 2*). Andere Kykliker ſammelten die Mythen einzelner Staͤdte, wie z. B. Eumelos die Korinthiſchen 22), Panyaſis 2), des Herodotos Oheim, hatte Jonika gedichtet. Andere befangen die Geſchlechtsfol— gen; fo Aſios von Samos 24) in feinem epiſchen Gedicht, und noch in der 82 Olymp. lebte Simo⸗ nides der Genealoge 25), von einem Poem dieſes Inhalts ſo genannt.

Die Frage nach dem Grade der biſoriſchen Wahrheit der von den kykliſchen und andern epiſchen Dichtern ihrer Zeit bearbeiteten Mythen kann aus begreiflichen Urſachen nicht beſtimmt bes antwortet werden. Indeſſen fo viel läßt fi doch mit Sicherheit annehmen, daß hier der Inhalt der uͤberlieferten Sage in demſelben Maße weniger alte— rirt werden mußte, als dieſe Dichter ſich von dem ächten Geiſte der Poeſie entfernten. Je mehr ſorg⸗ fältige Lokalität ſich in ihrer Richtung offenbarte, deſto naͤher wurden ſie dem hiſtoriſchen Ernſte ver— wandt, deſto mehr dem ideellen Spiele des alten Epos entfremdet.

21) Ueber ihn ſ. Vossius de Hist. Gr. Lib. IV. Cap. 2. Harles ad Fabricii Bibl. Graec. I. pag. 10. Schoenemann de Geograph. Argon. Pag. 35.

22) Bibl. d. alt. Lit. u. K. II. S. 94 f.

23) Heyne ad Apollodor. III. Pag. 991.

24) Valkenaer. Diatrib. Eurip. Pag. 56 60. Not. 25) Bibl. der alt. Lit. u. K. IL S. zoo,

Zweyter Abſchnitt. 63

Wer der erſte Hiſtoriker d. h. Logogras phe geweſen ſey? Bey dieſer Frage findet man ſich in eben ſolche Schwierigkeiten verwickelt, als bey jeder andern nach dem Urheber einer wichtigen Erfin⸗ dung, insbeſondere unter den Griechen. Ja bey die⸗ ſer Unterſuchung ſcheint ſich alles zu unaufloͤslicher Verwirkung zu vereinigen. Vorerſt moͤgen diejenigen, welche mehrere Data zur Entſcheidung hatten, als wir jetzt, die verſchiedenen, mit jener Einen verbuns denen Fragen nicht gehoͤrig unterſchieden haben, ſo— dann fuͤhrte die Mehrheit der Namen Kadmos und Pherekydes irre, endlich hing dieſe Frage mit der nicht weniger ſchwierigen von der Entſtehung der Proſa zu— ſammen. Die Kritiker der Nömifchen Zeit, die uns hierbey zu Fuͤhrern dienen, konnten wahrſcheinlich die Quellen ſelbſt nicht mehr zu Rathe ziehen. Dieß zeigt ſchon das Schwanken des Plinius, welcher in einer Stelle 26) ausdruͤcklich den Kadmos von Miletos den erſten Hiſtoriker nennet, in einer andern dagegen 7) ihm die Erfindung der Proſa beylegt, die er in der erſten dem Pherekydes von Syros zugeſchrieben hatte. Den Grund dieſer Ungewißheit erfahren wir aus einer Stelle des Dionyſios 26) von Halikarnaſſos, wo die

26) Hist. N. VII. 57. Prosam orationem condere Pherecydes Syrius instituit Cyri regis aetate: historiam Cadmus Milesius. | |

27) V. 31. endende (Miletus) cive Cadmo, qui

primus prosam orationem condere instituit.

28) De Thucyd. Iudic. Tom. VI. Pag. 864. Reiske.

S Zweyter Abſchnitt.

fer Kunſtrichter ſagt, „die Schriften des Kadmos und Ariſteas von Prokonneſos gehoͤrten dieſen Schriftſtellern nicht an.“ Folglich mußten dieſe Kritiker bey der vors liegenden Frage ſelbſt wohl groͤßtentheils ſehr wenig uͤbereinſtimmenden Sagen folgen. Von der Beſchaf— fenheit dieſer letztern koͤnnen wir uns aber aus den Nachrichten fpäterer Kompilatoren, welche fie ohne genauere Unterſcheidung zuſammen trugen, einen Be⸗ griff machen. Hier wird z. B. von einem Mileſier Kadmos, des Pandion Sohn, nicht viel juͤnger als Or— pheus und (gleichwohl) Erfinder der Proſa, geredet 9). Eine andere Sage “), welche der Muſe Klio die Erfins dung der Hiſtorie zuſchreibt, iſt wenigſtens eben ſo gut, und hat noch das Verdienſt, den mythiſchen Boden, auf welchem man ſich hier befindet, 3 zu be⸗ zeichnen.

Unter dieſen Umſtaͤnden ſcheint es das gerathenſte zu ſeyn, uns des beſtimmteren Endurtheils uͤber Einen Erfinder der Hiſtorie zu enthalten, und uns mit der allgemeinen Annahme zu begnuͤgen, daß zwiſchen der boten und 7oten Olympiade die erſten Verſuche in der eigentlichen Logographie gemacht wurden. Dahin fuͤhrt wenigſtens vorerſt die richtigere Angabe 0, daß

N der

29) Eudociae Violar. Pag. 267. in Villoiſon Anecdot. Tom. I. und daſſelbe bey Suidas s. Kaduog.

30) Beym Scholiaſten des Aber, A III. Pag. 197.

31) Harles ad Fabric. Bibl. Gr. I. Pag. 200. und da⸗ ſelbſt Josephus contr. Apion.

3weyter Abſchnitt. CR

der wahre Hiſtoriker Kadmos von Miletos erſt gegen die 65te Olympiade hervortrat, ſodann eine andere Nachricht, daß Hekataͤos von Miletos, welcher in der Goten Olympiade bluͤhete ») und im 4ten Jahre der z3ten ſtarb, der erſte Geſchichtſchreiber geweſen ſey “). Damit laßt ſich die hierher gehoͤrige Hauptſtelle des Dionyſios von Halifarnaffos 54) vereinigen, in wel cher Eugeon von Samos, Delochos von Prokonneſos, Eudemos von Paros, Demokles von Phygalea, Heka— taͤos von Miletos, der Argiver Afufilaog, Charon von Lampſakos, und Ameleſagoras von Chalkedon die altern Geſchichtſchreiber genannt, und von einer andern Folge von Hiſtorikern, die kurz vor dem Pelo— ponneſiſchen Kriege bis auf Thukydides lebten, deutlich unterſchieden werden. Jene bluͤheten vor den Perfis ſchen Feldzuͤgen gegen die Griechen, deren Anfang in die 72te Olympiade fällt, Joſephos in der vorher ſchon beruͤhrten Stelle ') ſagt beſtimmt, daß in dieſe

32) Herod. II. 143. V. 36. Sturz ad Pherecyd. Pag. 67. Harles ad Fabric. B. Gr. Tom. II. Pag. 201. Not.

33) Suidas s. v. DR: und cvyyoaßın.

34) De Thucyd. Iudic. pag. 817 fg. Tom. VI.

35) Lib. I. contr. Apion. (f. Vossius de Histor. Graec. Oper. IV. Pag. 56.) o nevror rag atlas EriXsıpyoavrss ouyybaßsıy map a- mois,Asyw de roug mepı Kaöyov rov MνEi9 Na % A,] "Ausoılaov, N Era Terov el

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66 Zweyter Abſchnitt.

Zeit der Urſprung der Geſchichtſchreiber unter den Griechen zu ſetzen ſey. Einige andere, von Dionyſios nicht genannte, als Theagenes von Rhegion und Hippys, gehoͤren in dieſelbe Zeit 5).

So weit ſcheinet die obige allgemeinere Annahme des Zeitalters der Logographie hinlaͤnglich begruͤndet zu ſeyn.

Nun aber folgen Nachrichten, welche wieder alles wankend machen, und es wäre mehr bequem als hiſto⸗ riſch, dieſe letztere umgehen zu wollen. Nach einer derſelben ſollen die Geſchichtſchreiber, Eumelos und Akuſilaos, die Gedichte des Heſiodos in Proſa aufs geloͤſ't haben. Hierdurch ſehen wir die Hiſtorie in die erſten Olympiaden, in welchen Eumelos lebte, hin⸗ aufgeruͤckt. Wenn man auch dieſen Zweifel durch die Bemerkung fuͤglich niederſchlagen kann, daß hier von einem jüngeren Eumelos die Rede ſeyn muͤſſe 7), fo erhebt er ſich in folgenden Nachrichten des Suidas aufs Neue. Dieſer legt einem Samier oder Rhodier Sim; mias 8), der gleichfalls im Anfange der Olympiaden bluͤhete, eine Apxaokoyıa ruwv Zapımv bey, und eis

36) Heyne l. c. Commentat. Pag. 136. Beck über die Quellen ꝛc. S. XXII.

37) Jene Nachricht gibt Clemens Alexandr. Strom. VI. Pag. 629 a. Die Aufloͤſung des daher entſtehenden Zweifels Groddeck Bibl. d. alt. Lit. u. K. II. S. 94 f.

38) ſ. Vossius de Histor. Graec. Pag. 194 [q., wo zu⸗ gleich der jüngere Grammatiker Simmias von dieſem ältern unterſchieden wird. |

Zweyter Abſchnitt. 67

nen Meſſenier Polyzelos 9), der nach einigen der Vater des Lyrikers Ibykos ſeyn ſollte, nennt er be— ſtimmt isopioygaPos. Demnach müßte er wenigſtens

in die zoſte Olympiade hinaufgeruͤckt werden, und

dergleichen Angaben ließen ſich mehrere ſammeln. Allein hier ſcheint eine Bemerkung, auf welche uns ſchon die obige Betrachtung fuͤhrte, von Wichtig— keit zu ſeyn. Die Graͤnzen der kykliſchen Poeſie, und die Logographie mußten, wenn man auf den Geiſt und die Richtung beyder ſah, allmaͤhlig ſo in einander fließen, daß es aͤußerſt ſchwer, wo nicht unmöglich ward, einen beſtimmten Scheidepunkt anzugeben,

wenn man nicht das aͤußere Merkmahl zu Huͤlfe nahm, daß derjenige der erſte Logograph heißen muͤſſe, der zuerſt in einer proſaiſchen Schrift ‚de

Sagen vorgetragen habe.

Hier erſcheint alſo unſere Frage mit jener andern nach dem erſten Proſaiker im innigſten Zuſammen— hange. Die Entſtehung des Proſaiſchen Vortrags iſt aber nicht über das Zeitalter der Piſiſtratiden hinauf— zuſetzen. Hierin ſtimmen die beyden neuern, uͤbrigens fo ſehr abweichenden Unterſuchungen über das Buͤcher—

ſchreiben der Griechen uͤberein, nur daß die eine den

proſaiſchen Vortrag, der feiner Natur nach ſchon eine gewiſſe Schreibfertigkeit vorausſetzte, mit dem letztern, der Zeit nach, nahe zuſammenruͤckt, und darauf auf merkſam macht, daß nach dem Sprachgebrauche des zei nur die erſten ee als die .

39) Suidas s. v. ’Ißunos cf. Voss. de Hist. Gr. Pag. ö 196.

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68 f 42 Zweyter Abſchnitt.

Proſaiker genannt werden “);: die andere dagegen die Kunſt des Buͤcherſchreibens von der Proſa trennt, um erſtere in ein weit höheres Alterthum hinaufzu⸗ ſetzen *). Unter den erſten Proſaikern wird am eins ſtimmigſten Pherekydes genannt, welchem Strabon 4) noch den Kadmos und Hekataͤos von Miletos zugeſellt. Da nun hier an den Philoſophen Pherekydes von Sys ros gedacht werden muß 45), wenn gleich Strabon ihn mit dem ſpaͤtern Logographen verwechſelt, jener aber hoͤchſt wahrſcheinlich zwiſchen der 45ten und 58ten Olympiade ) lebte, und man demnach ſchon gegen die sote Olympiade einen philoſophiſchen Vor⸗ trag in proſaiſchen Schriften hatte, ſo koͤnnte dieſer Zeitraum auch für die proſaiſche Sagenſchrei⸗

bung offen bleiben, und jener Polyzelos, und viel

leicht manche andere fruͤhere koͤnnten im eigentlichen Sinne Logographen geweſen ſeyn. Nimmt man dage— gen die obigen Stellen, in welchen die Entſtehung der Hiſtorie beſtimmt kurz vor den Anfang der Perfers kriege geſetzt wurde, hinzu, ſo regt ſich der Verdacht,

daß in den Nachrichten von fruͤhern Hiſtorikern dieſer

40) Wolf Prolegom. ad Homerum Pag. LXX

LXXIII.

41) Hug die Erfindung dar Buchstabenschrift Pr 46 bis 49 ff. |

42) Lib. I. Pag. 48. ed. Siebenk. 43) Sturz de Pherecyd. Pag. 13.

44) Tiedemann Griechenlands erſte hne en @. 155. Sturz Pherecyd. Pag. 7. 15

3weyter Abſchnitt. 69

Begriff nicht ſcharf genug gefaßt war, und in der That nur kykliſche Dichter zu verſtehen ſind. Auch die Stelle

des Strabon nennt unter den erſten Proſaikern keinen

fruͤhern Logographen, als Kadmos und Hekataͤos. Folglich muͤſſen wir alſo auch hiernach bey dem Zeitraume zwiſchen der 6oten und 70ten Olympiade ſtehen bleiben.

Der Inhalt und umfang der Logo⸗ graphien, fo wie ihr kritiſcher Werth, wurde theils durch den Umfang und die Beſchaffenheit des hiſtoriſchen Vorraths beſtimmt, den die Ver⸗ faſſer derſelben verſtanden, theils durch ihre eigne Fahigkeit und Verfahrungsart.

In Abſicht des hiſtoriſchen Vorraths mußte ſich jetzt, da auf der einen Seite das Beduͤrfniß einer begründeten Kenntniß der Vorzeit immer fuͤhlbarer ward, auf der andern aber die niedergeſchriebene Sagenmaſſe ſich in ihrer ganzen Verworrenheit dar⸗ ſtellte, zwiſchen den ernſten Zwecken der Gegenwart, und dem freyen Spiele der Vorwelt ein großes Miß; verhältniß offenbaren. Einige aus den noch vorhans denen Bruchſtuͤcken der Mythographen laſſen vermu⸗ then, daß wenigſtens die Gebildetern zum Theile dieſe Anſicht haben mochten. 8 |

Wenn man auch nicht annehmen will, daß die ganze Vorwelt der Griechen in Liedern lag, ſo war doch dasjenige, was der Logograph aus andern Duck len ſchoͤpfen konnte, gegen das, was die Poeſte ſich zugeeignet hatte, äußerft dürftig. Und was die ſehr

eingeſchraͤnkte Lokalſage darbot, hatte ja die naͤmlichen

Ein fluͤſſe und Veränderungen erfahren, welche wir

769 Bmweyter Abſchnitt.

oben von dem Mythos uͤberhaupt bemerkten. Außer den uͤbrigen Umwandelungen, welche der Sagenſtoff in der Poeſie erlitt, erſchienen in ihr die beyden Haupt⸗ formen alles Mythos: Gedanke und Begebenheit vers ſchmolzen und ſomit die Göfters und Wesſch enen durchaus vermiſcht.

Nur in ſo fern dieſe Helbenlieh e die Phantaſie anregten, blieben ſie in der lebendigen Erinnerung des Griechen. Von einer abgefonderten getreuen Bewah— rung der Begebenheiten der menſchlichen Vorzeit finden wir in Griechenland vor dieſer Periode keinen Begriff. Eben die Urſachen, welche zur kraͤftigen und vielſeiti; gen Bildung der griechiſchen Stämme vorzüglich bey⸗ trugen: ihre Getrenntheit, ihr haͤufiges Wandern, und uͤberhaupt dieſes unentſchiedene Gaͤhren der Grundſtoffe ihrer Verfaſſung in der heroiſchen Zeit, eben dieſe beraubten ſie eines Vortheils, welchen Volker, deren gemeines Weſen ſich früher in einer entſchiedenen Form befeſtigte, durchgaͤngig genoſſen. Bey den Aegyptern, Babylonern, Hebraͤern, Phönis ziern bewahrte fruͤhzeitig ein geſchloſſener Prieſter⸗ orden in den Tempeln die alte Geſchichte, wo nicht der ganzen Nation, doch der Koͤnige und der Prie⸗ ſterſchaft. 0

Was wir in Griechenland von dieſer Art den ſcheint bloß auf zwey Staͤdte Argos und Sikyon: welche in ihren alten Koͤnigthuͤmern fruͤher eine feſtere Geſtalt gewannen, eingeſchraͤnkt geweſen zu ſeyn, und auch hier hing es mit der Religion zuſammen, es beſtand bloß in Verzeichniſſen der Prieſterinnen je;

Zweyter Abſchnitt. un.

ner 43), und der Prieſter dieſer Stadt. Uebrigens hatte man fruͤherhin nichts, was die Begebenheiten des Alterthums an feſte Punkte knuͤpfte; keine Jahr— zahlungen 46), und folglich auch keine Annalen, bis erſt fpäter die Spiele, beſonders die Olympiſchen eine etwas beſtimmtere Zaͤhlung gaben. Das dem lebendi— gen Heldengefange ganz hingegebene Volk war mit der dem Mythos eigenthuͤmlichen Bezeichnung der Vor zeit nach Geſchlechtsfolgen voͤllig befriedigt. Noch bot indeſſen die Religion einige andere Hülfsmittel dar, woran ſich die erſte Aufzeichnung der Fakten feſthalten konnte. Es waren dieß die Weihgeſchenke in den Tem⸗ peln, beſonders bey den Orakeln. Allein je aͤlter jene waren, deſto kuͤrzer mußten ihre Aufſchriften ſeyn, und die aͤlteſten hatten ohne Zweifel gar keine. Folg⸗ lich war der muͤndlichen Erzaͤhlung der Prieſter ihre Deutung uͤberlaſſen, und es war hier eben die vielfaͤl⸗ tige Gelegenheit zur Erdichtung gegeben, die wir oben bey den ſtummen Denkmaͤhlern der mythiſchen Zeit uͤberhaupt bemerkten. |

Bey der Beurtheilung der kg ihra en in Abſt icht deſſen, was ſie leiſten konnten und wollten, muß man ſich immer die Bemerkung gegenwaͤrtig halten, daß ſie in einem Zeitalter lebten, das ſich zunaͤchſt an das Heroiſche anſchließt, das, wenn auch in Sitten,

45) Simson Chron. Pag. 116. ibig. Wesseling. Vale- sius ad Excerpt. Polybii ed. Schweighäuser Tom. VII. Pag. 94. Duker ad Thucyd. II. 2. ibique Scholiast. |

46) Heyne Commentat. Soc. Pag. 12g.

72 Zweyter Abſchnitt.

in der Kunſt, und im Staate jener einfältigern Jugend⸗ zeit entwachſen, dennoch, wo es auf beglaubigte Kenntniß des Alterthums ankam, im hoͤchſten Grade unwiſſend war. Der Blick der Griechen blieb immer, und mußte dem Mythos zugewandt bleiben, da alle Elemente des Lebens und des Wiſſens daraus hervor— gingen. Wie vielmehr alſo in einer Periode, die fo nahe an das Juͤnglingsalter (das heroiſche) ſich ans ſchloß.

Und namentlich die epiſche Poeſie, durch welche der Grieche ſich eigentlich die ganze Welt geiſtig zuges eignet hatte, konnte ſie anders angeſehen werden, als die unterrichtetſte Auslegerin der Vorzeit. Was war alſo natürlicher, als daß auch die erſten Sagens ſchreiber ſie ſo anſahen. N

Die uͤbrigen Denkmaͤhler aber waren Asten theils in den Tempeln, und bey den Orakeln zu finden, und im Beſitz der ſie erklaͤrenden Sage waren die Prieſter. Jeder Zweifel gegen die Wahrhaftigkeit derſelben war alſo ein Zweifel gegen die Religion, unter deren Einfluſſe ſie erwachſen waren, und es gehoͤrte eine ungewoͤhnliche Freyheit des Geiſtes dazu, ſich durch dieſe Betrachtung nicht irre machen zu laſſen. Wirkte doch noch bey Herodotos, wie wir unten an einigen Beyſpielen zeigen werden, dieſe Neligiofität fo beſtimmend auf die hiſtoriſche Kritik.

Das Verhaͤltniß des Logographen zur heiligen Sage und ihren Bewahrern hatte alſo Aehnlichkeit mit dem der erſten Philoſophen zu denſelben. Die Nachrichten von dem Vorwurfe der Irreligioſitaͤt, der die letztern fo haufig traf, und den Verfolgungen, die

Zweyter Abſchnitt. 73

einige unter ihnen deswegen leiden mußten, zeigen dafs ſelbe in einem hellen Lichte.

Betrachten wir ferner dieſe erſten Verſuche in der Hiſtorie im Zuſammenhange mit dem Buͤcherſchreiben der Griechen, ſehen wir auf die duͤrftigen Anfänge dieſes letzteren; ſo dringt ſich der Gedanke auf, daß jeder Selbſtunterricht über die Geſchichte des Alterthums mit den äußerſten Schwie— rigkeiten verknuͤpft ſeyn mußte, ſobald man hierbey etwas mehr ſuchte, als was man theils aus dem muͤndlichen Vortrage der Rhapſoden, theils aus der nächften Lokalſage ſchoͤpfen konnte. Kann man auch mit Wahrſcheinlichkeit annehmen, daß man bereits gegen die erſten Olympiaden in Jonien zum Privat⸗ gebrauche 7) und folglich auf einem bequemeren Stoffe ſchrieb, oder daß man um dieſe Zeit hier ſchon Gedichte aufzeichnete: ſo war doch ein Buch noch lange nachher eine ſeltene Erſcheinung. Auch konnten die erſten Buͤcher wohl nur in ſehr eingeſchraͤnktem Sinne ſo heißen, da ſie gewiß aͤußerſt kurz und ihr Umfang ſehr gering war ).

Dieſe Bemerkungen ſollen auf die größern Schwie⸗ rigkeiten hinweiſen, mit denen die Hiſtoriographie unter den Griechen, verglichen mit andern Nationen des Alterthums, zu kaͤmpfen hatte. Dagegen hat die oben verſuchte Darſtellung gezeigt, daß das Klein-

47) Wolf Prolegom. ad Homer. Pag. LXX.

48) Heyne Commentat. Soc. Gotting. Vol. XIV. Pag. 134. Vergl. ad Homer. Tom. VIII. Pag. 812. 14.

74 Zweyter Abſchnitt.

aſiatiſche Griechenland, und namentlich die Bluͤthe der Joniſchen Städte für die erſten wiſſen⸗ ſchaftlichen Verſuche, und folglich auch fuͤr die Hiſtorie Beguͤnſtigungen darbot, welche der eingeſchraͤnktere Wohlſtand des Griechiſchen Mutterlandes nicht geben konnte. Neben den Kleinaſiatiſchen Kolonien koͤnnen noch die in Großgriechenland und Sicilien genannt werden, denn auch dorten zeigt ſich eine durch aͤhnliche Urſachen fruͤhe ausgebildete ſtaͤdtiſche Verfaſſung mit allen ihren Folgen, und wirklich waren auch letztere das Vaterland mehrerer der fruͤheſten Logographen. Je nothwendiger nun, bey der Seltenheit ſchriftlicher Nachrichten, das Reiſen ward, oder wenigſtens die Bekanntſchaft mit Perſonen, die gereiſet waren, deſto wichtiger war es für die Zwecke der erſten Hiſtoriker, daß ſich, bey dem ausgebreiteten Handel und der bedeus tenden Schifffahrt dieſer Staͤdte, zu Beyden ſo bequeme Gelegenheit darbot. Mehrere Zuͤge, die wir von einis gen Logographen bemerkt finden, zeigen dieſen Einfluß beſtimmt. Wir wiſſen nicht nur, daß Hekataͤos in Aegypten war, ſondern das Beywort moAuriauys, welches Agathemer von ihm braucht, ſcheint auf meh⸗ rere Reiſen hinzudeuten 49). Als ein ſehr unterrich⸗ teter Mann erſcheinet er in einigen ausführlichen Er- zaͤhlungen des Herodotos. Er raͤth vorerſt den I niern, von ihrem Vorhaben einer Empoͤrung gegen

49) S. Se vin Recherches sur Hecatèe de Milet. in den Memoires de Literature de l' Aca de- mie des Inscriptions Tom. IX. Pag. 11g. ed. d' Amsterdam. |

1

Zweyter Abſchnitt. 75

Dariog, des Hyſtaspis Sohn, ab, unterſtuͤtzt dieſe Mei, nung durch eine vollſtaͤn dige Aufzahlung der Voͤlker des Perſiſchen Reichs, und eine beſtimmte Angabe ſeiner Macht, zeigt ihnen, da ſie bey ihrem Entſchluſſe bleiben, die Mittel zu einem entſchiedenen Uebergewicht zur See °°), und nach dem ungluͤcklichen Ausgange des Joniſchen Krieges gibt er in der Verſammlung der Verſchwornen einen Rath, der, wie man aus den Folgen ſiehet, heilſamer als der des Bundeshauptes Ariſtagoros ge— weſen waͤre *). Das Zeugniß des Herodotos muß aber hier um fo unverdaͤchtiger ſeyn, je weniger diefer ſonſt Bedenken trägt, ihn nicht bloß ſtillſchweigend ) ſondern auch namentlich wegen hiſtoriſcher Irrthuͤ⸗

er 55) zu tadeln. Hellanikos aber wird von Agathe⸗ mer “) ausdruͤcklich avye roAviswo genannt. Auch erſcheinet er in einem Bruchſtuͤck ſeiner Aegyptiſchen Hiſtorie als ein Denker, der vielleicht mit der zu ſeiner Zeit aufbluͤhenden Philoſophie innigſt vertraut war ).

30) Herodot. V. 36. 51) V. 125.

52) S. II. 21. und daruͤber Schoͤnemann de Geogr. Argonaut. Pag. 41 lg.

33) VI. 137.

54) in Hudſon Script. Geogr. minor. Tom. II. Fog. 2. Sturz de Hellanico Pag. 6.

33) Sturz Hellanic. Pag. 40.

76 | Zweyter Abſchnitt.

Aus der Lage jener Maͤnner, und dem dadurch beſtimmten Grade ihrer Bildung gehet ihre hiſtoriſche Verfahrungsart und der Inhalt, Umfang und Charakter ihrer Werke ganz natuͤrlich hervor. a f.

Vorerſt werden wir uns nun nicht wundern, wenn von ſo vielen derſelben, und namentlich von dem Argiver Akuſilaos ) und dem Mileſier 57) Dionyſios geſagt wird, ſie haͤtten den mythiſchen Inhalt der Gedichte in Proſa vorgetragen 8), und wenn vom Levier Pherekydes °9) mit Wahrſcheinlichkeit vermuthet werden kann, daß ſeine Hiſtorien nur ein Auszug des epiſchen Kyklos waren »). Ueberhaupt mochte wohl dieſe logographiſche Aufloͤſung der Poeme in Proſa eine kuͤrzere Darſtellung ihres Inhaltes ſeyn. Dieß muß ſchon ein Blick auf die vermuthlich duͤrftige Bes ſchaffenheit des Buͤcherſchreibens in ſeinem Urſprunge wahrſcheinlich machen. Muͤßte man freylich dieſes

36) In der 65ten Ol. Ueber ihn ſ. außer Sturz Pag. 230. Voss. de Hist. Gr. Pag. 56, 58, 197. Heyne Apollodor. 973.

57) Gegen Olymp. 68 73. ſ. Fabric. Bibl. Gr. Vol. I. Pag. 378. und daſelbſt Suidas; über Dionyſios

ſ. Diodor. Sic. Lib. III. Pag. 65. Tom, I. Pag. 236. Wess.

58) S. uͤber Akuſilaos die Stellen der Alten bey Sturz Pag. 230. |

59) Gebohren Olymp. 74,2. geſt. Ol. 96,2. ſ. Sturz ad Pherecyd. Pag. 67 I.

60) S. Sturz J. c. Pag. 74.

Zweyter Abſchnitt. 72

letztere in fruͤhere Zeit hinaufſetzen, und ſich demnach, wo nicht die Gedichte des Homeros, doch die der Kykliker als niedergeſchriebene Werke denken *), fo wuͤrde dieſer Grund ſeine Guͤltigkeit verlieren.

Diͤeſe Abhaͤngigkeit von der Poeſie zeigte ſich aus ähnlichen Urſachen bey der aufkeimenden Philoſophie. Auch hier wurden die erſten Syſteme auf die Theogo⸗ nien und Kosmogonien gebaut. |

Die erſten Hiſtoriker der Griechen trugen theils

helleniſche, theils auslaͤndiſche Begebenheiten vor 52). In jedem Falle waren, wenn ſie ſich nicht auf das Epitomiren der Gedichte einfchränfen wollten, Erkun⸗ digung an Ort und Stelle, Aufmerkſamkeit auf die heiligen und übrigen Lokaldenkmaͤhler die einzi⸗ gen Mittel, den Stoff zu ihren Büchern zu erhalten °°), Es ſind oben die Urſachen angegeben worden, warum viele dieſer Denkmaͤhler erſt durch die ſie erklaͤrenden Orts- Mythen hiſtoriſche Bedeutung erhielten. Aus dem letztern ſchoͤpften nach dem Zeugniß des Diony⸗ ſios 64) die erſten Hiſtoriker gleichfalls.

61) Hug Buchstabenschrift S. 50 f. 62) Dionysius Halicarn. Tom. VI. Pag. 19. Reiske. 63) Ebendaſelbſt: Ga dısawlovro mapa roıs Eriyw-

8 pIOIG t, nara Y naı nara moAsız e e leo, sir &v HeHNNο,ỹ⅛W Neal Y (yoaDaız Syl- burg), rabrag eig ryv νονννν dmavrwv Yuan Ei „su etc.

64) Ebendaſelbſt Pag. 823. & amanı ag avgpwraıs, Hat n νjͥ rome, Na- nara moAsıs ia, Myymas riueg cue vai rum TOLSTWV ARSOMATWV, chofreg SO dg Öladexopvor mass raga marepwy , ETIME- ‚Ass EmOIByTO mapadıdovar HY Exyavan. |

728 Zweyter Abſchnitt.

Mit dieſer Beſchreibung ſtimmt auch das Wenige, was wir aus dem Leben der Logographen wiſſen, voll⸗ kommen überein. So finden wir den Hekataͤos beym Herodotos °°) in hiſtoriſchen Geſpraͤchen mit den Prie⸗ ſtern zu Theben in Aegypten, und dieſer letztere vom riker iſt denſelben Weg gegangen.

Nach dieſen Bemerkungen koͤnnen wir nun 40 einer nähern Betrachtung des Inhalts dieſer Logos graphen, und zu einer Wuͤrdigung ihrer hiſtoriſchen Forſchung und Kritik übergehen. Faßt man die Nach⸗ richten uͤber die Werke der Logographen zuſammen, fo zeigt ſich theils die größte Gleichartigkeit ihres Inhal⸗ tes mit dem Inhalte des Mythenkreiſes, woraus ſie gefloſſen waren, theils ihre Entſtehung aus e maͤhlern und Lokalſagen.

Wenn Akuſtlaos, wie wir oben ſahen, den He fiodos epitomirte, fo erſchien in feinem Werke, wie dorten, die Theogonie, Kosmogonie, die Helden— genealogie u. ſ. w. in ihrer natuͤrlichen Folge. Daß aber nicht bloß dieſe roheſten Produkte der Hiſtorie, ſondern auch fernerhin alle allgemeine Geſchichtswerke der Griechen mit dieſen Gegenſtaͤnden eroͤffnet wurden, davon liegt der Grund in einem allen Voͤlkern des Alterthums gemeinen, und auch in den Geſchichtsbuͤ⸗ chern der Hebraͤer ſichtbaren Glauben, daß bey ihnen der Anfang der Dinge zu ſuchen ſey '). Die Abfaſ⸗ ſung von Genealogien ſcheint faſt allgemeine Sitte der Logographen geweſen zu ſeyn, und nach dem Gange

65) II. 143 4. ! 660 Heyne Commentat. Soc. Vol. XIV. N 139.

| Zweyter Abſchnitt. 79

des Griechiſchen Mythos lag dieſer Weg ſehr nahe und war zur Chronologie der Begebenheiten nothwendig ). Außer den Genealogien des Akuſilaos werden dem He fatäog dergleichen zugeſchrieben. Man haͤlt dieſe letz⸗ tere für eine detaillirte Genealogie der Heroen Griechen⸗ lands, ohne weiter beſtimmen zu koͤnnen, ob ſie eine abgeſonderte Schrift, oder nur ein Theil der Hiſtorien deſſelben waren 68). Auch Pherekydes heißet 9e veaAoyos, welche Benennung doch auch wohl nur auf einen Theil feiner ola, welcher die Genealogien enthielt, hindeutet. Ueber den Geiſt dieſer Genealos gien bedarf es nach dem, was oben uͤber den Charakter des Mythos uͤberhaupt geſagt wurde, keiner beſondern Bemerkung. Daß in der Heldengenealogie Goͤttliches und Menſchliches vermiſcht ward, ergibt ſich von ſelbſt. Eine kurz vorher beruͤhrte Erzählung des Herodotos 69) beweiſet aber, daß der Geſchlechtsſtolz auch fpätere Abkoͤmmlinge eines beruͤhmten Hauſes mit den Goͤttern

67) Sturz ad Pherecyd. Pag. 66.

68) Sevin Memoires de l' Acad. des Inscript. IX. Pag. 125 [gg. Vergl. Vossius de H. Gr. Pag. 198. Bed uͤber die Quellen XXIII.

69) II. 743: Exraraıy ru Aoyomow tv Oyßyar yeveyAoyyoayrı &wyrov, Hal avadyoayrı TE v maTgıyv & Ennaösnarov Ieov. M. T. X. Die Bes hauptung des Sevin a. a. O. S. 114, der aus die⸗ ſer Stelle erweiſen will: Es habe jeder Grieche umſtaͤndliche und genaue Geſchichtsbuͤcher uͤber ſeine Vorfahren geführt, ſcheint mir großer Einſchraͤnkung zu beduͤrfen. |

1

90 9 Zweyter Abſchnitt.

in Verbindung zu bringen bemuͤhet war, und daß folglich die erſten Geſchichtſchreiber auch mit den Ge

ſchlechtsſagen ihrer Zeitgenoſſen ſehr haͤufig uͤbel bera⸗ then ſeyn mußten. | Um ſich von den Übrigen Gegenſtaͤnden, a die Logographen abhandelten, einen Begriff zu machen, iſt es am zweckmaͤßigſten, die Schriften des Hellanikos von Lesbos 7°) nach der Anfuͤhrung der Alten durch— zugehen, weil ſich hier die verhaͤltnißmaͤßig groͤßeſte Mannigfaltigkeit des Inhalts zeigt. Was von andern Schriftſtellern fuͤr unſere Unterſuchung zu bemerken iſt, kann hierbey fuͤglich eingeſchaltet werden. Die auf den erſten Blick auffallende Menge der Schriften dieſes Hiſtorikers ) wird ſehr vermindert, wenn man er— waͤgt, daß es die Sitte der Alten war, einzelne Theile von

70) gebohren Olymp. 70, 1. oder 71, 1.

71) Das Verzeichniß derſelben nach dieſer Citationsart iſt folgendes: AU Tie "Aulına H ele A pwvos A, "Apyolına ep Apradas Aowrıs Ari oder Ar ide Aru Bapßagına vonıma Bowwriara Acονπννi§çu-- vsıan Aus moAurugia mepı &Ivwv EI9VmU. cvonacıncı Orr Isgsiaı 7g Hag Isogıan Kapvsovıras Koavaira Krioss Kurpioxa - Asoßıra ra megı Audiav Tleo- ona— Zxufina— Towira Powinina— Popw- vis. Sturz Hellanici Fragmenta Pag. 38 fꝗq. und Fabric. Bibl. Gr. Tom. II. Pag. 349 fqg- ed. Har- les. Ebendaſelbſt über die Frage, welche dieſer Ti⸗ tel eigne Werke oder einzelne Theile bezeichnen.

Zweyter Abſchnitt. 81

von Vuͤchern abgeſondert niederzuſchreiben, und fie dann auch nach dieſer Abſonderung anzufuͤhren. Die vielen Namen fremder Laͤnder, welche in dieſen Ber; zeichniſſen erſcheinen, erinnern vorerſt an die mannig⸗ faltige Gelegenheit, welche die Joniſchen Logographen

in ihrem Vaterlande theils zu eignen Reiſen, theils

zur Bekanntſchaft mit Reiſenden finden mußten. Ueberhaupt zeigen ſich daher ſchon vor Herodotog viele Spuren ziemlich ausgebreiteter Kenntniſſe vom Aus lande unter den Griechen. Außer dieſem Beweiſe, von den Schriften der erſten Hiſtoriker hergenommen, fuͤhrt auch eine andere literaͤriſche Erſcheinung aus dem Zeitalter der Piſiſtratiden zu dieſer Vermuthung. Läßt ſich naͤmlich mit ziemlicher Sicherheit behaupten, daß der Verfaſſer der Orphiſchen Argonautika in dieſe Zeit gehoͤre, ſo ergibt ſich daraus, wie ſehr man gewoͤhnt ſeyn mochte, in Gedichten, die damals alt genannt werden konnten, das Ausland eingefuͤhrt zu ſehen, da dieſer Dichter in einem Produkte, das er unter dem Namen des uralten Thrakiſchen Orpheus in die Welt bringen wollte, ſolche Zuͤge einzuweben wagen durfte.

Hiſtoriſche Schriften, Aris betitelt, gab es im Fortgang der Geſchichtſchreibung ſehr viele 7°), und da Dionyſios von Halikarnaſſos im Allgemeinen ſagt 75): „die Verfaſſer der Atthiden haben bloße Annalen geſchrieben, und erregen durch die Einfoͤrmig⸗

72) Jonsius de ( enibis Historiae Philosephiese Lib. II. Cap. 9. H. 1. nennt fie.

23) Archaeolog. L Pag. 23. Reiske.

82 3 weyter Abſchnitt.

keit ihres Verfahrens lange Weile,“ fo erlaubt dieß zugleich einen Schluß auf die Atthis des Hellanikos. Dieſe und andere Schriften über einzelne Städte moch ten wohl zugleich alle jene Nachtheile druͤcken, welche

derſelbe Dionyſios in einer unten anzufuͤhrenden Stelle

mit ihren Urſachen lebendig darſtellet. Von den ans geführten Büchern des Hellaͤnikos waren mehrere, wie ſchon die Namen zeigen, ſolche Geſchichten und Bes ſchreibungen Griechiſcher Staͤdte und Gegenden. Eini— ge Staͤdtehiſtorien waren ohne Zweifel Theile der Laͤn— derbeſchreibungen. So gehoͤrten z. B. vermuthlich die Asoßıza zu der Schrift Au] betitelt 77). Auch von Hekataͤos wird ein AroAızov angeführt 7°), Unter den Stammgeſchichten hing die Popwus in zehn Buͤ— chern mit der aͤltern Geſchichte des ganzen Griechen⸗ lands zuſammen. Inachos gehörte in die Pelasgiſche Zeit, und von dem Koͤnige in Argos Phoroneus, den die Sage deſſen Sohn nannte, hatte Akuſilaus, (ſo wie Hellanikos von Ogyges) bis zur erſten Olympiade Eintauſend und zwanzig Jahre gezaͤhlt 75). Je mes f niger bey der Sorgloſigkeit des heroiſchen Zeitalters die Chronologie beachtet worden war und je groͤßere

Nachtheile daraus fuͤr die aͤlteſte Geſchichte der Griechen

74) Sturz Hellanic. Pag. 47.

75) Sevin hält dieß nach der Citation des Stephanos von Byzanz für eine beſondere Schrift. S. Memoires Pag. 129. Ich ſehe keinen Grund für dieſe Annahme; wahrſcheinlicher gehörte es zu den olan dieſes Logographen. i

76) Sturz ©. 103.

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Zweyter Abſchnitt. 83

entſtanden 77), deſto unſchaͤtzbarer mußten jetzt, da man auf die Folge der Begebenheiten der Vorzeit zu merken anfing, auch die duͤrftigſten Verſuche dieſer Art ſeyn, welche das Alterthum darbieten konnte. Einen Beweis von der Aufmerkſamkeit der Logogras phen auf dieſe Bruchſtuͤcke früherer Zeitrechnung liefert des Hellanikos Schrift Tepe 745 Hoas, welche ein Verzeichniß der Prieſterinnen der Here zu Argos ent— halten zu haben ſcheint. Fruͤher hatten ſchon Hippys und Theagenes von Rhegion avaypapa dieſer Prie⸗ ſterinnen, und der Prieſter zu Sikyon geliefert 78). Wenn wir von dem letzteren leſen, daß er außerdem uͤber die Gedichte des Homeros geſchrieben hatte, ſo erweckt dieſes den Begriff von einer gewiſſen Vielſeitig— keit der Forſchung, welche um dieſe Zeit rege geworden war. Auch fpätere Hiſtoriker waren auf jene Priefters folgen aufmerkſam; ſo zaͤhlet der kritiſche Thukydi— des 79) nach der Argiviſchen noch in feiner Zeit geſchichte, und Timaͤos hatte eben dieſelbe mit dem Verzeichniſſe der Sieger in den Olympiſchen Spielen zuſammengeſtellt 8°). Die Sieger in den Karneiſchen Spielen hatte Hellanikos in einem Gedicht: Kapvsovı-

77) Vergl. Vossii ars historica Pag. 76. ferner Wagner über die Pariſche Chronik Pag. g1.

78) Heyne Apollodor. pag. 924. Comment. Soc. Sc. Pag. 136.

29) II. 2. . 80) Polybii Reliquise ed. Schweighäuser Tom. III. Pag. 404. 5

F 2

1 Zweyter Abſchnitt.

nal 8”) beſungen, oder aufgezaͤhlt. In dieſem letz tern und wahrſcheinlichern Falle war dieſes Poem kykli⸗ ſcher Art, in welchem die Dichtkunſt den Zwecken der Hiſtorie diente. Zugleich kann es, ſo angeſehen, als Beyſpiel gelten, daß die kykliſche Dichtung und die Logographie nicht ſo weit aus einander lagen, um nicht ſehr bequem von derſelben Perſon zu der ge Abſicht gebraucht zu werden.

Nachdem einmal die auffallende Verſchiedenheit der Mythen uͤber Ein Faktum die Nothwendigkeit, zum urſprung derſelben zuruͤckzugehen, fuͤhlbar gemacht,

und man auf die Verſchiedenheit der Erzaͤhlungen nach

den verſchiedenen Stammen aufmerkſam geworden war; lag die Erforſchung der Stammgeſchichten bis

in ihre erreichbare Quelle ſehr nahe. Hierbey zog die Frage über die älteren Wohnſitze eines Stammes vor- zuͤgliche Aufmerkſamkeit auf ſich, und man unterſuchte

die Gruͤn dung der Staͤdte und Stiftung einzelner Gemeinheiten. Hiermit beſchaͤftig⸗ ten ſich die Verfaſſer der ſogenannten Krioss. Der Natur der Sache nach mußte dieß zu den erſten geogra⸗ phiſchen Verſuchen führen 82). Oft wurden mehrere ſolcher einzelnen Staͤdtegruͤndungen in einem größern-

Werke, das ſich uͤber ein oder mehrere Laͤnder erſtreckte,

und die Frucht der Wanderungen eines Logographen war, zuſammengefaßt, und fo hatte man eine TIspı- mynoig oder Hepiodog.

81) Sturz 84.

82) Heyne Apollodor. p. 923. 5 Commentat.

Pag. 130.

3

zweyter Abſchnitt. 833

Unter den Schriften des Hellanikos finden wir ebenfalls Krıosıs genannt, wozu vielleicht die Kongiata, "Ada, Ta meoL Avdıav , Ileooıxa , Tro, Toca, Dawirına als einzelne Theile gehörten, Dem Kadmos ſchrieb man eine Krısıs von Miletos und von Jonien zu, und mehreren andern Logographen Werke aͤhnlicher Art

Von Hekataͤos wird eine Ilsowdos 7s 84) ans gefuͤhrt. In dieſer letztern Schrift ſcheint er beſonders die ausländifchen Begebenheiten abgehandelt zu haben, fo wie in feinen Hiſtorien die helleniſchen. Der Inhalt und Umfang der Periodos wird verſchieden angege⸗ ben 35). Schriften deſſelben Inhalts hatten mehrere Logographen verfaßt, und von Charon von Lampſa— kos 8°) hatte man, außer Perſiſchen, Aethiopiſchen,

83) Ueber die Verfaſſer der Kriasis ſ. Jonſius de Script. Hist. Philos. Lib. I. Cap. XII. g. 5.

84) 0 l. Pag. 13.

630 S. Sevin am a. O. S. 132. und S hr de

Geogr. Argonaut. Pag. 41. Von den verſchiedenen

Vermuthungen hat eine beynahe ſo viel fuͤr ſich als die andere. Der Hauptgrund dieſer Ungewißheit iſt die

beſtaͤndige Gefahr, den Milefier Hekataͤos mit dem fan

4 belhaften Abderiten (man vergleiche über dieſen letz⸗ tern Sichhorns allgem. Bibliothek der Bibl. Litt.

sten B. Ztes Stuͤck) zu verwechſeln. Ohne eine voll⸗

ſtaͤndige Sammlung und kritiſche Reviſion aller Stel⸗ len, worin ein Hekataͤos angeführt wird, iſt keine Ordnung in dieſem Chaos abzuſehen.

30) Gegen Ol. 78. S. Fabr. Bibl. Gr. II. pag. 353.

86 Zweyter Abſchnitt.

Helleniſchen Geſchichten, ſogar einen Periplus von Laͤn— dern außer den Saͤulen des Herakles.

Die Vorrede des Hekataͤos, welche uns Deme— trios 87) aufbehalten hat: „Hekataͤos von Miletos erzaͤhlet folgendermaßen. Ich ſchreibe dieſes, wie ich es fuͤr wahr halte. Denn die Sagen der Griechen ſind, wie es mir ſcheinet, mannigfaltig und laͤcher⸗ lich.“ laͤßt einen nicht unkritiſchen Forſcher des Alterthums um ſo mehr erwarten, da die oben angefuͤhrten Erzaͤhlungen ſchon ein vortheilhaftes Bild von ſeinen Einſichten gaben. Dieſe Vorſtellung wird auch durch mehrere Daten aus ſeiner hiſtoriſchen Kritik beſtaͤtigt. So zeiget die Nachricht, daß er in feinen Genealogien den Heſtodos getadelt habe 88), ein loͤbliches Erheben uͤber die herrſchende Sitte des bloßen Ausſchreibens der Dichter. Ein ſchoͤnes Bey— ſpiel, daß er es verſuchte, in den Mythen den hi— ſtoriſchen Grund aufzuſuchen, liefert Pauſanias 89);

87) De Elocutione 6. 12.

88) Sevin Memoires de l' Acad. des Inscript. IX. pag. 126. J 5

89) (Laconica) Lib. III. Tom. I. Pag. 443. ed. Fac. Hekataͤos erklaͤrte den Mythos vom Kerberos ſo: es habe ſich einſt bey der Stadt Taͤnaros eine Schlange gezeigt, deren Biß toͤdtlich geweſen ſey, dieſe habe man den Hund des Hades genannt. Solche Stellen, zuſammengenommen mit den Nachrichten von ſeinen Einſichten, brachten Urtheile uͤber ihn hervor, wie das des Gale Notae breves ad Herod. Pag. 39. ed. Wess., wo ſich dieſer Gelehrte darzuthun bee müht, daß er ein wahrhafter Hiſtoriker geweſen ſey.

3weyter Abſchnitt. Be

in zwey andern Stellen dieſes Reiſebeſchrelbers, die mir nicht minder Aufmerkſamkeit zu verdienen ſcheinen, ſieht man unverkennbare Spuren, daß Hekataͤos zuwei— len mit großer Selbſtſtaͤndigkeit ſein Urtheil von der Lokalſage trennte 9°) Wenn man dagegen nicht weniger Beyſpiele findet, worin ſich eine unkritiſche Abhangigkeit von der poetifchen Quelle 9°) oder der Stammſage, woraus er vielleicht ſchoͤpfte 92), offen— baret, ſo werden wir erinnert, daß wir hier die fruͤh— ſten Verſuche in der Hiſtorie vor uns haben. Als ſolche konnten ſie kaum eine groͤßere Geſetzmaͤßigkeit in ihrer Richtung zeigen, denn es war wohl ſehr natuͤr— lich, daß der ſo eben erwachte Forſchungsgeiſt, bey der auffallenden Verſchiedenheit der Mythen, ſich oft ſelbſt mißverſtehen, und auf die beyden Extreme: zerſtoͤren⸗ de Zweifelſucht, oder unbedingte Annahme des Ueber— lieferten, gerathen mußte. | Diefen Zuftand der begin;

nenden Kritik erkennen wir in ähnlichen Zügen anderer

Logographen. So hatte Hellanikos in derſelben Schrift, woraus wir oben einen Beweis ſeiner philoſophiſchen Bildung entlehnten, die widerſinnigſten Dinge erzaͤh—

90) Paus. Lib. IV. Pag. 458. Tom. I. und Lib. VIII. Tom. II. Pag. 495. Vergl. ebendaſelbſt Pag. 558. ed. Fac.

91) Eines gibt Sevin a. a. O. S. 123.

92) Die wunderbare Erzaͤhlung von der erſten Weinpflan⸗ zung in Aetolien beym Athenaeus Lib. II. Cap. I. Pag. 133. ed. Schweighäuser (vermuthlich aus den Genealogien, vergl. Schweighäuser Animadv. ad h. I. Tom. I. Pag. 253.) liefert ein Beyſpiel.

8s Zweyter Abſchnitt.

let 9%), und wenn Dionyſios von Miletos die mythi— ſche Geſchichte pragmatiſch behandelte, ſo war dieß nichts anders, als der Fehltritt eines wißbegierigen Neulings auf einem ſchluͤpfrigen Boden.

Unter dieſen Umſtaͤnden wird die große Verfchies denheit in den Urtheilen der Alten uͤber den kritiſchen Werth oder die Einſichten einiger dieſer Hiſtoriker ſehn begreiflich. Hierhin gehören z. B. die gänftigen Aeuße— rungen einiger Schriftſteller, und die nachtheiligen anderer über Hellanikos 9%), Daß Herodotos hiſtori⸗ ſche und geographiſche Irrthuͤmer des Hekataͤos ruͤgte, iſt oben bemerkt worden RR ). Dagegen geben mehrere

93) Sturz ad Hellanic. Pag. 40. Dagegen Pag. 20. finden wir Beyſpiele, daß Hellanikos vom Akuſilaos, und folglich auch vom Hefiodos abging. Dieſe Ab- weichung der Logographen von den Dichtern mochte alſo wohl eben ſo wenig eine ganz ſeltene Erſcheinung ſeyn, als die Abweichung der erſteren von einander. Pag. 19. und daſelbſt die Stelle des Joſephos uͤber ; die Genealogen.

940 Die Stellen hat Sturz S. 8 ff. geſammelt.

95) Bey der Unterſuchung uber die Quellen des Nils He- rodot. II. 21. wird diejenige Meinung, welche Heka— taͤos hatte, (ſ. Schoͤnemann de Geogr. Argon. Pag. 42.) die albernfte unter allen genannt, und in der Erzählung II. 143. von den Anſpruͤchen des He— kataos auf goͤttliche Abkunft, iſt gleichfalls ein leiſer Tadel nicht zu verkennen. Dagegen wirft Pors phyrios (Sevin S. 134.) dem Herodotos vor, er habe die Erzählungen dieſes Logographen vom Phoͤnix, vom Hippopotamos und vom Krokodil ausgeſchrieben.

zweyter Abſchnitt. 89

Stellen des Strabon, der gegen den erſtern deſto unge⸗ rechter war, einen viel vortheilhaftern Begriff von den Kenntniſſen des letztern in der rohre unter deren Urhebern er genannt wird 96).

Unterrichtender find einige allgemeinere Stellen der Alten uͤber den kritiſchen Gehalt der Logographie überhaupt. Beſonders verdient hier die Beſchrelbung, welche Dionyſios 97) von den Quellen dieſer Hiſtoriker und der Art, wie ſie dieſelben benutzten, macht, un⸗ fere Aufmerkſamkeit. Nach dieſer ſchrieben fie, was die Denkmaͤhler, oder die dieſe erklaͤrende Sage der Einwohner eines Orts darboten, getreulich nieder, ohne etwas hinzuzufügen, oder auszulaſſen.

Dionyſios zeigt den nothwendigen Einfluß, den dieſes Verfahren auf den hiſtoriſchen Werth ihrer Nach⸗ richten aͤußern mußte, und in einer andern Stelle, wo er ſich bemuͤhet, ihre Unkritik zu entſchuldigen, ſagt er beſtimmt, daß die Forderung der Bewohner jedes Orts, die Sage ihrer Vaͤter heilig zu halten, ſie dazu genoͤthigt habe 98). Gegen dieſe Anſicht kann

96) Strabo I. Pag. 2. und Pag. 17. ed. Siehenkees. Vergl. Hennicke de Geographicorum Strabon. fide

Pag. 16, 20. x 97) Iudic. de Thucyd. Pag. 119 faq. Tom. VI. Reiske.

98) Tom. VI. Pag. 823. Tavra d' simew 9 05 u Emiriuwmv Exswois Tols avöpaoıy, H, moA- Ayv ixwv ouyyvonıyy, si zaırwv nugnwy ib mAaonarwv, E9vmas naı romınas. ErDspovres o- giag Ev amadı yap Avggwmoıs Hat Kon H Tomas

90 Zweyter Abſchnitt.

die des Strabon in keine Betrachtung kommen, der in einer uͤbrigens merkwuͤrdigen Stelle, wo er die erſten Hiſtoriker Mythographen 99) nennet, ihr Auf⸗ nehmen der Mythen aus paͤdagogiſch-politiſchen Zwez cken ableitet. Aus jener Beſchreibung des Dionyſios muͤſſen alle uͤbrigen Stellen erklaͤrt werden, wo der mythiſche Charakter allen Logographen beygelegt wird. Und wenn ſie als Aufbewahrer der Sage neben den Dichtern genannt werden 1), fo muß dieß daran erinnern, daß Ausſchreiben des Inhalts der Poeme doch im Ganzen ihr Hauptgeſchaͤft ſeyn mochte.

Hier aber dringt ſich die Frage auf: ob ſich in der Logographie nicht vielleicht ein beſtimmter Stufengang nach der Zeitfolge darlegen laſſe. Dieſe Frage iſt von der Art, daß ſie billig zu einem Verſuche reizen muͤßte, allein dieſer letztere wird doch als fruchtlos erkannt werden muͤſſen, wenn man be— denkt, daß nach dem Wenigen, was wir mit Sicher

Na zara molsıs ldid, Pvyvar rue Eowlovro Hau TV TOLBTWV AHSOMATWV, wWsmep O. as Ötade- gropevor moLÖss mapa marspwy SHH Ag EmolsvTo mapadıdovaı Toıs Exryovors“ naı mag BrAopsvss aurag sis TO noıvov ErDspeiv, Erws yeızy avyygalev, ws rag Tv Kpyaımv EdsLayro. EHEIVOIS MEY SY v Kvöpasıy avayaav M j) TO MUFWOETIV Emsioodldıs Tas TOmIRag avarypadaz. |

99) Lib. I. Pag. 53. Na ai mowraı ds igopınoı Ducinor pu9Joyoaßaor. |

100) Diodor. Sic. I. Pag. 27. ed. Wesseling. Dionys. Hal. Lib. L Pag. 35. ed. Reiske.

Zweyter Abſchnitt. 91

heit davon ſagen koͤnnen, die ſpaͤtern Schriftſteller dieſer Art keinesweges vorzugsweiſe vor den fruͤheren das Lob reiferer Forſchung und feſterer Kritik zu verdie⸗ nen ſcheinen; daß ferner Dionyſios, nachdem er viele derſelben aus verſchiedener Zeit genannt hat, zu wie⸗ derholten Malen von ihnen ſagt, ſie ſeyen in Hinſicht ihrer Zwecke einander eben ſo aͤhnlich geweſen, als in ihren Faͤhigkeiten von einander wenig verſchieden ). Dieſe Behauptung hat auch viele innere Wahrſchein— lichkeit. So lange das Alterthum der einzige Gegen— ſtand der allgemeinen Forſchung blieb, war der I thos der einzige Zeuge, den man befragen konnte. Um aber in den raͤthſelhaften Antworten, die dieſer gab, den hiſtoriſchen Sinn zu finden, dazu konnte auch die groͤßeſte Fahigkeit, oder Einſicht von Männern nicht hinreichen, die ſo zu ſagen im Mythos erwachſen waren. Blieb dieß doch noch für das Zeitalter der ges reiften Bildung eine ſchwierige und niemals befriedi⸗ gend geloͤſte Aufgabe. !

Daher war es zum Fortſchreiten der Logographie unumgaͤngliche Bedingung, daß ſie den mythiſchen Boden verließ, den ſie bisher allein angebaut hatte. Die Begebenheiten des Joniſchen Krieges ſcheinen zuerſt dazu Veranlaſſung gegeben zu haben, und die eo des Dionyſios von Miletos, wovon vielleicht deſſen Schrift ra herd Aapsıov nur einen Theil ausmachte, verdienen als einer der erſten Verſuche, die Zeitges ſchichte zu bearbeiten, genannt zu werden. Dem,

101) De Thucyd. Iud. Tom. VI. Pag. 819. u. 864.

u

92 3 weyter Abſchnitt.

nach iſt die 7ote Olympiade, in welche ungefaͤhr dieſes Werk gehoͤrt, als der Zeitpunkt dieſes einen beſtimm⸗ baren Fortſchritts zu bemerken ).

Noch ehe ſich die Logographie entwickelte war gleichfalls hauptſaͤchlich in Jonien die lyriſche Poeſie aufgebluͤhet. Die beziehungsreiche Subjektivität dieſer letztern machte eine viel freyere Umbeugung der Mythen nothwendig, als das Epos ſich jemals erlaubt haben mochte. Jeder Siegsgeſang des Pindaros liefert davon die mannigfaltigſten Beweiſe 5), und nur etwan in den genealogiſchen Epiſoden ſcheint ſich dieſer Lobredner edler Geſchlechter der Hiſtorie etwas anzunaͤhern 4).

| Die Tragödie wich vielleicht noch weiter vom hiſto— riſchen Grunde der Sage ab. Nicht nur die Verwand—⸗ lung fo mancher Erzählung in darſtellbare Handlung mußte große Veraͤnderungen herbeyfuͤhren, ſondern auch politiſche Ruͤckſichten äußerten hier ihren Eins fluß 106 I:

* \

102) Fabric. Bibl. Gr. Vol. IV. Pag. 410. Harles. | Heyne ad Apollodor. Pag. 925. ad Virgil. Tom. II. Pag. 269. Commentat. Soc. Pag. 136. Antiochos von Syrakuſaͤ, der hier auch genannt wird, fällt in die gote Olymp. ſ. Fabric. Bibl. Gr. II. Pag. 352.

103) 3. B. Olymp. I. 55 ff. Olymp. XIII. 130. ibique Schol. recent.

104) Olymp. VI. und Ol. VII. können hier beſonders als Beyſpiele gelten. |

105) Beweiſe freyer Behandlung der Zeitgeſchichte liefern Aeſchylos Perſer. Barnes Vita Euripid.

Zweyter Abſchnitt. 93 |

Je mehr ſich die Logographie in ihren Forſchungen der beglaubigten Hiſtorie näherte, deſto ſchaͤrfer ward ihre Scheidung von der Poeſie, beſonders der lyriſchen und tragiſchen. Wir duͤrfen uns indeſſen nicht wun⸗ dern, wenn wir ſehen, daß die Mythen in ihrer poetis ſchen Huͤlle fortdauernd allgemeinern Eingang fanden, als in ihrer hiſtoriſchen Nacktheit. Jedes Volk bleibt im Verhaͤltniſſe zu ſeiner Geſchichte in einer ewigen Kindheit, und die Beherrſchung der Phantaſie in der Tradition iſt eine eben ſo ſeltene Frucht vollendeter Bildung, als die Beherrſchung der Leidenſchaft im Leben. Beydes fließet auch im Grunde aus Einer Quelle, aus dem Sinne fuͤr das innere Maß, und aus der Fahigkeit der weiſen Selbſtbeſchraͤnkung. Die Griechen im Ganzen zeigten eben fo wenig Empfaͤnglich- keit fuͤr die aus der einen Wurzel des Mythos erwach— ſene Philoſophie, als für die aus der andern hervor- gegangene Hiſtorie. Der Poet, weil er die jeder Feſ⸗ ſel widerſtrebende Phantaſie frey ließ, blieb unter ihnen immer der Mann des Volks. Pindaros entſchuldigt in einer gedankenreichen Stelle ) die mythiſche

Tom. I. ed. Euripid. Beck. 6. XVII., und daſelbſt die Sagen von der Veraͤnderung des Mythos von der Medea auf Verlangen der Korinthier. N

106) Nem. VII. 30 Iq. o00ıa de 5 Alsmreı ra) lab gig. To OA 9 Se ro qujõi vom. d TA —. Hiermit ſtimmt, den oben bemerkten Jerthum abge⸗ a die Anſicht des Strabon überein in einer

94. Bwenter Abſchnitt.

Freyheit der Poeſie mit der hartnaͤckigen Unmuͤndigkelt der Menge: Thukydides dagegen rechtfertiget aus eben dieſem Grunde das Mißtrauen der um Wahrheit be— ſorgten Nachwelt in n Lob, das die Dichter vers leihen 7).

Die uͤbrigen hiſtoriſchen Beſtandtheile koͤnnen in ihrer Entwickelung nicht deutlich dargeſtellt werden, wenn man ſie nicht mit dem Werke des Herodotos im Zufammenhange zeigt. Bevor wir dieſes verſuchen, gehen wir demnach zu dieſer Hiſtorie über, und betrach— ten vorerſt gleichfalls ihren Werth in Abſicht auf far tiſche Wahrheit, und die Bedingungen der letz tern: Forſchung und Kritik.

Die ſichtbare Vervollkommnung dieſer ſowohl, als aller übrigen Elementartheile der Geſchichtſchrei— bung in dem Werke des Herodotos muͤſſen zum Theil ebenfalls als die Frucht guͤnſtiger Umſtaͤnde angeſehen werden, in welchen jener lebte. Außer den Vorthei— len, welche ſein Kleinaſiatiſches Vaterland ihm eben ſowohl als den uͤbrigen hier einheimiſchen Hlſtorikern

bemerkenswerthen Stelle, wo er von der Herrſchaft des Mythos uͤber das Volk uͤberhaupt redet. Zuletzt ſagt er von der Hiſtorie und Philoſophie Tom. I. 42 53. Siebenk.: Xovos d üUsepov , daha Dean Na vv Ou o magsAyAusev ei 4E00V. Aubry ev 8 190 oAıyas, de moıyrıny ÖymwQeiegepa zo a mÄygosV ce

107) Thucyd. II. 41. (of. 43.) in der bekannten Rede des Perikles. | 75

Zweyter Abſchnitt. 95

\

gewaͤhrte, ſcheint er noch einige individuelle Beguͤnſti⸗ gungen genoſſen zu haben. Eine edle Geburt 8) und nahe Verwandtſchaft mit dem Poeten Panyaſis waren ohne Zweifel fuͤr ſeine Ausbildung ſehr befoͤr— derlich. Nicht minder vortheilhaft mußte es ferner fuͤr ihn ſeyn, daß ſeine rege Wißbegierde in den um

108) Eine, fo weit es die Quellen verſtatten, moͤglichſt aufs führliche Darſtellung feines Lebens wird ſchicklicher den Kommentar zu dem Werke des Herodotos ſelbſt eroͤffnen. Hier alſo nur diejenigen Daten, welche mit vorliegen⸗ der Unterſuchung in nothwendiger Verbindung ſtehen. Die Geburt dieſes Geſchichtſchreibers falle (nach Larcher Chronologie sur Herodote Tome VII.

Pag. 359. nouvelle edit.) ins 1te Jahr der 74ten Olymp. ins 484 J. vor Chr. Geb. Seine Vaterſtadt war Halikarnaſſos in Karien zu der ſogenannten Do— riſchen Hexapolis gehörig. (Larcher Table Geogr. T. VIII. Pag. 235.) Die Annahme, daß er lange vor ſeiner Niederlaſſung in Thurion ſein Werk ausar— beitete, ſ. Mazo chi Commentar. in Tab. Hera- cleens. Pag. 102. wird theils durch ein beſtimmtes Zeugniß des Suidas (8. v. Hgodorog) beftätigt, nach welchem dieß zu Samos geſchah, theils durch die Nachrichten von einer mehrmaligen Vorleſung ver— ſchiedener Theile deſſelben: zuerſt bey der Feyer der Olymp. Spiele, Olymp. 81, fpäter zu Korinthos, und zuletzt zu Athen an den Panathenaͤen, Olymp. 84, 1. Folgende Stelle des Plinius Hist. N. Lib. XII. 4. (VIII.) Tunc enim auctor ille (Herodotus) histo- riam eam condidit Thuriis in Italia, muß daher bloß von einer Ueberarbeitung und Vervollſtaͤndigung dieſes Werkes verſtanden werden. Auch enthält es Begebenheiten, welche ſich erſt in der 93ten Olymp.

96 Zweyter Abſchnitt.

dieſe Zeit ſchon häufigen Schriften der Logographen Nahrung fand. Durch die beruͤhmteſten dieſer Pros dukte mußte insbeſondere ſein Blick fruͤhzeitig auf die Merkwuͤrdigkeiten des Auslandes gerichtet werden, da dieſes letztere groͤßtentheils der Gegenſtand jener Wers e 0) war. Indeſſen waren dieſe mehr geeignet,

ſein

(im 24 Jahre des Peloponneſiſchen Krieges) ereignes ten, Wesseling Praefatio ad Herodot. Pag. 2., die folglich Herodotos erſt in ſeinem 67 Jahre aufge⸗ zeichnet haben kann. (Larcher Tom. I. Pag. LXXXVIII.) Eine andere Stelle deſſelben (Lib. IV. 99.) trägt innere Spuren, daß ſie nur fuͤr die Bewohner Großgriechenlands niedergeſchrieben iſt (ſ. Mitford Geſchichte Griechenlands nach der Ueberſ. von Eichſtaͤdt II. Band S. 356). Das Todesjahr des Herodotos laßt ſich nicht angeben. Daß er in Thurion (die übrigen Benennungen dieſer Großgrie— chiſchen, neben den Trümmern der ehemaligen Syba— ris erbauten Stadt ſ. beym Schol. ad Aristoph. Nu- bes ed. Hermann Pag. 323 qq.) wohin er Olymp. 84, 1. in ſeinem 40ten Lebensjahre mit einer Atheni⸗ ſchen Kolonie abging, geftorben iſt, ergibt ſich aus einer Nachricht des Suidas, und einem Epigramme bey Stephanos von Byzanz. (ſ. über letzteres Ru hn⸗ ken. ad Hom. Hymn. in Cer. v. 3. Vergl. Hermann J. c. Pag. 324.) ö 209) Des Hekataos Aciag re, ae, vielleicht ein Theil der I'ys mepıoöog dieſes Hiſtorikers) des Kanthos Au- diana (in 4 Büchern), die Schriften des Charon von Lampſakos (egoma, Al f.ẽ etc.). Hellanikos, deſſen Werke Weſſeling Praefat. ad Herodot. Pag. I. und Larcher T. I. Pag. LXIX. hier ebenfalls nennen, war zwar etwas Alter als Herodotos, muß aber mehr

Zweyter Abſchnitt. 97

ſein Streben nach Unterricht zu reizen, als zu befriedi⸗ gen, und er durfte wohl hoffen, die Hiſtorie, welche eben damals unter den Kleinaſiatiſchen Griechen mit vorzuͤglichem Eifer bearbeitet wurde, anſehnlich erwei— tern zu koͤnnen, wenn er auf eignen Reiſen ſich eine ausgebreitetere Kenntniß des Auslandes verſchaffte. Die Aufgabe, welche er ſich vorgeſetzt hatte, war viel⸗ fältiger muͤhevoller Forſchung werth: er wollte den großen Zwiſt, worin ſo eben das ganze Griechenland mit den Barbaren lag, in ſeinem erſten Urſprunge vorzaͤhlen, wollte deutlich machen, wer dieſe Perſer ſeyen, und uͤber wie viele Laͤnder und Voͤlker ſie herrſch⸗ ten, wollte die Eigenthuͤmlichkeit dieſer Laͤnder und Voͤlker darſtellen, ſo wie die verſchiedenen Griechiſchen Staͤdte mit ihren Geſchichten, und auf dieſe Weiſe eine vollſtaͤndige Vorſtellung geben, von der durch den Schutz der Gottheit, die das Hochſtrebende erniedriget, wunderbar geretteten Helleniſchen Freyheit. Zu dieſem großen Bilde wollte er ſich durch eigne Anſchauung und Forſchung die lebendigen Zuͤge ſammeln. Der Vorſatz war im Gefuͤhle jugendlicher Kraft entworfen worden, mit jugendlichem Eifer wurde er ausgeführt. - Wir finden den ſieben und zwanzig jährigen Juͤngling

als gleichzeitiger Schriftſteller angeſehen werden. Auch finden ſich beſtimmte Nachrichten, daß erfterer die Hi⸗ ftorie des letztern, beſonders wo er die Reſultate fei- ner Reiſebemerkungen vortrug, benutzt habe, dage— gen keine Spur, daß letzterer aus den Schriften des Hellanikos ſchoͤpfte. (Vergl. Sturz ad Hellanic. Pag. 13 15.) g G

998 3Zweyter Abſchnitt,

ſchon auf dem Wege nach dem Wunderlande des Alters thums, nach Aegypten. Die Folge ſeiner verſchiedenen | Reiſen läßt fich mit ziemlicher Gewißheit angeben.

Wir bemerken hier bloß die große Ausdehnung feines Reiſeplans. Aegypten, Thrakien, Perſien, Epdieny Palaͤſtina, Syrien, hatte er beſucht Auch kann die Art, wie er von Libyen, Aſſyrien und Baby— lon redet, den Zweifel, welchen man gegen die Reiſen in dieſe Gegenden erhoben hat, niederſchlagen ). Hierbey dringt ſich die Bemerkung von ſelbſt auf: welchen Vorzug dieſe ausgebreitete Bekanntſchaft mit dem Auslande dem Herodotos nicht nur vor allen ſei— nen übrigen Zeitgenoffen, ſondern auch vor den ſaͤmmt— lichen Logographen geben mußte.

So viele Veranlaſſung die Aſiatiſchen Griethen auch zu einer ausgebreitetern Landeskunde haben moch⸗ ten, beſonders in Abſicht der Gegenden, wohin die Richtung ihres Handels ging, wohin vorzüglich die Kuͤſten des Pontos Euxinos zu rechnen ſind, ſo weit blieben die Bewohner des Griechiſchen Mutterlandes, wenn man etwa die Korinthier und Aegineter 1c. aus⸗ nimmt, in dieſen Kenntniſſen zuruͤck. Dieß zeigen einige beſtimmte Beyſpiele aus dem naͤchſten Zeitalter vor dieſem Geſchichtſchreiber n). Auch aus fpärerer

110) Renn ell the Geographical System of Herodo-

tus (London 1800) Pag. 9. Wesseling Prae- fatio ad Herodot. Larcher Pag. LXXIV iq. 111) Herodot. VIII. bey. 132. V. 49. Hergl. Mans nert Geograph. der Griechen und Römer J. Theil S. 291.

>

Zweyter Abſchnitt.“ ie

Zeit ließen ſich manche Beweiſe der Art ſammeln; ich erinnere nur an die von Thukydides bemerkte Unkunde der Athener in Abſicht Siciliens, als der Feldzug nach dieſer Inſel zuerſt zur Sprache kam. Denken wir uns auch die Reiſen mancher Logographen noch ſo ausge— dehnt, laſſen wir auch bey dem oben von Hefatäog angeführten Ausdrucke moAurkavy die freygebigſte Auslegung zu: ſo kam doch gewiß keiner dieſer Hiſto⸗ riker in ſo viele, und in ſo entfernte Gegenden als Herodotos. Schon ſeine Beſchreibung des Nordens von Europa, und der Weſtkuͤſte Afrika's ſtellen ihn als den erſten Griechiſchen Beobachter 2) dieſer Ges genden dar. | |

Wenn auch der rhetoriſche Gehalt der Stelle des Dion Chryſoſtomos, worin von einer Wanderung die⸗ ſes Hiſtorikers 15) durch Hellas geredet wird, die Wahrheit dieſes Zeugniſſes zweifelhaft machen koͤnnte, ſo zeigt doch das Werk dieſes letzteren im Ganzen ſowohl, als in einzelnen Stellen zur Genuͤge, daß er Griechen land mit eben fo ſorgfaͤltiger Forſchbegierde durchwan⸗ dert hatte, als die fremden Reiche. Die Geſchichten der beruͤhmteſten Geſchlechter in den Griechiſchen Staͤd— ten unterſuchte er eben ſo genau, als die Merkwuͤrdig— keiten der Tempel und anderer oͤffentlichen Gebaͤude; er ſammelte dadurch den Stoff zu den Parthien ſeines Buches, welche die Nationalgeſchichte darſtellen.

112) Mannert I. Th. S. 17. 30 ff.

113) 8 rw meoimarıy Tys 'EÄAadog Dion. Cbrysost. Orat. XXX VII. Tom. II. ed. Reiske.

100 zweyter Abſchnitt.

/

Die Fruͤchte dieſer Bemuͤhungen des hiſtoriſchen Forſchers muͤſſen ſich nun in ſeinem Werke zeigen, und wir gehen deßwegen zu einer Würdigung feines kriti— ſchen Werthes uͤber.

Die Natur des Gegenſtandes, den er fi darzu⸗ ſtellen vorgeſetzt hatte, machte es bey jedem Schritte nothwendig, ins graue Alterthum zuruͤckzugehen. Hier waren demnach Denkmaͤhler, Poeme und Lokalſagen die einzigen Zeugen, die man befragen konnte, und jeder, der einen ſolchen Stoff wählte, war, durch dieſes nothwendige Verhaͤltniß zur Sage, Logograph. So betrachten wir denn auch zunaͤchſt den Herodotos.

Es koͤmmt vorerſt hier auf die Beantwortung der Frage an, theils welche Geneigtheit, theils welche Fahigkeit zum Ausmitteln der faktiſchen Wahrheit, oder doch Wahrſcheinlichkeit dieſer Geſchichtſchreiber zeige? In Hinſicht des erſtern ließen ſich unzaͤhlige Beyſpiele ſammeln, welche unwiderſprechlich beweiſen koͤnnten, daß in der Einfalt ſeines treuen Gemuͤths die gewiſſenhafteſte Beglaubigung des zu Erzaͤhlenden nicht anders als ſein ernſtlichſter Vorſatz ſeyn konnte. In mehreren Fakten, wo er nicht zu entſcheiden ver— mag, geſteht er dieſes mit der unzweydeutigſten Offen⸗ heit 4). In andern, wo mehrere Urſachen Eines Faktums angegeben wurden, wovon ihm keine einen entſcheidenden Vorzug zu verdienen ſcheint, macht er durch getreue Erzählung beyder eine fernere Prüfung des unterrichteten Leſers moͤglich 5).

114) 8. B. B. I. 172. Toro a Ne 22 drgα,-n

S.

115) Ein Beyſpiel III. 222. zu Anfang.

Zweyter Abſchnitt. 101

Dieſe Gewiſſenhaftigkeit offenbart ſich in vielen Stellen. Eine derſelben iſt noch in anderer Hinſicht merkwuͤrdig. Bey der Erzaͤhlung 15) der widerfpres chenden Sagen der Sybariten und Krotoniaten über einen zwiſchen ihnen gefuͤhrten Krieg, traͤgt er mit großer Genauigkeit die Beweiſe vor, die jede dieſer Staͤdte fuͤr ihre Behauptung beybringt, und uͤberlaͤßt zuletzt dem Leſer die Wahl. Erhielt dieſe Hiſtorie, wie man annehmen muß, in Thurion ihre Vollendung, ſo liefert dieſe Erzaͤhlung einen Beweis, daß ihm die hiſtoriſche Treue theurer war, als die Verbindung mit ſeinen jetzigen Mitbuͤrgern, den Thuriern, denen es ohne Zweifel geſchmeichelt haben würde, wenn dergleis chen vaterlaͤndiſche Sagen zu ihrem Vortheile gewen⸗ det worden waͤren. Solche Beyſpiele, welche die Freyheit ſeines Geiſtes, und ſeine Unabhaͤngigkeit von allen nationalen Einfluͤſſen beweiſen, koͤnnen ihn hin⸗ laͤnglich gegen die Angriffe ſchuͤtzen, wodurch Plutar⸗ chos, deſſen Blick hier ſelbſt gerade durch eine uͤbel— verſtandene Vaterlandsliebe geblendet wurde, feine his ſtoriſche Wahrhaftigkeit verdaͤchtig zu machen ſuchte. Noch weniger Ruͤckſicht verdient der noch gehaͤſſigere Vorwurf des Dion Chryſoſtomus 7), daß Herodotos dey Austheilung ſeines Lobes ſich durch Gewinnſucht habe leiten laſſen. Das oben beruͤhrte Verhaͤltniß des letztern zu einem feiner Vorgaͤnger, dem Hekataͤos, vers dient als ein Beweis der Lauterkeit ſeiner Geſinnungen angeführt zu werden. Ohngeachtet er dieſen Logos

1169 V. 445 46. 5 217) In der oben angeführten Stelle.

SA Zweyter Abſchnitt.

graphen einigemal wegen zu großer Dreiſtigkeit in hi⸗ ſtoriſchen Behauptungen oder anderer Verirrungen dies fer Art zu tadeln ſich veranlaßt findet: laͤſſet er gleichs wohl, wie wir oben ſahen, ſeinen uͤbrigen Vorzuͤgen volle Gerechtigkeit widerfahren. s

Ein weiteres Feld von Unterſuchungen eroͤffnet ſich bey der Frage nach feiner kritiſchen Faͤhig⸗ keit. |

In unzähligen Faͤllen bemerkt man ein ſolches Verhaͤltniß des Herodotos zu der ihm uͤberlieferten Sage, daß man das Bild, welches Dionyſios von den erſten Hiſtorikern entwirft, ihm eben ſo aͤhnlich findet, als jedem andern Logographen. Es ſind dieß diejeni⸗ gen Stellen, wo er ſich auf getreue Darlegung des empfangenen Sagenſtoffes, ohne die geringſte Aeußerung eignen Urtheils, einſchraͤnkt 5). Zuweilen erfahren wir, daß er eine Erzaͤhlung von den Einwohnern eines Ortes gehört habe ). Hier erſcheint alſo Herodotos von jenen erſten Sammlern der Lokal-Mythen nicht im

geringſten verſchieden, und die faktiſche Wahrheit feis.

ner Nachrichten von nationaler Einwirkung durchaus abhaͤngig.

Dieſes Verzichtleiſten auf eigne Pruͤfung zeigt ſich

nirgends mehr, als wo der Mythos mit der Religion zuſammenhaͤngt. Hier wird die Freyheit ſeines Geiſtes durch das Gefuͤhl der Heiligkeit des Gegenſtandes gleich⸗ ſam gebunden. Daher ſo manche lokale Prieſterſage

118) Beyſp. I. 5. wo die verſchiedenen Sagen nackt dar⸗ gelegt werden. |

119) I. 20.

ente Abſchnitt. 103

in dieſer Hiſtorie. Beſonders uͤbt ein religioͤſer Wun⸗ derglaube eine ſichtbare Gewalt uͤber ihn aus, und hindert die tiefere Forſchung, die er in andern Faͤllen nicht ohne Glück verſucht haben würde ).

Allein unzaͤhlige Mal erſcheint er dagegen in einem freyern Verhaͤltniß zur Tradition. Schon erweckt die Genauigkeit, wenn er ſagt, er erzähle etwas nur bloß aus der Sage ), ein gutes Vorurtheil für feinen hiſtoriſchen Sinn. Dieſer aͤußert ſich auch in der Sitte, die Quellen ſeiner Nachrichten anzugeben. Die Aegyptiſche Hiſtorie, welche uͤbrigens ſo manche Spu— ren ſeiner religioͤſen Abhaͤngigkeit enthält, kann dafür Beweiſe liefern. Man verkenne wenigſtens die Sorg— falt nicht, womit er hier die verſchiedenen Ausſagen der Prieſter zu Memphis, Thebe, Heliopolis ) zu vergleichen ſich bemuͤht. Hierher gehoͤret unter andern die Unterſuchung uͤber das Alter der Verehrung des Herakles 5). Wenn Herodotos dieſe Frage durch Erkundigung bey den Prieſtern verſchiedener Tempel, deren Angaben er feiner Prüfung unterwirft, zu ents ſcheiden ſucht, ſo erkennen wir eben ſowohl die loͤbli⸗ chen Bemuͤhungen der aufkeimenden Kritik, als ihre

120) IV. 14 Jg. Die wunderbare Geſchichte des Ariſteas von Prokonneſos erzaͤhlt er hier den enen ge⸗ treulich nach. 121) I. 87. I. 214. IV. g6.

122) II. 3. Nai öy Mal & Oyßas re Nai & HN AUTEWV TETELWV EIVEHEV Ergamompy, EIeAmV zidsvaı, &i oupßycovraı ,, Ad’yoscı rocı &v MenQu

123) IL 44.

104 Zweyter Abſchnitt.

Abhängigkeit von der Religion, ſobald fie ſich einen feſtern Boden ſuchte, als der bloße Mythos hatte. Auf gleiche Weiſe ſuchte auch Herodotos mit groͤßeſter Sorgfalt die Denkmaͤhler in den Tempeln fuͤr ſeine Hi— ſtorie zu ſicherer Beglaubigung zu benutzen. Deßwegen iſt es ihm Gegenſtand einer beſondern Unterſuchung, welcher Auslaͤnder die erſten Weihgeſchenke nach Delphi geſtiftet habe 24). So betrachtet, erhält auch die ſonſt auffallende Ausfuͤhrlichkeit ſeiner Beſchreibung

der Weihgeſchenke der Koͤnige Kroͤſos und Amaſis an

die Griechiſchen Orakel 2s) eine wuͤrdige Bedeutung. An dieſen und aͤhnlichen Denkmahlen mußte ſich die jugendliche Hiſtorie aufrichten. Wenn ſie bey dieſen

Bemuͤhungen feſtern Schrittes fortzugehen mitunter

ausgleitete, ſo war dieß eine ſehr natuͤrliche Folge der Schwierigkeit ſolcher erſten Verſuche. Dieſe Ungeuͤbt; heit im hiſtoriſchen Gebrauche der Denkmaͤhler vers

raͤth Herodotos, wenn er zu gutmuͤthig jede Erklaͤ⸗

rung ergreift, welche die Lokalſage von denſelben aufſtellt, anſtatt mit kritiſchem Fleiße ihrer Entſte⸗

hung nachzuforſchen 5). Immer zeigt es aber

doch ſchon eine entſchiedene Richtung zu einem mehr hiſtoriſchen Verfahren, wenn er, wo die Menge der widerſprechendſten Sagen uͤber ein Faktum den Blick des Forſchers verwirren konnte, auf das Daſeyn eines Denkmahls ſein Urtheil gruͤn⸗

124) I. 14. 125) L 50, 32, 92. II. 44.

126) Beyſp. I. 24. die Epifode von Arion. II. 18. die wunderbare Geſchichte der Koͤnigin Ladike.

\

Zweyter Abſchnitt. 105

det 7). Die Begebenheit, welche in der hier unten angeführten Stelle in Frage kam, war gewiß in man⸗ cher Heraklee beſungen worden.

Wenn er ſich alſo hier mit Freyheit uͤber die ver⸗ ſchiedenen Sagen erhebt, beweiſet er zugleich eine löbs liche Unabhaͤngigkeit von der Auckorität der Dichter, welche letztere in der Logographie fo mächtig herrſchte. Daß der Glanz, welcher den Poeten umgab, ſein Auge nicht blendete, wird durch ſein Verhaͤltniß zu Homeros ſichtbar, von deſſen Ausſagen er fein Urtheil felbfts ſtaͤndig zu trennen wagt 28). Ueberhaupt erkennt man in der verdoppelten Vorſicht, und in der groͤßern Enthaltſamkeit ſeiner Entſcheidung bey Nachrichten aus einem hohen Alterthume, einen Forſcher, der die groͤßeren Schwierigkeiten, die ſich hier aufdringen, wenigſtens fuͤhlet, wenn er ſich gleich nicht Rechenſchaft davon geben konnte. Hierdurch unterſcheidet er ſich ſehr zu ſeinem Vortheile von dem ſpaͤtern Diodoros, an den die Nachwelt doch ſtrengere Forderungen zu machen berechtigt waͤre. Letzterer wandelt keck, auf den Grundſatz eines uͤbelverſtandenen Pragmatismus fußend, über den unſicheren Boden des Aegyptiſchen Alterthums. Herodotos, wenn gleich oft durch die taͤuſchenden Berichte einer ſchlauen Prieſterkaſte irre

127) Ein Beyſpiel liefert ſein Verfahren bey der Abwei⸗ chung der Skythiſchen und Griechiſchen Sagen uͤber die Skythen, die Wanderung des ee zu ihnen ꝛc. IV. 7— 11, 12.

128) II. 120. wo er die Meinung zu begründen ſucht: Helena ſey niemals nach Troja gekommen.

00. Zwenter Abſchnitt.

‚geführt, ſchreitet hier mit behutſamerem Schritte fort. Gleiche Vorſicht leitet ihn in dem Dunkel uralter eins heimiſcher Sagen. Ein Beyſpiel kann hier die Erzahs lung von der Einführung der Schrift 29) in Hellas ſeyn. Bey der Frage, ob die Griechen vor Kadmos keine Buchſtabenſchrift hatten, bedient er ſich des bes ſcheidenen ws £uor Öoxsew. Er ſcheint hier gleich ſam uͤber ſich ſelbſt zu wachen, um ſich nicht durch einen zu dreiſten Schritt der Gefahr eines Falles auszuſetzen. So verbeſſert er ſich, da er eben den Minos von Knoſ⸗ ſos als den erſten Seebeherrſcher genannt hat ), ſelbſt durch den bedaͤchtigen Zuſatz var el dy rig aAAa mooTEpog TOUTB ie vie Salacayg. Mythographen nennet Strabon die erſten Hiſtoriker, in ſo fern ſie mehr geneigt waren, durch Fortpflanzung des Wunderbaren in dem Mythos dem Geſchmacke des Volkes zu froͤhnen, als die faktiſche Wahrheit von der Erſtaunen erregenden Huͤlle zu ents kleiden. Herodotos darf nicht Mythograph in dieſem Sinne heißen, da er ein ſo ernſtliches Beſtreben zeiget, den hiſtoriſchen Grund einer wundervollen Sage aus; zuſpaͤhen 151). Kann doch ſelbſt die ihn fo gewal⸗ tig despotiſirende religioͤſe Scheu ſeinen Zweifelgeiſt nicht immer niederdruͤcken 52). So erklärt er ein

129) V. 58.

130) III. 22

131) I. 57. Der Verſuch einer natürlichen Erttärung von einer Dodonaifhen Sage.

132) I. 182. Er bezweifelt den nächtlichen Tempelbeſuch des Gottes zu Babylon. 5

Zweyter Abſchnitt. 107

nordiſches Maͤhrchen für die Folge eines Schamanen⸗ betruges 55). In dieſen und ähnlichen Faͤllen mochte wohl die auf Reiſen erworbene große Welt erfahrung ſeiner Kritik zu Huͤlfe kommen.

Dieß fuͤhrt uns zu derjenigen Seite gelen Hiſtorie, wo die Trennung von der alten Logogras phie noch ſchaͤrfer wird, und wo er im eigentlichen Sinne im Beruf und nicht ſelten in der ganzen Wuͤrde des Hiſtorikers erſcheinet. Zur Unter- ſcheidung: Herodotos der Logograph von Hero⸗ dotos dem Hiſtoriker, gibt er ſelbſt in einer Stelle Veranlaſſung, die fein richtiges Gefühl in hiſtori— ſchen Unterſuchungen beurkunden kann. Er unter⸗ ſcheidet beſtimmt, was er aus eigner Anſchauung 34) oder muͤndlicher Erkundigung vortraͤgt, von ſeiner Meinung daruͤber, und von der bloßen Sage. Das ganze Werk liefert Beweiſe, daß dieſe Bemerkung nicht etwa ein plotzlich wieder verſchwindender Lichts ſtrahl war, ſondern eine ſehr wohlthaͤtige Erleuchtung, welche ihn faſt immer auf ſeinem Pfade begleitete. In ſehr verſchiedenen Parthien ſeiner Hiſtorie finden wir Spuren, daß jene Unterſcheidung auf ſein ganzes Forſchen Einfluß hatte. Haͤufig, beſonders wo der Inhalt des Erzaͤhlten eine größere Beglaubigung fors dert, bemerkt er, daß er etwas aus muͤndlicher Erkun⸗

133) IV. 10g. 134) II. 99. 135) II. 32. Die Berufung auf die Auetorität der Kyre⸗ naͤer in den Nachrichten von dem innern Afrika. Vergl. I. 191. in der Babyloniſchen Geſchichte.

106 zweyter Abſchnitt.

digung wiſſe. Die Stellen, wo er getreulich meldet, daß er aus bloßer Sage rede, wurden oben angefuͤhrt. Den hoͤchſten Grad der hiſtoriſchen Gewißheit bezeich⸗ net er dagegen oft 55) eben fo beſtimmt; und mit derſelben Sorgfalt, womit er ſeine eigne Meinung vom Faktum unterſcheidet, ſondert er fremde Vor— ſtellung von dem ſicherern Datum ab 57). | Beſonders iſt der große Gewinn, welchen er aus ſeiner großen Voͤlkerkenntniß für die hiſtoriſche Kritik ſchoͤpfte, unverkennbar. Jene ſetzt ihn z. B. in den Stand, die Grundloſigkeit mancher Griechiſchen Sage mit Sicherheit darzuthun 58) oder ſich uͤber die bey einem Volke einheimiſche Tradition zu erheben 59). Deſto auffallender iſt es, daß er in der Hiſtorie der Perſer einer offenbar aus Griechiſcher Unkunde des Orients gefloſſenen Sage folgt “). Hier führte ihn

136) Ein Beyſp. I. 140.

137) II. 122. Genaue Unterſcheidung des faktiſchen Da⸗ ſeyns einer Sitte von der Wahrheit oder Unwahrheit des vorgegebenen Grundes derſelben.

138) II. 45. III. 2.

139) I. 172. Kritik der Ausſage der Karier über ihre Abkunft. Vergl. V. 57. III. 16. zu Ende. Verwer⸗ fung der Aegyptiſchen Sage von des Königs Amaſis Verfuͤgung uͤber ſeinen Leichnam, weil ſie der Denkart der Aegyptier widerſpreche.

140) III. go. Die Berathſchlagungen der Verſchwornen über die zu waͤhlende Staatsverfaſſung. Vergl. Heeren Ideen 2. Th. S. 370 ff. Der hiſtoriſche Beweis, den der Geſchichtſchreiber VI. 43. für feine Erzahlung ans

Zweyter Abſchnitt. 109

aber wohl die ſich darbietende Gelegenheit irre, politis ſche Betrachtungen einzuweben, welche jederzeit und beſonders jetzt fuͤr die Griechen ein großes Intereſſe hatten. Die Gewalt politiſcher und insbeſondere reli⸗ gidfer Meinungen über feine Hiſtorie wird unten naͤ⸗ her entwickelt werden.

Wenn er dagegen hin und wieder das Beſtreben zeiget, die Ereigniſſe der hellern Geſchichte durch Ders weiſung auf ein ſie beglaubigendes Denkmahl gleichſam urkundlich fuͤr die Zukunft zu ſichern ), oder den Erfolg einer Begebenheit zum Maßſtabe ihrer ins nern Wahrſcheinlichkeit macht 42), fo naͤhert er ſich ſogar der gebildeteren Kritik, und erinnert einiger⸗ maßen an die ſtrengere Forſchung ſeines Nachfolgers Thukydides.

85 Auf gleiche Weiſe offenbart ſich eine eben ſo große Vielſeitigkeit als Feinheit ſeines kritiſchen Geiſtes, wenn er aus innern Gründen die Kypriſchen Gedichte dem

fuͤhrt, iſt zu ihrer Beglaubigung bey weitem nicht hin⸗ reichend. Die Wahrheit dieſer Berathſchlagungen 5 wurde ſchon damals in Griechenland hin und wieder in Zweifel gezogen, wie Herodotos ſelbſt geſtehet. Den Perſiſchen Hiſtorien dieſes Geſchichtſchreibers machten daher auch vorzuͤglich Griechiſche Geſchichts— forſcher den Vorwurf der Unzuverlaͤſſigkeit. Siehe Fa-

bric. Bibl. Gr. II. Pag. 33 2. und daſelbſt Diogenes Laert.

141) Ein Beyſp. VI. 14. aus dem Joniſchen 17 8 1420 II. 45.

110 Zweyter Abſchnitt.

Homeros abſpricht, und ſich eben dadurch veranlaßt

fuͤhlt, zu zweifeln, daß dieſer Dichter Urheber der Epigonen fen 14%),

Nirgends erſcheint aber die kritiſche Fahigkeit des Herodotos in einem vortheilhaftern Lichte, als in den Unterſuchungen uͤber Erd- und Voͤlkerkunde. Nirgends iſt er ſchwerer zu befriedigen. Zum Beweiſe, daß die Makedonier Griechen ſeyen, gnuͤgt ihm nicht die eigne Sage dieſes Volkes, ſondern er bringt auch Gründe aus hiſtoriſchen Thatſachen bey 44).

In denjenigen Theilen ſeines Werks, worin er die Merkwuͤrdigkeiten fremder Laͤnder beſchreibt, iſt es zwar nicht zu verkennen, wie er bey dem Wunderbaren mit einer gewiſſen Liebe verweilet 45); wollte man aber daraus nun auf eine durchgaͤngige Herrſchaft der dichtenden Phantaſie uͤber den abwaͤgenden Verſtand des Hiſtorikers ſchließen, und ſomit die Treue feis ner Angaben verdaͤchtig machen, ſo wuͤrde man ſich der Gefahr zu irren um ſo mehr ausſetzen, da ſorgfaͤltige Unterſuchungen an Ort und Stelle hier oft den ſchein⸗ barſten Verdacht beſchaͤmen ). Doch es iſt um fo

143) II. 117. IV. 32. wenn die letztere Stelle nicht eine fpätere Interpolation iſt. Vergl. hierüber Wolf Prolegom. ad Homer. Pag. LVII. Not.

144) V. 22. K

145) Ein Beyſp. liefert II. 148.

146) II. 149. Bey der Beſtimmung des Umfangs des Gees Moͤris Außern Valkenaer und Weſſeling a. h. I.:

eee Abſchnitt. 111

weniger noͤthig, hier zu verweilen, da die Nachrichten des Herodotos aus entfernten Weltgegenden durch jede neue Reiſebeſchreibung neue Beftärigungen erhalten, wodurch das Zutrauen zu der geographiſchen Genauig⸗ keit deſſelben in demſelben Maße gewachſen iſt, als die Erdkunde der neuern an Umfang wuchs. Wenn alſo im Alterthume kuͤhne Ignoranz die Unwahrheit der Herodotiſchen Hiſtorie uͤberhaupt zu beweiſen ver— ſuchte 47), oder in neuern Zeiten die Eingefchränfts heit der geographiſchen Kenntniſſe manche Angriffe, insbeſondere gegen dieſe Theile derſelben hervorbrachte; ſo koͤnnen dieſe eben ſo wenig, als die meiſten Verſuche von Vertheidigungen, weiter Aufmerkſamkeit verdienen, da die Erdkunde des erſten Hiſtorikers nunmehr weit gruͤndlicher gerechtfertigt erſcheint.

Fiaſſen wir die verſchiedenen Theile dieſer Hiſtorie unter eine Betrachtung zuſammen, ſo erſcheinet ſie im Ganzen auf einer Mittelſtufe zwiſchen Logographie und beglaubigter Geſchich— te. Denn wenn auch in demjenigen, was aus eigner Anſicht oder muͤndlicher Erkundigung erzaͤhlt wird,

Herodotos übertreibe zuweilen in der Angabe von Zah⸗ len. Jetzt gibt Gilbert in feinem Memoire uber dieſen See eine Erklaͤrung, wodurch Herodotos gerechtfertigt wird. ſ. Larcher Histoire d' Herodote Tom. U. Pag. 507.

247) Man hatte eine Schrift von einem NHarpofration megı T d ον j, “Hoodors TV ov. Suid.

8. v. Agronga ric.

15

112 | Zweyter usfgnitt

die Schuͤrfe und Sorgfalt der ute Verwun⸗

derung erregt, ſo vermiſſet man in dem Uebrigen das

urtheil entweder gänzlich, oder es erſcheinet noch häufig

abhängig von der allgemeinen Herrſchaft des Mythos.

Denn wie allenthalben, fo auch in dem Bildungs

gange der Griechiſchen Kritik beobachtete die Natur die Stätigfeit ihrer Geſetze.

Dritter

8 6 113

Dritter Abſchnitt.

Die Anordnung des hiſtoriſchen Stoffs ſtehet mit der Anſicht und dem Urtheile des Geſchichtſchreibers in der innigſten Verbindung. Wir faſſen daher auch in dieſer Abhandlung billig beydes zuſammen.

Dionyſios von Halikarnaſſos verſichert, die älter, ſten Geſchichtſchreiber haͤtten ſaͤmmtlich ihre Hiſtorie nicht zu verbinden gewußt, ſondern die Begebenheiten Eines Volks oder Einer Stadt abgeſondert vorgetragen: dagegen Herodotos habe zuerſt der Geſchichtſchreibung eine hoͤhere Wuͤrde gegeben, und zuerſt eine große Menge der verſchiedenſten Thaten, die in Europa und Aſien geſchehen, in einem großen Ganzen zuſammen⸗ ee As

1) De Thucyd. Iudic. VIII. g19 Iq. o he (von den Logographen) Tag EAAyvinas avaypaDovrss igopıas, o de rag Bapßapınag, N avras. de rabrag 8 guvamrovrss aAAydaıs, G nar’ E97, Xaı HAT moAsis Ölaıgsvres, , Xwors aAAyAıwv EnDepovrss oo. Akınapvaoasus "Hoodoros Tyv TE moRyparınyv mooaıgsoıy &mı TO α,νjẽν. Eöyveyas, nal Aapmoors- oo, rs. molsug pas, re & Os Evos Kopıav x- gAopsvog avarypanyaı, moAlas de nat dia ogg rharelg E re rs Evpwrys, &r TE 1e, Aciag, 8g pay Re οννν moaymarsıag DH %. 1. A.

9

114 Dritter Abſchnitt.

Wir wollen dieſe Ausſage mit dem alten Griechi⸗ ſchen Epos und der Logographie vergleichen, um, wo moͤglich, eine Ueberſicht der Anordnung der mythiſchen Geſchichten bis auf Herodotos zu bekommen.

Wenn man in der Vorzeit der Griechen die Tha— ten der Herden in feſtlichen Verſammlungen pries, ſo war man dazu wohl nicht minder durch das Beduͤrfniß, die wichtigſten Ereigniſſe im Gedaͤchtniß zu befeſtigen, als durch die freye Bewunderung der preiswuͤrdigen Thaten veranlaßt. Die Sorge, das Denkwuͤrdige der Vergeſſen— heit zu entreißen, mochte in dieſer ungebildeten Heldenſa— ge eben fo ſichtbar ſeyn, als die feſtliche Spielluſt. Man war daher vorzüglich bemüht, einerſeits die Vorfahren des Heroen, vorzüglich die beruͤhmtern, genau aufzu— zaͤhlen, und andrerſeits ſeine goͤttliche Abkunft mit den Umftänden feiner Geburt darzuſtellen. So hatte alſo das aͤlteſte Heldenlied feiner Entſtehung nach noth—

wendig eine hiſtoriſch genealogiſche Richtung.

Dieſe Geſchlechtsfolge ging nun von der Heroen—

welt durch die ganze, ihr analog gedichtete Goͤtterwelt

bis zur Kosmogonie hinauf, und der Preis der Goͤtter— that, die Titanomachie, und Gigantomachie, ſchloß ſich eben ſo nahe an die Geburt der Götter an, als die Geburt des Heros an die geprieſene Handlung deſ— ſelben. | | |

So ſchritt das Epos ohne Zweifel durch manche Bildungsſtufe fort bis zu der Höhe, auf welcher die

Homeriſchen Geſaͤnge erſcheinen. Dieſe zeigen in

ihrem Streben eine eben ſo vollkommne Freyheit, als

in ihrer Darſtellung Ebenmaß und Geſtaltung. Aus dem Mythenkreiſe von Troja ſtellet ein Theil derſelben

Dritter Abſchnitt. 116

die Thaten der Helden in den Kaͤmpfen um dieſe Stadt, ein anderer Theil den Kampf mit Widerwaͤrtigkeiten auf der Ruͤckkehr dar.

In beyden Gattungen des Homeriſchen Epos ſtel⸗ let zwar der Saͤnger die hiſtoriſche Meldung haͤufig als den einzigen Zweck ſeines Geſanges vor, aber in der That iſt der letztere frey von allen zwecken, und ſolche Aeußerungen verrathen bloß einen Saͤnger, der ſich der eignen Kunſtfreyheit noch nicht bewußt iſt. Mit freyer Wahl ergreift der Geſang die zu preiſende Heldenthat, und in der Art, wie er ſie erſcheinen laßt, offenbart ſich durchaus nur das ideelle Spiel des dichtenden Kuͤnſtlers. Nicht in den Anfangspunkt nach der Zeit⸗ folge, ſondern in den Mittelpunkt der erſcheinen- den Handlung ſieht ſich hier der betrachtende Geiſt vers ſetzt, und die Befriedigung deſſelben im Anſchauen der vollendeten That, oder des erreichten Zieles iſt der Endpunkt des Geſanges, welcher letztere durch Ver— ſchweigung der nachfolgenden Begebenheiten eine un— endliche Ausſicht laͤſſet, aber mit gleicher Freyheit eine neue Handlung zu gleicher Befriedigung des che den Geiſtes darſtellt.

Ruhe aber iſt eine eben ſo entſchiedene Eigenschaft jener Geſaͤnge, als jene ideelle Freyheit der Darſtel— lung. Keine Handlung wird mit draͤngender Eile zu ihrem Endpunkte hingetrieben, ſondern jedes Moment derſelben wird mit der ruhigſten Gemuͤthlichkeit entfal⸗ tet. Jede Erſcheinung, die hier vorüber geht, erhaͤlt durch eine erlaͤuternde Epiſode ihre volle Klarheit, ja jedes Element der Erzaͤhlung, jedes Hauptwort hat

H 2

116 Dritter Abſchnitt.

an dem ihm beygefuͤgten Epitheton ſeine erlaͤuternde Epiſode ).

Das jugendliche Gemuͤth dieſer Saͤnger, durch die Erſcheinungen einer hellen Umgebung ganz befrie— digt, verräth in dieſem beffändigen Umſehen und Mit— nehmen einen Hang, die ganze Welt jener Erſcheinun⸗ gen in dem Heldengefange mit zu umfaffen, Die bes wundernswerthe Heldenthat iſt gleichſam nur Veran— laſſung, die Fuͤlle der eingeſammelten Eindruͤcke dars zulegen. Das dichtende Vermoͤgen bedurfte der anre— genden Kraft des Wunderbaren, um ſich der eignen bewußt zu werden, und ſich in ſchoͤnen Schoͤpfungen überhaupt zu äußern, |

Dieſe Regſamkeit der dichtenden Phantaſie hat aber nichts gemein mit den Forderungen des forſchen— den Verſtandes. Bey der vollen Befriedigung, welche die ſinnliche Schönheit in den Homeriſchen Geſaͤngen der Anſchauung gewaͤhrt, bleibt dieſer groͤßtentheils unbefriedigt. Denn wenn gleich die Heldenthat in dieſer Poeſie das Schauſpiel freyer Menſchenkraft dar— ſtellt, ſo erſcheint doch alles, was hier geſchiehet, durchaus zufällig. Was der Held in dieſen Ariſtien thut, was er in der Odyſſee leidet, dieſes ſowohl, als die Dazwiſchenkunft der Goͤtter, im Zuſammenhange betrachtet, iſt eine Reihe von Wirkungen des Zufalls. Jetzt tritt dieſer Held auf, unternimmt und verrichtet die That wie durch den Drang ſeiner uͤberſtroͤmenden Kraft, dann jener und fo fort, wie der Zufall jes den auf die Höhe des Ruhms führt, und eben fo zus

2) Schlegel Geſch. der Gr. u. Rom, Poeſie. S. rar.

Dritter Abſchnitt. 117

fällig ſcheint der Geſang bald mit dieſer bald mit jener That zu ſpielen. Es iſt hier alſo nichts von ge—

ſchloſſener Einheit, fondern das Ganze gibt den Eindruck des Unbegrän sten,

Dagegen waren doch auch ſchon die Homerifchen Menſchen auf die feſte Verknuͤpfung von Urſa— chen und Wirkungen in den Erſcheinungen der Sinnenwelt aufmerkſam geworden, beſonders in ſo fern ſie jene mit ihren Wuͤnſchen im Widerſpruche fan— den. Ein ſchmerzlicher Todesfall, und aͤhnliche unver— hoffte Ereigniſſe erinnerten ernſthaft an die Nothwen— digkeit des ewigen Naturganges. So bildete ſich die Vorſtellung von einem Schickſale, dem ſelbſt die

Goͤtter unterworfen waͤren. Dieſe Idee konnte indeſ— ſen von auffallenden Inkonſequenzen nicht frey bleiben, weil man theils gewohnt war die Wirkungen der Natur— geſetze als freye Handlungen der Goͤtter zu betrachten, theils im Kriege den Einfluß menſchlicher Vorſicht oder Tollkuͤhnheit auf die Erhaltung oder den Verluſt des Lebens wahrnahm 3). Daher denn das Schickſal bald mit ſich ſelbſt im Widerſpruche erſcheinet, bald in einer, menſchlichen Rathſchlaͤgen leicht nachgebenden Ohnmacht. Eine Verirrung, die in dieſer Zeit kindi— ſcher Unreife weniger auffallen kann, da die gebildes tere Vernunft der nachfolgenden Zeitalter ſie nicht ganz 5 zu vermeiden vermochte. Das Streben bey dem oft verwirrenden Schauſpiele menſchlicher Handlungen und

3) Heyne ad Homer. Tom. V. Pag. 267. Her- mann de tragica et epica poësi ad calc. Aristotel. de Poëtic. Pag. 265.

is Dritter Abſchultt.

Begebenheiten, einen letzten Erklaͤrungsgrund aufzu— ſuchen, offenbaret ſich nicht minder in dem griechiſchen

Mythos, ſo auch in den Homeriſchen Poeſien durch

die, wenn gleich leiſe, doch nicht zu verkennende Ans deutung einer ſittlichen Harmonie 4), oder einer uͤberſinnlichen Austheilung der Schickſale nach der Wuͤrdigkeit. Außer dieſer Hinneigung zu einer innern Einheit bezogen ſich dieſe Poeme ſaͤmmt— lich auf Einen Mythenkreis. Nimmt man nun noch hinzu, daß ſie nicht bloß von Einer Saͤngerſchule und in Einem Geiſte, ſondern einem großen Theile nach vielleicht auch von Einem Meiſter gedichtet ſeyn mochten, daß Ein Held in jeder Klaſſe derſelben ſichtbar hervor— trat, daß ſie urſpruͤnglich von den Dichtern ſelbſt, oder den Rhapſoden in einer beſtimmten Folge geſungen wurden: ſo begreift man, wie wenig jene große Einheit, zu welcher fpäterhin verftändige Kuͤnſtler, den Forderungen eines gebildeten Zeitalters gemaͤß, ſie zuſammenordneten, ihrem Geiſte fremd war. Indem die Heſiodiſche Poeſie ihrem einen Theile nach Goͤtterzeugungen und Goͤtterkaͤmpfe beſang, war die genealogiſche Form ſchon durch die Ras tur des Gegenſtandes gegeben. Und wenn ſich auch gleich die dichtende Phantaſie in der Darſtellung dieſer großen Goͤtterwelt mit ſichtbarer Freyheit aͤußert, wenn auch vielleicht nicht derſelbe Poet den Geſang durch die Folge der Götter und Heroengeſchlechter bis an die Graͤnze der hiſtoriſchen Zeit hinabfuͤhrte, ſo offenbart ſich doch in dem Ganzen ſchon eine innere Hin nei⸗

4) Schlegel Geſch. d. Gr. u. Röm. Poeſie S. 169.

Dritter Abſchnitt. 119

gung zu einer Anordnung nach der Zeit— folge. EL /

Dieſes letztere wird nun im Kyklos entſchie—⸗ dene Richtung. Wenn dieſe evifche Gattung jede im Mythos gegebene Reihe von Handlungen von ihrem aͤußerſten Anfangspunkte durch die ganze Folge ihrer Entwickelung vollſtaͤndig hindurch zu führen ſuchte, fo ward hier mehr ein Beſtreben, wodurch eine vollſtaͤndige und geord— nete Kenntniß hervorgebracht werden kann, als die zauberiſche Kraft der Dichtung ſichtbar, welche das Gemuͤth im Anſchauen freyer Schoͤpfungen befriedigt. Indem die Poeſie hier die Vielheit gegebener Handluns gen ſorgſam verkuͤndigte, hatte ſie ihr phantaſtiſches Spiel mit einem hiſtoriſchen Gefhäfte vers tauſcht, und das unintereſſirte Wohlgefallen mußte in demſelben Grade leiden, als die Erinnerung an das Beduͤrfniß des Wiſſens lebhafter geweckt wurde.

Die Einheit, welche die kykliſche Poeſie, wie im Einzelnen, ſo in ihrer Zuſammenordnung aufſtellte, war alſo nicht aus dem Schooße dichteriſcher Zülle mit Freyheit erzeugt, ſondern von außen empfans gen, wie der Zufall in der Folge der Begeben— heiten fie gab. Zufällig mußten aber alle Begebenhei— ten in dieſer kykliſchen Verknuͤpfung durchaus erſchei— nen, da die hier zum Grunde liegende Geſchlechtsfolge keine andere Einheit enthielt, als etwa einige Bezie— hungen auf das Schickſal, welche in manchem Mythos ohnehin lagen. Es bedarf wohl kaum einer Bemer⸗ kung, daß dieſer Geiſt der kykliſchen Poeſie überhaupt, und insbeſondere auch die in ihr ſichtbare hiſtori⸗

120 Dritter Abſchnitt.

ſche Anordnung ſich nur ſtufenwelſe, und zufolge

einer almähligen Abweichung von der Reinheit des

Epos befeſtigte. Anfaͤnglich mochte alſo wohl manches

Gedicht dieſer Art hervorgebracht werden, welches noch eine größere Gleichartigkeit mit der Homeriſchen Poeſie hatte. Dieſer Antheil an Homeriſcher Freyheit zeigte ſich ohne Zweifel auch in der Anordnung des mythiſchen Gegenſtandes. Aber in ſeiner Ausbildung ſtand das

kykliſche Epos eine weitere Entfernung von dem Home

riſchen ab.

Hierher gehoͤren die Stellen des Ariſtoteles, wo dieſer von dem Unterſchiede zwiſchen dem Weſen des Homeriſchen Epos und des Kyklos redet. Wenn er namentlich bemerkt, die hiſtoriſche Einheit ſey

die der Zeit °), ſo laͤßt ſich leicht ſchließen, wie

viel naͤher der Hiſtorie als der Poeſie er die kykliſche Dichtung in ihrer Anordnung der mythiſchen Bes gebenheiten verwandt glaubte. Denn der Poet in dem freyen Fluge ſeiner Phantaſie ſteht über allen Schrans ken der Zeit: nicht ihre Form, ſondern die Form des Ideals beſtimmt die Richtung ſeiner Bahn.

Selbſt die Einheit einer Perſon, welche manche

Produkte des ſpaͤtern Epos hatten, z. B. die Herakleen

und Theſeiden, war nach demſelben Kunſtrichter von

der epiſchen Einheit der Odyſſee weſentlich verſchieden, weil in jenen Gedichten durch die Einheit des Helden die Vielheit von Handlungen nicht ausgeſchloſſen

ward 6). Von der Natur jener kykliſchen Anordnung

5) Aristot. de arte Poetica Cap. XXIII. 1. 5. 6) Ebendaſelbſt Cap. VIII. 9. 2. 3.

2

Dritter Abſchnitt. 121

koͤnnen wir uns theils aus den Epitomen des Proklos, theils und vorzuͤglich aus der Nachbildung der kleinen Ilias in dem Poem des Kointsos eine anfchauliche Vor⸗ ſtellung bilden. Will man hier auch noch ſo viel auf Rechnung des ſpaͤtern Zeitalters ſetzen, ſo noͤthigt doch die oben angeführte Stelle des Ariſtoteles, und der Auszug des Proklos zu der Annahme, daß die ſtrenge Beobachtung der chronologiſchen Ordnung eben ſo getreu vom kykliſchen Urbilde entlehnt war, als die meiſten andern weſentlichen Zuͤge jenes Gedichts. Die Begebenheiten, welche es darſtellt, erfuͤllen einen Zeitraum von ohngefaͤhr vierzig Tagen. Acht und zwan— zig Tagwerke, womit der Dichter feine Helden beſchaͤf— tigt / bezeichnet er ſelbſt. Bald nach Hektors Beſtat— tung, womit die Ilias, die durch dieſes Gedicht er⸗ gaͤnzt werden ſoll, endigt, erſcheinet Pentheſilea mit den Amazonen: dieß iſt der erſte Tag, und fo in ou dentlicher Folge bis zur Abfahrt der Flotte, wo man den zoten Tag zaͤhlet, den der Poet nahmhaft macht 7). | |

Es wurde oben ſchon bemerkt, daß es Geiſt der Logographie in ihrem erſten Aufkeimen war, der Dichterſpur mit religioͤſer Genauigkeit zu folgen. Dies llaͤßt nichts anders vermuthen, als daß in den fruͤheſten Werken dieſer Art auch der Plan der getreulich epito— mirten Gedichte wieder erſchien.

7) Quinti Calabri Paralip. ab Homero. Die Bezeichnung des erſten Tags iſt: Lib. I. v. 117. "Haus de Joyaı Yws: des letzten, der angegeben wird, XIV. v. 228. A or ’Horysvsım Vergl. Tychsen de Quint. Smyrn. Pag. 18 leg.

122 Dritter Abſchnitt.

Diejenigen Schriften der Logographen, worin eins zelne Ortsgeſchichten und Stammhiſtorien vorge-

tragen wurden, kommen bey dieſer Unterſuchung über

den Charakter der fruͤheſten hiſtoriſchen Anordnung in keinen Betracht, weil der lokale Inhalt derſelben ihre Einrichtung unmittelbar beſtimmte, und waren auch

mehrere Ortsgeſchichten in einem ſolchen Werke vereis nigt, fo waren diefe, wie Dionyſios ausdrücklich ſagt, an dem Faden der e Ordnung aufgereihet.

f In Abſicht ſolcher Schriften, welche den gan— zen Mythenkreis umfaßten, waͤre es hingegen weiterer Forſchung werth, ob ſie nicht vielleicht in der

Kunſt der Anordnung einige Eigenthuͤmlichkeltz

zeigten, und welcher Art dieſe war. Bey dem Ver— Iufte dieſer fruͤhern hiſtoriſchen Produkte bleibt hier kaum feſter Grund zu Vermuthungen uͤbrig. Von den Hiſtorien des Pherekydes z. B. laͤſſet ſich zwar mit Wahrſcheinlichkeit annehmen, daß ſie an Umfang und Inhalt der Bibliothek des Apollodoros aͤhnlich waren 8), welche letztere groͤßtentheils ein Auszug der 9) von den Kyklikern vorgetragenen Mythen iſt. Da man indeſſen nicht einmal den Anfangs- und Ends punkt jener Hiſtorien mit Sicherheit angeben kann, ſo bleibt der individuelle Charakter ihrer Anlage voͤllig dunkel. Doch läßt der Geiſt der Logogra— phie kaum eine weſentliche Abweichung

80 84 l 0 ad Solinum Pag. 595, A. B. ed. Traj. ad Rben.

9) Heyne ad Apollodor, Pag. 936.

Dritter Abſchnitt. | 155

von der im Kyklos gewöhnlichen Mythen |

ordnung erwarten. Nach dieſer ſchloſſen ſich die Sagen von den Argiviſchen Begebenheiten an die Theogonie, Titanomachie, Gigantomachie an; es folgten, nach Einſchaltung der Mythen von Kekrops und andern Koloniſten, die Helleniſchen und zwar zu—

naͤchſt die Aeoliſchen bis auf die Argonautenfahrt.“ Hiermit hing zunaͤchſt zuſammen der Thebaniſche Krieg,

die Herakleen und Theſeiden, der Trojaniſche Krieg bis zur Heimfahrt der Griechen und ihrer Ankunft im Vaterlande, worauf dann die Ruͤckkehr der Hera— kliden das Ganze ſchloß. Daß in dieſer Anordnung

einige Aenderungen hin und wieder ſtatt finden moch—

ten, kann man zum Beyſpiel aus der Bibliothek des Apollodoros ſchließen, wo der Helleniſche Mythenkreis dem Argibiſchen vorausgeht.

Wie in der Mythenfolge, fo auch in der Eins

theilung der ganzen Sagengeſchichte, verrieth die Logographie ihre Abhaͤngigkeit von dem Kyklos. Als man jetzt die Mythen zur Verbreitung einer geordneten und vollſtaͤndigen Kenntniß des Alterthums nieder;

ſchrieb, mußte ſich bald die Bemerkung aufbringen

daß durch eine gehoͤrige Scheidung des mythiſchen Stoffs jene Kenntniß ſehr befördert werden wuͤrde. Woher ſollte man aber einen Scheidungsgrund herneh⸗ men, da man ſich in der kindiſchen Sorgloſigkeit der heroiſchen Vorwelt um Zeitrechnung nicht bekuͤmmert hatte? Hier war nichts anders uͤbrig, als den Faden aufzufaſſen, der durch den ganzen Kyklos hindurchlief, und ſelbſt im Heſiodiſchen Epos ſchon ſichtbar war. Die Geſchlechtsfolgen in der Goͤtter- und

**

124 Dritter Abſchnitt.

Heldenwelt, und die Stammfolgen im gans zen einheimiſchen Mythos wurden der Grund, worauf man bauete, und man rechnete nun in der ganzen Slagenhiſtorie nach Zeitaltern (Yeveat); eine Eins theilungsart, die bey dem eben bemerkten Mangel an einer beſtimmteren Chronologie die natuͤrlichſte war ). Freylich mochten auch wohl wenige Logographen, da ihre hiſtoriſche Vorbereitung faſt ganz von der Poeſie ausging, fuͤr ſtrengere Forderungen Sinn gehabt ha— ben; dieß zeigte ſich in ihrer chronologiſchen Behand- lung der helleren Zeitgeſchichte. So klagt Thukydi— des ) den Hellanikos an, daß er in feiner Atthis ein die Hegemonie von Hellas betreffendes, und in den Zeitraum zwiſchen dem Perſiſchen und dem Pelopon— neſiſchen Kriege gehoͤriges Faktum mit eben ſo weniger Vollſtaͤndigkeit als chronologiſcher Genauigkeit behans delt habe. Eine Anklage, die wohl eben ſo wenig fuͤr eine ruͤhmliche Auszeichnung jenes Logographen, wofuͤr ſein Vertheidiger ſie halten moͤchte, als fuͤr einen Be— weis der Tadelſucht dieſes Hiſtorikers gelten kann. Dionyſios von Miletos trug die ganze mythiſche Geſchichte in einer ordentlichen Folge vor, indem er den Inhalt der alten Poeſien und Logogra— phien in einen zuſammenhaͤngenden Auszug brachte e).

10) Heyne Comm. soc. Scient. Gotting. Pag. 129 132. *

11) Lib. I. 97.

12) Dio dor. Sic. Lib. III. Cap. 65. Cap. 66. Vol. J. Pag. 414. ed. Eichstädt Avuaıw Tw αον raraueνονο rag rt nuForoliagı 8Tos’yap Ta TE reg. rov Aıavvoov, au ras "Amalovas, Ei de Tag

Dritter Abſchnitt. 125

In fo weit hatte er wohl nicht mehr geleiſtet als Phe⸗ rekydes; wenn nun aber auch Ileooıra, va nera Aapsıov und ein xurAog isoprog von ihm angeführt, werden 15), fo ſieht man, daß er die nachfolgenden Begebenheiten bis zur Geſchichte ſeiner Zeit mit der mythiſchen Periode zuſammenkuuͤpfte, und er iſt in fo fern der erſte Schriftſteller einer allgemei- nen Hiſtorie.

Je wichtiger hier die Frage iſt: nach welch ih Plane in dieſem Werke die ganze Maſſe der mythi⸗ ſchen und hiſtoriſchen Begebenheiten geordnet war, deſto willkommener ift die Huͤlfe, die uns hier Diodo— ros leiſtet. Dieſer ſagt außer der eben angefuͤhrten Stelle im Sten Buche mehrmals, er folge dem Diony⸗ ſios 4), und im vierten Buche, wo er die Helleniſchen Mythen vortraͤgt, laͤſſet eine beträchtliche Anzahl von Stellen, die andere Schriftſteller anfuͤhren, keinen

"Apyovavras, za ra nara rov Dνẽ,j9e⁵ r MOON IEvTa, N mol ETEIK OUVTETAHTÄL, - gars. (Vergl. Heyne de fontibus Diodori Sic. in Vol. I. Pag. LXVII. ed. Diod. Bipont.) Ta MOIynara Twv apyamv TWmV TE Ba N TWV TOLYTWV. |

13) Eudociae Violar. in Villoison Anecdot. T. I. Pag. 128. Avovuoog MAνEE,-s igopınos auvegyus ra her Aagsıov &v Bıßkıoız mevrs’ mepıyyyow ol, vn lleooıxa lad dialen · Towizv li

pic u nurkov isopinov &v ji Emra.

14) 3. B. III. 52. Pag. 362. Vol. prim. ed. Eichstädt. Vergl. Heyne de fontibus Diodori Pag. LXX ſeq.

126 Dritter Ab ſchnitt.

®

zweifel, Ar hier derſelbe Logograph ſeine Haupt quelle war, auch ſagt er beſtimmt, daß er hier die | älteften Mythologen beuuge 5). Nun zeigt aber theils der Charakter dieſes ganzen vierten Buchs, theils die Art, wie Oiodoros überhaupt feine Quellen braucht, daß auch die Anordnung der Erzaͤhlung des erſte— ren in die Hiſtorie des letztern übergegangen iſt. Dem— nach ſind wir hierdurch in den Stand geſetzt, in den Plan der allgemeinen Geſchichte a, Logographen einen Blick zu thun.

Mit den Thaten des Dionyſos wird der Mythen; kreis der Helleniſchen Herden vom Geſchichtſchreiber durch die Bemerkung eroͤffnet, weil dieſer einer der aͤlteſten und wohlthaͤtigſten fen 6). Es folgt der Mythos vom Priapos, als dem Sohne des Dionyſos; und weil Hermaphroditos mit jenem Eine Mutter, die Aphrodite, hatte, wird auch ſeiner hier gedacht 7). Die Muſen erſcheinen nach dem Mythos in des Dionyſos Geſellſchaft: ſie werden ihm alſo auch in der Geſchichte zugeſellt 8).

13) IV. g. Pag. 450. ed. Eichstädt bey den Mythen vom Herakles am Schluſſe des Prooͤmium: AA Jae dies aurouv Tas moazeis am px anoAsIws TO KEXaLOTaToıs Twy ον,ðAuðP̃ TE 4 MvSoAoywv. Alles führe darauf, daß hier vorzuͤglich au Dionyſios gedacht werden muͤſſe.

16) IV. 1. Pag. 437. 17) IV. 6. Pag. 445 leg. 18) Cap. 7. Pag. 447.

Dritter Abſchultt. 127

Nun geht die Erzählung zum geprieſenſten Halb— gott, dem Herakles über, Hier wird vorerſt die Genea— logie deſſelben an die des Perſeus angeknuͤpft 9),

um zu beweiſen, daß erſterer von vaͤterlicher und muͤtterlicher Seite ein Abkoͤmmling des höchften Gottes war. Sodann folgt eine ausfuͤhrliche Darſtellung ſei— ner zwoͤlf Arbeiten und uͤbrigen Thaten. Unter den Auszeichnungen, die dieſem Heros zu Theil wurden, wird auch dieſe angefuͤhrt, daß ſeine Mutter Alkmene die letzte Sterbliche war, welche Zevs beſchlief. Die erſte (wird hierbey bemerkt) ſey die (Arglviſche) Niobe geweſen im ſechzehnten Men- ſchenalter vor Alkmene ?). Bey Gelegen- heit der Einweihung des Herakles in die Eleuſiniſchen Myſterien, denen damals Muſaͤos, der Sohn des Orpheus, vorſtand, wird die Geſchichte dieſes letz⸗ teren erzählt *). Das Schickſal des Meleagros wird ebenfalls epiſodiſch an die Geſchichte des Herakles angeknüpft, da dieſer des erſtern Schweſter Dejanira zum Weibe nahm 22). Auf die Apotheoſe des Hera⸗ kles folgt die Argonautenfahrt, weil dieſer da bey war 5). Erſt bey dem Angriffe auf das goldene Vlies wird die Geſchichte dieſes letztern, und dabey

*

19) Cap. 9. Pag. 55. 20) Cap. 14. Pag. 463. 21) Cap. 25. Pag. 481. 22) Cap. 35. Pag. 497. 23) Cap. 40. Pag. 506.

128 Dritter Abſchnitt.

das Schickſal des Phrixos erzähle 24). Die Begeben⸗ heiten des Jaſon und der Medea, und eine Unterſu— chung über den Weg der Argonauten auf ihrer Ruͤckkehr beſchließen dieſen Mythenkreis, an den ſich zunaͤchſt die Erzählung von den Thaten der Herakliden anſchließt 25). Nun folgt die Geſchichte des Theſeus, weil er ſich den Herakles zum Muſter nahm 26); die Erlegung des Minotaurus. Mit dem Mythos von dieſem letzteren wird eine Aufzählung der Koͤ— nige von Kreta bis auf Androgeus verbunden 27). Nach der Theſeide wird der Krieg der Sieben gegen Theben erzaͤhlt, auf welchen der Zug der Epigonen folgt 28). Den übrigen Theil des vierten Buchs füls let eine vermiſchte Erzaͤhlung Helleniſcher Mythen aus. In dieſer Anordnung iſt eine der kykliſchen Sagenfolge analog gebildete Verknuͤpfung der Begebenheiten nicht zu verkennen. Von Dionyſos als einem der aͤlteſten Halbgoͤtter geht die Erzähs lung aus. Herakles wird mit Perſeus genealogiſch verbunden, und der Zeitraum zwiſchen der Argiviſchen Niobe und Alkmene wird nach Men ſchenaltern beſtimmt. Hierin erkennen wir alfo den zurAoypaQas, wie die Alten den Dionyſios von Miletos nannten.

. Undes

24) Cap. 46. fin. 47. init. Pag. 517.

25) 92 57. Pag. 537- |

26) Cap. 59. Pag. 541.

27) Cap. 60. Pag. 545-

as) Cap. 64. Pag. 550. Cap. 67. Pag. 557-

Dritter Abſchnitt. 129

Unbefriedigt indeſſen durch die bloße Zeitfolge, verräth dieſer Logograph zugleich eln Streben nach eis nem andern Geſetz der Anordnung, dem der innern Gleichartigkeit des mythiſchen Stoffes. Drey Helden, Dionyſos, Herakles Theſeus, werden auf⸗ gefuͤhrt: und diejenigen merkwuͤrdigen Perſonen des Alterthums, welche mit ihnen entweder in wirklicher Beziehung erſcheinen, oder von welchen der Logograph eine gewiſſe Aehnlichkeit des Strebens bemerkt, wer den in der Erzählung mit ihnen verbunden.

Beſonders iſt die epiſodiſche Verknuͤpfung der Argonautenfahrt mit den Thaten des Herakles merk— wuͤrdig. In der Bibliothek des Apollodoros wird die Geſchichte des Phrixos und der Helle bey der Aufzaͤh⸗ lung des Geſchlechts des Aeolos, und die Argonauten— fahrt in der Hiſtorie des Jaſon, folglich in der kykli— ſchen genealogiſchen Folge der Begebenheiten ‚erzähle 9). Auf ähnliche Weiſe war fie vermuthlich in dem kykliſchen Gedicht Navrarrıza und in den Hiſtorien des Pherekydes vorgekommen. In dieſer epiſodiſchen Einfuͤhrung derſelben waren vielleicht mehrere Herafleen dem Dionyſtos vorangegangen, wie man dann uͤberhaupt wohl annehmen darf, daß die Wahl Eines Helden zum Gegenſtande eines Poems manche Epiſode veranlaßte, und die Kunſt einer etwas freyern Verknuͤpfung der mythiſchen Begebenheiten befoͤrderte.

29) Apollodor. Bibl. Pag. 40. Pag. 53 . J

*

130 Dritter Abſchnitt.

In der von Diodoros oder vielmehr von Diony⸗ ſios gewaͤhlten Ordnung konnte die Geſchichte der Argo— nautenfahrt nicht von ihrem eigentlichen his ſtoͤriſchen Anfangspunkte, nehmlich der Ge ſchichte des Phrixos ausgehen; dieſe muß deßwegen im Laufe der Erzaͤhlung von der u e des Jaſon epiſodiſch nachgeholt werden.

Auf die Thaten des Theſeus folgt unmittelbar der Krieg der Sieben gegen Theben. Der Grund die— ſer Verbindung iſt auf den erſten Blick nicht einleuch⸗ tend. Wenn man aber im Apollodoros und Andern lieſet, daß Theſeus an den Thebaniſchen Begebenheiten wirklich thaͤtigen Antheil nahm 3°), fo iſt der Vers knuͤpfungsgrund nicht zu verkennen.

Dieſe Betrachtungen koͤnnen hinreichen, um zu beweiſen, daß die Logographie auf dieſer Stufe durch die empfangene Einheit nicht mehr befriedigt war, ſondern einer andern, aus ſich ſelbſt hervorgebrachten Anordnung nachſtrebte. Der menſchliche Geiſt, der ſich gegen dieſe Zeit im Kleinaſiatiſchen Griechenlande durch ſo manchen Verſuch ſeiner Freyheit bewußt wor— den war, wollte ſich nicht fernerhin das Geſetz, nach welchem er die Ereigniſſe der Vorwelt betrachten ſollte, vom Zufalle diktiren laſſen: der Forſcher wollte mit eignen Augen das Alterthum an— ſchauen; dazu war aber weſentliche Bedingung, daß er ſich den Zuſammenhang, worin der Mythos und die mythiſche Poeſie die Begebenheiten deſſelben übers

30) Apollodor. I. Pag. 214. cf. Heyne ad h. l. Pag. 637. | RT

Dritter Abſchnitt. 131

lieferte, aufloͤſen und an deſſen Stelle eine andere, aus freyer Anſicht hervorgegangene Ders knuͤpfungsart ſetzen durfte.

Keinesweges war aber mit dieſer Abweichung von der genealogiſchen Sagenordnung nun auch ſchon die formelle Einheit einer Hiſtorie erreicht. Der oben mitgetheilte Entwurf laͤßt im Gegentheil mit hoher Wahrſcheinlichkeit vermuthen, daß das Ganze von der alten, mehr genealogiſchen und folgs lich zufälligen Anordnung durchwachſen war, und was wir alſo vom Gegentheile darin bemerken, muß mehr fuͤr ein Zeichen gelten, daß der forſchende Verſtand ſich zur Aufſuchung einer hoͤheren Einheit berufen fuͤhlte, als daß er ſie ſelbſt ſchon mit Gluͤck hervorzubringen vermochte. Auch wuͤrde im entgegens geſetzten Falle Dionyſios von Halikarnaſſos, dem es doch in der That nicht an Sinn fuͤr hiſtoriſche Kunſt fehlte, nicht ſo beſtimmt den Herodotos als den erſten Kuͤnſtler in dieſer Hinſicht nennen 5).

Jenes Bemuͤhen der erwachten Vernunft, ihre Geſetze in der Hiſtorie geltend zu machen, aͤußert ſich nicht minder in einem andern Charakterzug des Mileſiers

31) Indeſſen iſt es mir immer auffallend geweſen, daß er nirgends, wo er von den erſten Verſuchen in der Ge— ſchichtſchreibung ſpricht, und namentlich in der oben angeführten Stelle, in welcher er doch ausdruͤcklich von der hiſtoriſchen Anordnung redet, des Mileſiers Dionyſios auch nur mit einem Worte erwaͤhnt. Glaubte er etwa, daß dieſer unkritiſche Pragmatiker dem Namen Diony- ſios in der Hiſtorie keine Ehre mache?

J 2

132 Dritter Abſchnitt.

Dionyſios, den freylich die Kritik, wie wir oben ſahen / ſehr tadelhaft findet: in dem Streben, die mythiſche Geſchichte pragmatiſch zu behandeln.

Die Sage der Väter überlieferte das nackte Fak⸗ tum: um den Grund deſſelben war der forglofe Jugend— geiſt des Alterthums entweder unbekuͤmmert, oder wenn er darnach fragte, lag ihm die uͤberſinnliche Wunderwelt ſo nahe, daß jeder Verſuch einer Forſchung bald geendigt war. Die Poeſie, welche ihrer Natur nach das Unbeſchraͤnkte ſucht, bildete dieſe, von der Sage überlieferte Wunderwelt erſt zur ſchoͤnen Erſchei⸗ nung voͤllig aus, oder pflanzte ſie doch fort. Und ſo erſchien dann alles, was in der Vorzeit gethan oder gelitten worden war, groͤßtentheils als Eingebung und Rath der Götter. Die kykliſche Poeſie, und die bis herige Mythographie begnuͤgten ſich, dieſe ganze Reihe von Begebenheiten einzeln, wie ſie die Zeitfolge gab, wiederzugeben. Außer jenem uͤberſinnlichen Zuſammenhange, den die Sage und die Poeſie ſelbſt mitbrachten, wußten die erſten Logographen Feis nen Verbindungsgrund in ihnen aufzuſuchen. Folglich erſchien auch hier Alles als zufälliges unmoti— virtes Faktum ).

32) Dionys. Hal. Ind. de Thucyd. VI. Pag. g19. Cic. de Orat. II. 12. Hanc similitudinem scri- bendi multi secuti sunt, qui sine ullis ornamen- tis monumenta solum temporum, ho- minum, Jocorum, gestarmmque rerum reliquerunt. Itaque qualis apud Graecos Pherecydes, Hellanicus, Acusilaus

Dritter Abſchnikt. 133

Die fortgeſchrittene Geiſtesbildung der Griechen erzeugte vorerſt einen gewiſſen Widerftreit zwiſchen den Geſetzen des Verſtandes, und den Forderungen der Ein— heit ſuchenden Vernunft. Wenn jetzt, wie wir oben an dem Beyſpiele des Hekataͤos bemerkten, einzelne Forſcher in den einheimiſchen Mythen den poetiſchen Zuſammenhang mit der uͤberſinnlichen Welt hin und wieder in Zweifel zu ziehen wagten, erſchienen dieſe erſt recht auffallend in ihrer unbefriedigenden Zufaͤllig⸗ keit. Jemehr nun die Vernunft erſtarkte, deſto ent— ſchiedener mußte ſie dem blinden Zuzaͤhlen der einzelnen Begebenheiten widerſtreben. Einige richtige Einſicht in die Natur des vaterländifhen Mythos war aber dieſem Zeitalter gaͤnzlich fremd. War es deswegen zu verwundern, daß es ſich bey dem Aufſuchen des Zuſam— menhangs von den Gruͤnden und den Folgen der Ereig⸗ niſſe des Alterthums verirrte? |

Dieß widerfuhr namentlich dem Dionyſios. Bey einer groͤßern Regſamkeit der Phantaſie als Schaͤrfe des Forſchungsgeiſtes vergißt er in ſeiner pragmatiſchen

fuit aliique permulti, talis noster Cato et Pictor et Piso etc. Außer der Parallele, welche ſich aus diefer Stelle für die Entwickelung der Hiſtorie unter den Griechen und Roͤmern ziehen laͤſſet, erinnert eine andere Bemerkung des Cicero an die Gleichartigkeit: des Bildungsgangs in der Griechiſchen Philoſophie. So wenig die erſten Logographen die Fakten zu begruͤn⸗ den wußten, eben ſo wenig motivirten die Alteften Philoſophen ihre Lehrfäge. Cic. Tuse. Qu. I. ı7. Sed redeo ad antiquos: rationem illi sententiae suae non fere reddebant etc.

134 Dritter Abſchnitt.

Darſtellung die Eigenthuͤmlichkeit des Griechiſchen Alters thums gaͤnzlich. Dionyſos, Herakles und andere Herden ſind ihm eben ſo große Kriegeshelden, an der Spitze anſehnlicher Heere, als gebildete Wohlthaͤter der Voͤlker. Es iſt nicht zu verkennen, daß fie den vor; zuͤglichſten Muſtern nachgebildet find, welche ihm ent weder die Perſiſche Geſchichte ſeiner Zeit, oder die in dem Griechiſchen Heroenmythos hin und wieder durchs ſchimmernden Ideale des Morgenlandes darboten. Die imponirende Groͤße ſolcher, die Welt umfaſſenden Heldenthaten iſt wenigſtens nicht Griechiſch. Dieſe Einheit der heroiſchen Erſcheinungen iſt nur die Folge von einer orientaliſchen Einheit der Regierungsform. In den großen Monarchien Aſiens, wo ſich Alles in dem Mittelpunkte einer herrſchenden Horde, und zuletzt in dem Willen eines großen Despoten zuſammendraͤngt, waren ſolche Sagen von großen Weltuͤberwindungen einheimiſch. In dem Griechiſchen Mythos dagegen äußert ſich jene Getheiltheit der Stämme in einer gleich⸗ maͤßigern Verbreitung der Heldenkraft, und in einem daraus hervorgehenden Mittelmaß aller Erſcheinungen. Nicht die ungeheuere abenteuerliche Uebermacht, fon; dern das freye Spiel der friſchen Kraft iſt der Kern der Griechiſchen Heldenthat. Wenn die Herakleen von dieſem Bilde in manchen Zuͤgen abwichen, ſo war dieß vielleicht nur eine Folge, daß in dieſen Mythos fruͤh⸗ zeitig orientaliſcher Stoff uͤbergegangen war: ein ganz in Griechiſchem Sinne dargeſtellter Herakles muͤßte noch immer von jenem morgenländifchen Heldenideale ſehr verſchieden ſeyn, und der kritiſche Geiſt des Thu— kydides bewaͤhrt ſich unter andern auch dadurch, daß

Dritter Abſchnitt. 135

in ſeiner Ueberſicht des vaterlaͤndiſchen Alterthums alles Griechiſche in einer gewiſſen Duͤrftigkeit erſcheint.

Es darf aber auf der andern Seite hierbey nicht unbemerkt bleiben, daß dieſes Mittelmaß der Griechi⸗ ſchen Macht, und jene Getheiltheit der Staͤmme auf den Geiſt des Helleniſchen Volkes eine Wirkung hatte, welche in der gebildeten Hiſtorie ſehr heilſame Folgen aͤußerte. Bey dem Mangel jener Einheit im Staate war auch jene Einfoͤrmigkeit der Anſicht ausgeſchloſſen, die in den orientaliſchen Geſchichtsbuͤchern einen fo unfroͤhlichen Eindruck macht. Jeder Stamm bildete das empfangene Maß ſeiner Kraͤfte und Kenntniſſe mit Freyheit aus, und bearbeitete ſich auf ſeine Weiſe ſeine Sage. Dadurch ward in der geſammten Fuͤlle des Griechiſchen Mythos eine Vielſeitigkeit erhalten, welche für die größere Vollſtaͤndigkeit der morgenlaͤndiſchen Regentengeſchichten reichlich entſchaͤdigt.

So unkritiſch indeſſen das Verfahren war, mel ches ſich Dionyſios bey feinem Pragmatiſiren zu Schuls den kommen ließ, ſo bildete es doch eine nothwendige Mittelſtufe, welche die Hiſtorie der Griechen durchge⸗ hen mußte, wenn ſie zu einer geſetzmaͤßigern Form gelangen ſollte.

Herodotsoss eröffnet feine Hiſtorie mit einer Unterſuchung uͤber die erſte Veranlaſſung des Zwiſtes zwiſchen den Griechen und Barbaren, den er zu erzaͤh⸗ len unternommen hatte. „Er wolle, fuͤgt er hinzu, denjenigen angeben, der ſeiner Meinung nach zuerſt die Griechen beeinträchtigte, und ſodann zur weitern Erzaͤhlung fortſchreiten. Hierbey werde er die Ge⸗

RE 7 136 Dritter Abſchnitt.

ſchichten kleiner und großer Staͤdte berichten, weil Größe und Kleinheit, bey der Unſtaͤtigkeit menſchlicher Gluͤckſeligkeit, ſehr wandelbar ſeyen.“ 33) Bevor wir alſo die Helleniſchen Siege uͤber die Pers fer betrachten, ſoll uns das reiche Schaufpiel der menſchlichen Begebenheiten vor Augen geſtellt wer— den, wodurch wir eines Theils die Errettung Grie— chenlands erſt verſtehen, andern Theils unſer Be muͤth auf das allein und ewig Unwandelbare, auf das Goͤttliche hinrichten lernen.

„Kroͤſos der Lydier, des Alyattes Sohn, war der erſte unter den Barbaren, ſo weit wir wiſſen, der ſich einige Staͤmme der Hellenen (die Jonier und Aeolier und Dorier in Aſien) zinsbar machte.“ So führt uns alſo die frey gewählte Aufgabe des Hiſtorikers in den Mittelpunkt der Lydiſchen Geſchichte.

Von dieſem Mittelpunkte wuͤrde der Dichter ohne weiteres zu feinem Ziele fortſchreiten, oder hoͤch— ſtens gelegentlich mit den früheren und fpäteren Bege— benheiten ſorglos ſpielen: der Geſchichtſchreiber geht, wie in feinem ganzen Werke, fo in jeder einzels nen Parthie deſſelben zu dem Aufange zuruͤck, und ſucht die Zwecke des Unterrichts mit der freyen Befrie⸗ digung, die die Vollendung der Haupthandlung ge⸗ waͤhrt, zu vereinigen. Wir ſollen belehrt werden, wer dieſe Barbaren ſind, welche es unternahmen, Hellenen zu unterjochen, und was fuͤr ein Koͤnigs— geſchlecht es war, aus welchem dieſer, dem Griechiſchen

33) I. 5.

Dritter Abſchnitt. 137

Namen ſo furchtbare Kroͤſos abſtammte. Er war der ste Nachkomme des Gyges, welcher nach Vertilgung des letzten Herakliden Kandaules die Dynaſtie der Mermnaden in Lydiſchen Reiche eroͤffnete. Kroͤſos beſchloß ſie, und erfuͤllte dadurch ein von dem Gotte zu Delphi jener Vertilgung wegen angedrohetes Schickſal 54). Wegen der wachſenden Macht der Perſer beſorgt, bietet er alle ſeine Kraͤfte gegen ſie auf: aber weder dieſe noch die den Griechiſchen Orakeln reichlich geſpendeten Geſchenke koͤnnen den ewigen Gang des Schickſals hemmen, das ihn durch dieſen Krieg in fein Verderben führte, das er ſich im Glanze feiner Herrlichkeit, durch den weiſen Mund Solons gewarnt, nicht als möglich gedacht hatte. Selbſt der, mit klu⸗ gem Vorbedacht geſuchten menſchlichen Huͤlfe eilt das Verderben zuvor. Der es ihm bereitete, war Kyros der Perſer. 1

„Hier forſchet die Hiſtorie ſowohl, wer dieſer Kyros ſey, der das Reich des Kroͤſos zerſtoͤrte, als auf welche Weiſe dieſe Perſer Oberherrn von Aſien wur— den. 3°), Dieſes Volk hatte ſich ſeit kurzem feiner _ Unterwuͤrfigkeit entwunden, und feine bisherigen Gebieter, die Meder, ſich ſelbſt unterworfen. Dieſe entzogen ſich zuerſt der Botmaͤßigkeit der Aſſyrier, (welche letztere bereits fuͤnfhundert und zwanzig Jahre das obere Aſien beherrſcht hatten) wurden mächtig, unterjochten die Perſer, und erwarben das ganze jems

34) I 13. 35) I. 95.

135 Dritter Abſchuitt.

ſeits des Halys gelegene Aſien, bis ihr Koͤnig Aſtyages, von ſeinem Enkel Kyros uͤberwunden, ſeine Herrſchaft an dieſen verlohr. Die Perſer in ihrer ſiegreichen Ausbreitung umfaßten auch Vorderafien, und volzos gen das uͤber den Mermnaden Kroͤſos verhaͤngte Schickſal. ü

Eine von der Zeitfolge abhängige His ſtorie haͤtte hier von dem Anfangspunkte jener | langen Herrſchaft der Aſſyrier ausgehen, ſodann zu den Medern, und fo fort zu den Perſern bis zu ihren. Kriegen mit den Hellenen fortſchreiten, und in dieſen Begebenheiten chronologiſch bis zu dem Punkte, der fuͤr den Geſchichtſchreiber Gegenwart war, herabſteigen muͤſſen. Alsdann hätte fie dem Inhalte nach eine allgemeine Geſchichte heißen koͤnnen, wie dann der ganze mythiſche und hiſtoriſche Kyklos des Mileſiers Dionyſios in dieſem Sinne wohl ſo heißen konnte.

Herodotos dagegen wollte den Krieg mit den Bar— baren in Aſien erzählen und für die Hellenen erzählen 3°), Er geht alſo von dem Lande aus, auf welches als den letzten Sitz und die Quelle des Streites die Blicke ſeiner Landesleute hingerichtet waren. Wollte er aber hier, gleichſam an Ort und Stelle, die Wurzel des Krieges aufſuchen, ſo mußte er in die Hiſtorie der Lydier eingehen, welche ihn ſofort in den Mittelpunkt der aha ee fuͤhrt.

36) Gatterer hiſtoriſche Bibl. afer B.

Dritter Abſchnitt. 139

Bey dieſem letztern Uebergange zeigt ſich indeſſen, wie ſehr er es verſteht, eine moͤglichſt genaue und chronologiſch geordnete Kenntniß der Vorzeit mit der Darſtellung der großen Handlung der Gegenwart zu vereinigen. Er gibt hier zum Beyſpiel die Dauer der Herrſchaft der Aſſyrier, und weiter hin 37) die Periode des Mediſchen Reichs mit großer Sorgfalt an, und ſo weiſet er immer, waͤhrend er zu dem freygewaͤhl— ten Ziele ſeiner Hiſtorie fortſchreitet, auf die in der Zeit gegebene Folge der Begebenheiten hin. f

Fragt man alſo, warum z. B. hier, wo doch der Aſſyrier gedacht wird, nicht auch ſofort ihre Geſchichte folgt, fo iſt die Antwort: eben weil das felbfis gewählte Ziel in der Geſchichte der Per; ſer liegt. In dieſer letztern ſteht Herodotos auf dem Punkte, wo Kyros ſein Volk befreyet, und es zur Ueberwindung Aſiens fuͤhrt: die Hiſtorie, indem ſie dieſe Siege begleitet, kehrt von ſelbſt wieder in das obere Aſien, und in jene uralten Reiche zurück 58).

Die Perſiſche Geſchichte bleibt nun ferner auch der Grundfaden, auf dem das ganze Ge— webe aufgereihet wird, denn die Perſer find es, gegen welche die große That ges than, die Freyheit gerettet worden iſt.

37) I. 130. Vergl. 35. 38) I. 177 ff.

140 Dritter Abſchnitt.

An die Kette der Thaten und Schlckſale dieſes herrſchenden Volks werden theils die Hiſtorien aller uͤbrigen Barbaren, die Sitten fremder Voͤlker, die Merkwuͤrdigkeiten ferner Länder, theils die Alterthuͤmer der Hellenen ſelbſt, und ihre fruͤhern Geſchichten ans geknuͤpft.

Eine ausfuͤhrliche Darstellung des Planes der Herodoteiſchen Hiſtorie liegt außer den Graͤnzen dieſer Abhandlung, und ein kurzer Abriß wuͤrde den Eindruck nicht wiedergeben, den die Erſcheinung dieſes ſchoͤn organiſirten Koͤrpers macht. Deßwegen kann hier nicht ſowohl eine Darſtellung jener Einheit, als eine Betrachtung über die das Ganze zuſammen— haltenden Grundideen erwartet werden,

Es iſt auf den erſten Blick auffallend, wenn Dionyſios von Halikarnaſſos, der, wie wir oben ſahen, die Anordnung des Herodoteiſchen Werks ſo ruͤhmlich auszeichnet, in einer andern Stelle ſagt, dieſer Hiſtoß riker habe, ſo wie Hellanikos, ſeine Erzaͤhlung nach den Oertern eingetheilt 59). Daß Hellanikos einer folchens lokalen Abtheilung folgte, iſt nach dem oben dargeleg— ten Inhalt ſeines Werks ſehr begreiflich. Wie aber Herodotos mit ihm hierin verglichen werden ja leuchtet nicht ſogleich ein.

39) De Tbucyd. Iudic. VI. 926. Er redet von der | Eintheilung der Geſchichte des Thukydides: STE ag rig Tomas, & og al monbeıs Erereis0Iyoay, anoAsFwy Emepige Tas Ötyyyasıs, ws ‘Hooöoros re zaı 'EAAavınog au aAdoı Five my 700 TB GUY- naYswv £mroyoav ve. T. A,

Dritter Abſchnitt. 141

Indem dieſer letztere die gegen die Perſer gerettete Freyheit zum Ziele feiner Hiſto—

rie machte, womit aber eine Beſchreibung und Ges

ſchichte der ganzen damaligen Welt verbunden werden ſollte, faßte er die Begebenheiten des weltbeherrſchen— den Volks in ihren erſten Anfangspunkten auf, und verfolgte dieſes letztere in dem Fortgange feiner Welt- eroberung. Wie alſo die alles ergreifende Macht dies ſes Volkes ſich von einer Weltgegend zur andern wen— det, eine Nation nach der andern erreicht, ſo wendet ſich die Erzählung von Vorderafien nach Babylon, von da nach den Kuͤſten des Kaspiſchen Meeres, von hier nach Aegypten, nach den Wohnſitzen der Skythen, nach den fernen Gegenden von Afrika u. ſ. w., und berichtet dabey jedes Landes Natur, den Urſprung, die Sitten und Begebenheiten ſeiner Bewohner. Von dieſer Seite betrachtet, iſt die Richtung des ganzen Werkes durch— aus lokal, und in der That nur ein großes Syſtem von Ortsgeſchichten, dergleichen die bisherige Logographie bereits eine große Menge, theils in ihrer oͤrtlichen Getrenntheit, theils nach einer gleichs falls lokalen Verknuͤpfung aufgeſtellt hatte.

Allein hier erſcheinen dieſe lokalen Parthieen durch eine hoͤhere Einheit, „die Ueberwindung der Barbaren, welche die Welt uͤberwun— den hatten,“ durchaus bedingt. Deßwegen ſind auch alle dieſe, wenn auch oft ſehr weitlaͤuftigen, Voͤlkergeſchichten und Länderbefchreibungen im Ver- haͤltniſſe zum Ganzen Epiſoden. Von dem Mittel— a punkte der Perſiſchen Hiſtorie aus ſoll die ganze Welt dargeſtellt werden. Dieſe einmal gewaͤhlte

142 Dritter Abſchnitt.

Anordnung wird mit einer ſolchen Feſtigkeit durchs gefuͤhrt, daß ſelbſt die Helleniſchen Begebenheiten jener Hiſtorie nur zu dienen ſcheinen: Kroͤſos, auf die Bezaͤhmung der Perſer bedacht, bewirbt ſich um die Freundſchaft der Griechen *°), Bey dies ſer Gelegenheit erfahren wir den aͤlteſten Zus ſtand von Sparta und Athen. Der Verfolg der Geſchichte dieſer beyden Städte wird gleichfalls e pi— ſodiſch eingeführt *), da der Anführer des Joni— ſchen Bundes Ariſtagoras bey ihnen gegen die Perſer Huͤlfe ſucht, und erſcheint bey dieſer Gleichheit der Veranlaſſung mit jener erſten in einer ſchoͤnen Sym⸗ metrie. In demſelben Verhaͤltniſſe zur Perſergeſchichte ſteht die Erzählung von den Spartaniſchen Begeben— heiten im ſechſten Buche, die von dem Kriege der Athener mit den Aegineten, von der Eroberung der Inſel Lemnos durch Miltiades ) u. ſ. w. 22 4 Der organifirende Geiſt des Kuͤnſtlers laßt es uns hier ganz vergeſſen, daß wir uns in dem Mittelpunkte einer Hiſtorie befinden, die in ihrer durchaus helleni— ſchen Anſicht der großen Zeitbegebenheit mit den Pers ſern des Aeſchylos die groͤßte Aehnlichkeit hat. Ueberhaupt offenbart ſich der kuͤnſtleriſche Beruf des Hiſtorikers in nichts ſo ſehr, als in der Einwebung ſeiner Epifoden. Die Geſchicklichkeit, womit er

40) IJ. 36 - 69.

41) V. 39 —55.

42) VI. 52 ff. 87 ff. 137 ff. Vergl. VII. 133. 167 171. ö

Dritter Abſchnitt. 143

dieſe an das Ganze anreihet, iſt in der That oft übers raſchend. Darios auf ſeinem Zuge gegen die Skythen betrachtet den Pontos; der Erzaͤhler ergreift die Gele— genheit, dieſes Meer ) zu beſchreiben; der zu Sparta Huͤlfe ſuchende Ariſtagoras will dem Könige Kleomenes auf die Frage, wie weit der große Koͤnig von Jonien entfernt wohne, dieſen Weg beſchreiben, wird aber in dieſer Beſchreibung unterbrochen **), Hier nimmt Herodotos ſelbſt den Faden auf, und gibt uns einen vollſtaͤndigen Bericht von den Laͤndern, durch welche der Weg fuͤhrt, und der Entfernung, nach Tagen berechnet. Es ließen ſich viele Beyſpiele von dies ſer geſchickten Verknuͤpfung des Geographiſchen mit dem Hiſtoriſchen anfuͤhren.

Ueberhaupt erſcheint die Epiſode im Herodo— tos in fo reicher Mannigfaltigkeit, ſowohl ihrem In⸗ halte als ihrem Verhaͤltniſſe zum Ganzen nach, daß man ſich hier in eine Welt von neuen Er— ſcheinungen verſetzt ſiehet. Nur eine ins Einzelne ges hende Interpretation des Werkes kann die ganze Folge derſelben in ihrer Ordnung betrachten und nach Klaſſen ſondern. Wenn wir z. B. hier Epiſoden finden, die mit ſichtbarer kuͤnſtleriſcher Beſonnenheit eingewebt ſind, ſo ſieht man dagegen in andern keinen andern Grund ihres Daſeyns, als die zufaͤllige Verbindung der

Zeit.

43) IV. 85. 3 44) V. 50— 58.

144 Dritter Abſchnitt.

Der Hang zu epiſodiſcher Erweiterung der Ger ſchichte geht aus dem innerſten Geiſte des Kuͤnſtlers hervor. Gemuͤthliche Ausbreitung iſt der eigenthuͤmliche Charakter des Herodotos. Dieſer Grundtrieb ſeines Gemuͤthes fuͤhrte ihn auf ſeine große Wanderung, dieſe gab ihm den Vorſatz ein, mit der Hiſtorie des Perſerkriegs die ganze von den Perſern behervſchte Welt zu umfaſſen. Nachdem er ſich aber einmal jenem Hange in dem Auffaſſen einer ſo großen Idee uͤberlaſſen hatte, mußte ihm die epiſodiſche Vers bindung der Nebenparthien mit dem Hauptzwecke eben fo nothwendig als vortheilhaft ſcheinen. In der Aug fuͤhrung des großen Planes wirkte aber natuͤrlich jener Grundtrieb ſeines Gemuͤths fort.

Zugleich äußert ſich in jenem epiſodiſchen Salem menfaſſen alles Darſtellbaren eine gewiſſe Jugendlichkeit des darſtellenden Geiſtes. Dieſer ſteht auf der Graͤnze zwiſchen der kindiſchen Weltanſicht, der jeder Eindruck neu und merkwuͤrdig iſt,